Kunstfestival "Gegenwarten" Streit um Kunstaktion zur Antifa in Chemnitz

Schon im Vorfeld der Ausstellung "Antifa - Mythos und Wahrheit" im Rahmen des Kunstfestivals "Gegenwarten Chemnitz" gab es Reibereien. Exponate der Gruppe "Peng! Collective" sind in die Diskussion geraten. Bei der Debatte ging es jedoch weniger um die symbolischen Objekte und die dazugehörige Versteigerung, sondern um eine Texttafel. In der Aufregung sieht Frédéric Bussmann, Generaldirektor der Chemnitzer Kunstsammlungen, auch eine Chance für anregende Diskussionen.

Einen Einkaufswagen als Symbol für die Eskalation der Silvesternacht in Leipzig-Connewitz stellt die Gruppe Peng!Collective unter dem Titel "Antifa - zwischen Mythos und Wahrheit" in den Kunstsammlungen Chemnitz aus
Der Einkaufswagen aus der Kunstaktion "Antifa – zwischen Mythos und Wahrheit" Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Die Künstlergruppe Peng! hat getwittert, dass sie von einer Ausstellung der Kunstsammlungen Chemnitz ausgeladen wurde. Stimmt das?

Frédéric Bussmann: Die beiden Kuratoren Florian Matzner und Zara Siegmund haben die Künstlergruppe Peng! eingeladen, sich einen Beitrag zum Festival "Gegenwarten" zu überlegen. Das Kollektiv hat das Projekt "Antifa – zwischen Mythos und Wahrheit" entwickelt, das sich auf einen musealen Kontext bezieht. Es gab dann einen Dissens darüber, ob in diesem speziellen Kontext des Museums die Nennung von Parteien wichtig ist. Ich musste dann wirklich klären: Geht das so für die Kunstsammlung? Es wurde von den Kuratoren aber nie eine komplette Ausladung ausgesprochen, sondern wir haben gemeinsam überlegt, unter welchen Bedingungen wir das realisieren können.

In der Diskussion geht es auch um die künstlerische Freiheit und die Intention der Künstlergruppe bei dem Erwerb von insgesamt zehn Objekten, die etwas mit der Antifa zu tun haben oder aus antifaschistischen Aktionen stammen. Es geht aber auch um die mediale Berichterstattung über die Antifa und einer gewissen Kriminalisierungsstrategie. Mit diesen Objekten sollte die Diskussion um den Begriff "Antifa" in den Raum gestellt werden. Es wird zum Beispiel eine Spraydose einer älteren Dame gezeigt, die seit langer Zeit Nazi-Graffitis so verändert, dass sie nicht mehr zu lesen sind. Es wird ein Bierkasten gezeigt, der darauf rekurriert, dass die Bewohner des sächsischen Dorfes Ostritz im Jahr 2019 den kompletten Biervorrat aufgekauft haben, damit die Besucher des Rechtsrock-Festivals "Schild und Schwert" kein Bier haben. Dann ist da ein Einkaufswagen, der wie von Kindern als Polizeiauto verkleidet wurde. Der bezieht sich auf den Polizeieinsatz in der Nacht des Jahreswechsels 2019/20 in Leipzig-Connewitz und den anschließenden Diskussionen. Es wird ein Kantholz gezeigt, das an den angeblichen Anschlag auf den Bremer AfD-Abgeordneten Frank Magnitz erinnert.

Observatorium, Wandelgang, 2020 Brückenstraߟe 30
"Wandelgang" der Künstlergruppe Observatorium beim Chemnitzer Kunstfestival "Gegenwarten" Bildrechte: Roman Mensing

In einem Wandtext wird dann auf drei Parteien verwiesen, was für die Künstler vollkommen in Ordnung ist, aber für mich als Leiter der Kunstsammlung ein Problem darstellen könnte wegen der Wahrung der parteipolitischen Neutralität. Dieses Spannungsverhältnis ist bis heute unaufgelöst. Mir ist wichtig, dass ich das kläre und auch mit der Stadt Rücksprache halte, ob wir das machen können oder ob das Probleme geben kann.

Es ist schwierig zwischen künstlerischer Freiheit und politischer Agitation zu differenzieren. Zum Beispiel dieser Einkaufswagen: In dieser Nacht gab es einige Verletzte. In diesem Zusammenhang wird auch ein Feindbild der Polizei aufgemacht. Da es in der Ausstellung oder in dieser Kunstaktion auch um den Mythos geht, kann es da zu Verharmlosungen kommen?

Ich hoffe, dass es nicht verharmlosend gesehen wird. Mir war es wichtig, dass wir vorher über die Objekte sprechen, dass keine Gewaltverherrlichung stattfindet und keine Verfassungsfeindlichkeit propagiert wird. Da besteht auch Konsens mit dem Künstlerkollektiv Peng!. Es geht eher um die Diskussion, was vor Ort passiert ist, wie wurde darüber berichtet, wie wurde diese Berichterstattung eingesetzt. Eine Ausstellung kann dazu einladen, über diese medialen Strategien zu diskutieren.

Bei dieser Ausstellung geht es viel um Politik in einer Stadt, in der die Politik sehr hochgekocht ist. Haben Sie diesen Skandal absehen können?

Henrike Naumann: Evolution Chemnitz, 2020
"Evolution Chemnitz" von Henrike Naumann Bildrechte: Roman Mensing

In der Form habe ich das nicht erwartet. Die Diskussion lässt sich vielleicht auch auf ein Missverständnis zwischen der Künstlergruppe und den Kunstsammlungen Chemnitz zurückführen. Ich hoffe, dass wir das klären konnten. Wir prüfen, ob es da noch Probleme geben kann, aber von unserer Seite ist das alles in Ordnung. Ich bedauere, dass das alles andere etwas überschattet hat: Wir haben 19 andere Positionen in der Stadt, die auch politische Themen behandeln, wie Tobias Zielony über den NSU oder Henrike Naumann über Evolution Chemnitz.

Viele Menschen springen nun wegen der Debatte auf das Werk vom Peng!-Kollektiv an, vielleicht sogar ohne es gesehen zu haben. Wenn man das den anderen Künstlern entgegenstellt: Kann man als Kurator denn eigentlich einer solchen Dynamik entgegenwirken? Oder sitzen Sie in so einer Art Skandalfalle?

Ich finde es wichtig, dass diskutiert wird – auch kontrovers. Durch eine Provokation und auch durch die Aufmerksamkeit wird auch debattiert. Mir ist wichtig, dass die Leute sich ihre eigene Meinung bilden, sich die Werke wirklich anschauen und dann eine sachliche, ruhige Diskussion stattfinden kann.

Das Gespräch führte Moderatorin Julia Hemmerling für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. August 2020 | 13:10 Uhr