Neueröffnung Freital überrascht mit großer Kunstschau auf Schloss Burgk

Schon immer war Freital ein Ort, der Kunstschaffende anzog. Jetzt zeigt die einstige Industrie- und Bergstadt, die zu Zeiten der Weimarer Republik eine rote Hochburg war, zuletzt aber vor allem wegen rechter Umtriebe medial präsent, diese wenig bekannte Tradition. Die "Große Kunstschau Freital" versammelt 48 Werke von 30 Künstlerinnen und Künstlern aus Anlass des 100. Gründungsjubiläums der Stadt, die 1921 aus dem Zusammenschluss von zunächst drei Gemeinden entstand. Organisiert hat sie die neue Leiterin der Städtischen Sammlungen, Kristin Gäbler. Mitten in der Pandemie eröffnet, soll die Schau bis 13. Juni auf Schloss Burgk zu sehen sein. Vorerst nur nach Anmeldung und an den Wochenenenden.

Im März erst hat Kristin Gäbler ihre Stelle als Leiterin der Städtischen Sammlungen Freital angetreten und schon reichlich einen Monat später die erste Ausstellung auf die Beine gestellt – und sie nicht unbescheiden "Große Kunstschau Freital" genannt. Als Kunststadt kann die Stadt im Döhlener Becken wohl nicht gelten, aber als ein Ort, der Künstler immer angezogen hat.

Die Romantiker sind in Scharen durch den Plaunschen Grund gezogen und haben Freital gemalt. Ludwig Richter hat hier die Hochzeit seiner Tochter gefeiert und später, als dann die Industrie kam, als die Kohle abgebaut wurde, wurde die liebliche Landschaft zu einer Industrielandschaft und deren herber Charme hat die Künstler wieder angezogen.

Kristin Gäbler Leiterin Städtische Sammlungen Freital

Herber Industrie-Charme

Ein herber Charme mit Fördertürmen, Schornsteinen, Abraumhalden und der vielbefahrenen Eisenbahnlinie. Freital blieb die Stadt der arbeitssamen sogenannten kleinen Leute, jede großbürgerliche Attitüde ist ihr fremd.  

Die Ausstellung in den Städtischen Sammlungen auf Schloss Burgk, das einst dem Industriepionier Dathe von Burgk gehörte, versammelt 48 Werke von 30 Künstlerinnen und Künstlern, die hier seit der Stadtgründung ständig oder zumindest zeitweise lebten bzw. heute hier ansässig sind. Herman Lange, Willi Kutzner, Barbara Hornich und Olaf Stoy – sind nur einige der Namen.

Hanusch und Haselhuhn, "der heimliche van Gogh der DDR"

Bevorzugtes Motiv ist das Tal der Arbeit, aber es finden sich auch Porträts, Stillleben, Straßenszenen, Interieurs, Landschaften, wie Gäbler erklärt: "Dass es einen schönen Querner in Freital gibt, das hat man gewusst. Aber dass z.B. Karl Hanusch fast flirrende impressionistische Gemälde gemalt hat? Es war auch nicht klar, dass wir sehr schöne Sachen vom Haselhuhn haben – Landschaften, Sonnenblumen. Wir sagen ja immer, Haselhuhn ist der heimliche van Gogh der DDR.  

100 Jahre Freital & Städtische Sammlungen

In diesem Jahr feiert die knapp 40.000 Einwohner zählende Stadt Freital vor den Toren Dresdens ihr 100-jähriges Jubiläum.

Aus dem Zusammenschluss dreier Gemeinden entstand eine von Bergbau und Industrie geprägte Stadt, eine Hochburg der Sozialdemokratie.

Symbolträchtig erhielt die neue Stadt den Namen "Freital".

Die Wende und die Umstellung der Industrie hat Freital trotz großer Arbeitsplatzverluste mittlerweile ganz gut weggesteckt, aber fremdenfeindliche Übergriffe, rechte Randale oder die Terrorgruppe Freital brachten die Stadt in den letzten Jahren überregional in die Schlagzeilen.

Anlässlich des Gründungs-Jubiläums veranstalten die Städtischen Sammlungen nun die "Große Kunstschau".

1923 als Heimatmuseum gegründet sind die Sammlungen heute eins der größten nichtstaatlichen Museen in Sachsen. Das einstige Rittergut Burgk, seit dem 14. Jahrhundert als Herrensitz bekannt, war im 19. Jahrhundert Verwaltungssitz der von Burgkschen Steinkohlenwerke und ist heute ein Museumskomplex, in dem auch über die 500-jährige Geschichte des Steinkohlenbergbau der Region informiert wird. Es gibt einen Technikgarten sowie ein Besucherbergwerk.

