"Portraits. Abstraktionen. Glas" Gerhard Richter in Dresden: Ausstellung gibt intimen Einblick in das Werk des Malers

Dresden feiert Gerhard Richter: Zum 90. Geburtstag des Malers präsentieren die Staatlichen Kunstsammlungen eine sehr persönliche Schau in seiner Heimatstadt. Die Ausstellung mit etwa 40 Arbeiten gewährt einen intimen Einblick in das Werk des Künstlers. Denn Gerhard Richter hat alles selbst konzipiert und kuratiert. Zu sehen sind ausgewählte Kunstwerke, die dem Maler etwas bedeuten: Gemälde seiner Familie, Selbstportraits, abstrakte Bilder sowie besondere Glaskunst.

Gerhard Richter, Selbstportrait (1996) 4 min
Bildrechte: Gerhard Richter 2021 (0165/2021) The Museum of Modern Art, New York. Gift of Jo Carole and Ronald S. Lauder and committee on Painting and Sculpture Funds, 1996

Das Selbstbildnis von Gerhard Richter hängt nicht im Zentrum der Ausstellung, sondern auf einem schmalen Wandstück neben einem Durchgang und wurde als Leihgabe extra aus dem New Yorker MoMA geholt – das nur mittelgroße Bild aus dem Jahr 1996 stammt aus einer Zeit als Gerhard Richter schon als einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart weltweit anerkannt war.

Das Porträt, gemalt nach einem Foto, zeigt ihn nicht in frontaler Präsentation, vielmehr geht sein ernster skeptischer Blick an der Kamera vorbei, auch hier jede Attitude als Malerfürst oder Meistermaler vermeidend. 

Reflexion des eigenen Werks zum 90. Geburtstag

Gerhard Richter sei jemand, der sich und sein Werk immer selbst befrage und dabei in dem bescheidenem Gestus des Fragens verbleibe, so Marion Ackermann, die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden.

Der Maker Gerhard Richter neben einem seiner Gemälde
Der 90. Geburtstag von Gerhard Richter ist nicht der erste, den die SKD feiert. Schon 2017 gab es eine Ausstellung zu 85. Geburtstag des Künstlers im Dresdner Albertinum. Bildrechte: Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: David Pinzer

"Philosophie spielt eine wichtige Rolle für ihn, man denke nur an das Spiegelmotiv", ergänzt sie. "Der Spiegel zeigt alles oder nichts zugleich. Er zeigt einen selbst, aber er ist nichts anderes als ein Spiegel und man wird wieder hinausgeworfen aus dem Bild. Es ist beides zugleich – es ist Befragung und zugleich ein Stück Verweigerung."

Gerhard Richter hat die Ausstellung selbst konzipiert

Wie immer hat Gerhard Richter auch diese Ausstellung am Modell der Räume in seinem Kölner Atelier akribisch selbst vorbereitet, sowohl die Auswahl als auch die Hängung. Die Werke kommen von ihm, aus der unlängst gegründeten Richter-Stiftung, aus Museen und aus Privatbesitz. Porträts, abstrakte Werke und nicht-malerische Objekte sind in drei große Oberlichtsäle des Albertinums eingezogen.

So ist die Ausstellung zwar kleiner geworden, aber doch eine sehr persönliche Ausstellung, die auch einige Meilensteine seines Werkes enthält.

Hilke Wagner, Direktorin der Galerie Neue Meister

Die große Geburtstagsausstellung sollte ursprünglich im Salzgassenflügel zu sehen sein. "Aber das war Richter gar nicht recht", erklärt Hilke Wagner, Direktorin der Galerie Neue Meister. "Er hat gesagt, er möchte diese Oberlichträume, weil in keinem anderen Raum die Werke so gut wirken. So ist die Ausstellung zwar kleiner geworden, aber doch eine sehr persönliche Ausstellung, die auch einige Meilensteine seines Werkes enthält." 

