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"Fritz Winter. Durchbruch zur Farbe"Angermuseum Erfurt zeigt abstrakte Malerei von Fritz Winter

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR - Landeskorrespondentin für Thüringen

Stand: 06. November 2021, 04:00 Uhr

Im Erfurter Angermuseum wird am 6. November eine neue Sonderausstellung eröffnet. Sie widmet sich Fritz Winter - einem Maler, der im Westdeutschland der Nachkriegszeit mit seinen abstrakten Bildern, bei der die Farbauswahl auch die Kriegserfahrungen widerspiegelt, erfolgreich war und mehrfach bei der documenta von sich Reden machte. In Ostdeutschland ist er noch relativ unbekannt. Völlig zu Unrecht befinden die Organisatoren der retrospektiv angelegten Schau. Sie bieten Winter die große Bühne.

Am Anfang ist da ein junger Mann. Mit schwarzer Aquarellfarbe und kontrollierten Pinselstrichen aufs Papier gebracht, schaut er der Betrachterin entgegen. Dieses Selbstbildnis von Fritz Winter, entstanden 1927, wird allerdings das einzige Werk in der Ausstellung bleiben, das auf den ersten Blick erkennbar figürlich ist.

Denn Winter geht, nachdem er zunächst als Elektriker unter Tage gearbeitet hat - ans Bauhaus in Dessau. Dort nimmt er Unterricht bei Wassily Kandinsky, bei Oscar Schlemmer - und vor allem bei Paul Klee. Dazu sagt Kai-Uwe Schierz, Direktor der Erfurter Kunstmuseen: "Klee macht ihn geschmeidig. Und Klee zeigt ihm auch den Eigenwert der künstlerischen Materialien."

Ein Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft

Von den Motiven her setzt sich fortan Winter mit abstrakten Formen auseinander, und mit den verschiedensten Techniken bringt er seine Kunst aufs Papier - er sprüht, nutzt Schablonentechnik, ritzt durch die Farbschichten.

Fritz-Winter-Ausstellung in Erfurt. Bildrechte: Fritz Winter Stadtverwaltung Erfurt/D. Weisheit

Anfang der 30er-Jahre befasst er sich mit Zellstrukturen, malt verschiedene Bilder, auf denen ovale Zellwand und Zellkern erkennbar sind. Naturwissenschaftliche Zusammenhänge faszinieren ihn. Kurator Thomas von Taschitzki sagt dazu: "Und dann entwickelt er diese im weitesten Sinne biomorphen, abstrakten Flächenformen. Die hier ganz klar gegeneinander gesetzt sind."

Die dunklen 30er-Jahre

Schon die Zell-Bilder sind von den Farben her gedeckt gehalten, doch das reicht Fritz Winter nicht aus. Seine Werke werden immer düsterer. Dunkelgraue, dunkelbraune Flächen sind zu sehen, oft voneinander abgesetzt durch dicke schwarze Linien.

Dunkle Werke in der Fritz-Winter-Ausstellung. Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt / D. Weisheit

Besonders die 30er-Jahre sind laut dem Direktor der Erfurter Kunstmuseen, Kai-Uwe Schierz, spannend, da "Fritz Winter da extrem auf so ne dunkle, sehr tonale Kunst abhebt. Die kaum Farbe hat. Und die mit so Lichteffekten umgeht. Da kommt sozusagen öfter so ein Lichtblitz mitten in ein tiefes Dunkel hinein."

Von der Front direkt ins Atelier

Diese Bilder passen rein gar nicht zu den ästhetischen Vorstellungen der Nazis, so dass sie 1937 als "entartet" gebrandmarkt werden. Winter wird mit einem Malverbot belegt und zwei Jahre später als Soldat einberufen. Es folgen harte Jahre. Er wird schwer verwundet, und dennoch zieht es ihn im Genesungsurlaub direkt wieder ins Atelier. Ein Konvolut kleinformatiger Ölblätter mit dem Titel "Triebkräfte der Erde" entsteht. Vier der rund 50 Bilder sind nun im Angermuseum zu entdecken. Winter hat hier mit Schablonen gemalte Formen zu Papier gebracht, die sich immer wieder überlagern. So entstehen kristalline, semitransparente Strukturen, eine Illusion von Räumlichkeit wird erzeugt.

Sie wirken, als würde man tief im Berg, tief unter der Erde auf Kristalle stoßen, die geheimnisvolle Lichtquellen durchleuchten.

Kai-Uwe Schierz, Direktor der Erfurter Kunstmuseen

Der Weg zurück zu den Farben

Die Ölblätter machen Winter im Westdeutschland der Nachkriegszeit schlagartig berühmt. Er gründet die Künstlergruppe ZEN 49 mit, stellt bei der ersten documenta 1955 in Kassel seine Werke prominent aus. Der Erfolg lässt ihn aber nicht in künstlerischen Stillstand verfallen.

Hängung in der Fritz-Winter-Ausstellung in Erfurt. Bildrechte: Fritz Winter Stadtverwaltung Erfurt/D. Weisheit

Plötzlich kehrt die Farbe wieder zurück in seine Bilder, anfangs noch umrahmt von dicken schwarzen Pinselstrichen. Diese aber verschwinden irgendwann auch, so dass am Ende seines Lebens rot, blau und grün in den verschiedensten Nuancen seine Bilder dominieren. Die Ausstellung in Erfurt, welche in enger Kooperation mit dem Emil-Schumacher-Museum entstanden ist, zeichnet mit rund 100 Werken den Weg eines Künstlers nach, der sich immer weiter entwickelt hat - und den es nun auch in Ostdeutschland zu entdecken gilt.

Informationen zur Ausstellung"Fritz Winter. Durchbruch zur Farbe"

Angermuseum Erfurt, Anger 18, 99084 Erfurt

7. November bis 6. Februar 2022

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr

Führungen durch die Sonderausstellung:
donnerstags 16 Uhr: 18.11.21, 02.12.21, 16.12.21, 13.01.22, 27.01.22
sonntags 11:15 Uhr: 06.02.22

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 06. November 2021 | 07:45 Uhr