Die Städtische Kunstsammlung zeigt Werke die im Zeitraum von etwa 1890 bis 1950 entstanden sind. Glanzpunkte bilden neun Gemälde von Otto Dix. Mit Wilhelm Lachnit, Pol Cassel, Conrad Felixmüller, Otto Lange, Curt Querner, Ewald Schönberg sind auch Künstler aus dem Umkreis vertreten. Die Lehrer der Dix-Generation werden durch Werke von Carl Bantzer, Gotthardt Kuehl, Richard Müller, Sascha Schneider, Ludwig von Hofmann und Oskar Zwintscher vorgestellt.

Inspiriert von Expressionismus und Neuer Sachlichkeit

Die hier Geborenen gingen an Kunsthoch- oder Kunstgewerbeschulen, um dann wieder zurückzukehren, wie z.B. der Grafiker Wolfgang Petrovsky, der aus Hainsberg stammt, in Leipzig studierte und schon als Kind im Zeichenzirkel des Edelstahlwerkes seine ersten Blätter füllte. Petrovsky erinnert sich noch an den Leiter Werner Haselhuhn: "Der war ein wunderbarer Mensch, der mit Kindern umgehen konnte, vorher war ich ja bei Bammes, dem strengen Anatomielehrer; er ist mit einem Deckfarbenblatt 'Arbeitspause' von 1949 in der Jubiläumsausstellung vertreten. Werner Haselhuhn sagte auch mal: 'Na Mensch, leg los, richtig Farbe druff!' Der hat einem Mut gemacht, Dinge zu tun, die man sich sonst nicht getraut hat."

Anregungen boten Dresdens Museen, aber auch die hervorragende stadteigene Sammlung mit sächsischer Malerei von der Romantik bis zu Expressionismus und Neuer Sachlichkeit – mit allein neun Bildern von Otto Dix.

Kunstleben vor und nach der Wende

Inspiration lieferte auch das Antiquitätengeschäft von Gerhard Patzig, der nicht nur selbst aquarellierte, Bauernschränke und Meißner Porzellan anbot, sondern auch weithin beachtete Ausstellungen veranstaltete, bis ihm die Steuerfahndung der DDR nach bekannter Manier das Geschäft schloss. Nach der Wende gründete sich der k.u.n.s.t.verein Freital und schuf sich im ruinösen alten Einnehmerhaus Arbeits- und Ausstellungsräume: "Ach, hat jeder sein Ding gemacht, sag ich mal so, aber es gab Berührungspunkte." So beschreibt Wolfgang Petrovsky Gemeinsamkeiten ohne Enge. Und heute? Da sei der Künstler Matthias Jackisch nicht weit weg: "Wir kennen und schätzen uns, denk ich, aber so dick aufeinander sitzen wir nicht."

Eng verbunden fühlt sich Petrovsky immer noch dem Maler Andreas Küchler: "Der hatte in Freital das Atelier, er kam zu mir und ich zu ihm. Das war für mich eine spannende Zeit, umso schlimmer ist dann sein früher Tod gewesen, viel zu früh." Andreas Küchler, der hintergründige Melancholiker mit den dunkel leuchtenden Farben, ist in der Ausstellung mit dem Bild "Blauer Mond" von 1998 vertreten. Petrovsky selbst mit einer Hommage an ihn und einer Collage für den sozialdemokratischen Journalisten Kurt Heilbut, der in Auschwitz ermordet wurde.  

Städtische Sammlungen als Kleinod

Die Stadt weiß durchaus zu schätzen, welches Kleinod sie mit den Städtischen Sammlungen, die auch Regional- und Bergbaugeschichte umfassen, hütet.  Bürgermeister Uwe Rumberg sagt dazu: "Letztendlich entscheidet der Stadtrat über Haushaltsmittel. Da wurde eigentlich nie in Größenordnungen der Rotstift angesetzt, das ging immer sukzessive, aber doch wirtschaftlich vertretbar mit Schloss Burgk und den Städtischen Sammlungen nach oben."

Immerhin kann Kerstin Gäbler sogar über einen, wenn auch kleinen Ankaufsetat verfügen. Ein Katalog war in der Kürze der Zeit nicht zu stemmen, aber die Besucherinnen und Besucher können sich aus ausliegenden Blättern ihre eigene Mappe zusammenstellen.

Angaben zur Ausstellung Große Kunstschau Freital
Bis 13. Juni 2021

Städtische Sammlungen Freital
Schloss Burgk
Altburgk 61
01705 Freital

Pandemiebedingte Öffnungszeiten:
Samstag / Sonntag: 10 bis 17 Uhr

Der Besuch ist nur mit vorheriger Terminbuchung einschließlich Dokumentation für die Kontaktnachverfolgung möglich.

Für den Besuch ist die Vorlage eines negativen Schnell- oder Selbsttests notwendig, der nicht länger als 24 Stunden zurückliegen darf.

Außerdem sind Hygiene- und Abstandsregelungen einzuhalten und eine medizinische Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.

Termine können wochentags jeweils zwischen 9:00 und 16:00 Uhr telefonisch unter 0351 / 649 15 62 gebucht werden.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. April 2021 | 17:10 Uhr

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