Vier Bilder mit Portraits hängen nebenaneinder an einer Wand.
Bei der Dresdner Geburtstagsausstellung von Gerhard Richter handelt es sich um eine persönliche, intime Schau, u.a. mit vielen ikonischen Portraits seiner Kinder. Bildrechte: Gerhard Richter 2022, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: David Pinzer

Meilensteine von Richters Werk in Dresden zu sehen

Die Ausstellung mit etwa 40 Arbeiten ist keine Retrospektive, so fehlen zum Beispiel die Bilder, in denen er sich mit deutscher Geschichte auseinandersetzt, sondern es ist ein sehr persönlicher und - was den Mittelteil - betrifft geradezu intimer Auftritt. Hier zeigt er Gemälde seiner Familie, seiner Frau und vor allem der Kinder.

Das schon ikonisch gewordene Bild mit dem auf einer Platte aufliegenden Kopf seiner großen Tochter Betty gehört dazu wie das seines jüngsten Sohnes Theo. Durch die Unschärfe erscheinen die Porträtierten oft wie entrückt, abgehoben von der Realität, zumal Richter sie auch in kunsthistorisch aufgeladenen Posen zeigt – und keineswegs grau in grau, sondern farbig.

Staatliche Kunstsammlungen Dresden beweisen Expertise

Nebenan hängen die die großen abstrakten Werke, darunter der Fels – jenes Gemälde, das bei einer Versteigerung zugunsten der Kunstsammlungen nach dem Hochwasser 2002 die Wiederannäherung Richters an Dresden brachte. Für seine Heimatstadt habe er eine starke Emotion, die in der Ausstellung zu spüren sei, so Direktorin Marion Ackermann.

"Er sieht uns auch als ganz wichtige und zentrale Stelle für die Vernetzung aller Forschungsinteressen zu Gerhard Richter, aller Ausstellungen – Expertise wird hier gebündelt", so die Direktorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden weiter. Zu sehen vor allem am 2006 gegründeten und von Dietmar Elger geleiteten Gerhard-Richter-Archiv.

Gerhard Richters Portraits, abstrakte Werke und Glaskunst

Die abstrakten Bilder mit den aufgerissenen Farbschichten entstehen in einem langsamen, sich oft über Monate erstreckenden Werkprozess mit Rakel, Spachtel und Messer – bis das Bild die als optimal und gültig empfundene Komposition in Form und Farbe erreicht hat.

Auch das von Richter so bezeichnete letzte große Gemälde, mit dem er sein malerisches Oeuvre 2017 als abgeschlossen erklärt, ist so entstanden. Aber natürlich arbeitet er im Kölner Atelier weiter – und zwar an Zeichnungen, weiß Kunsthistoriker Dietmar Elger. 

Abstraktes Bild von Gerhard Richter (2017)
Dieses abtrakte Bild von Gerhard Richter aus dem Jahr 2017 zählt zu seinen letzten Gemälden. Seit einigen Jahren fertigt der weltberühmte Maler hauptsächlich Zeichnungen an. Bildrechte: Gerhard Richter 2021 (0165/2021)

Besucher und Besucherinnen werden selber zum Motiv

Im dritten Saal gibt Richter die Regie weitgehend ab: an den Computer, der die Farben generiert und verteilt in den Prints, an die Spiegel und an das große Objekt "9 Stehende Scheiben", das Dietmar Elger als eine Bildmaschine beschreibt. "Weil sie Bilder erzeugt, weil in ihr Bilder aufscheinen. Richter ist der Initiator, derjenige, der die Bilder anleitet und der die Maschine gebaut hat, die die Bilder erzeugt."

9 Stehende Scheiben, Glas und Stahlkonstruktion von Gerhard Richter (2002/2010)
Auch wenn Gerhard Richter vorrangig für seine Gemälde bekannt ist, gehören auch Glas- und Stahlkonstruktionen wie diese zu seinem Œuvre. Bildrechte: Gerhard Richter 2021 (0165/2021), Foto: David Brandt, SKD

Das Objekt, das man trotz seiner Größe von über drei Metern Höhe, zwei Metern Breite und fünf Metern Tiefe als filigrane Skulptur wahrnimmt, besteht aus neun im Abstand von 50 cm parallel hintereinanderstehenden Glasscheiben, die mittels einer Stahlkonstruktion und diagonal verlaufender dünner Drahtseile fixiert ist. 

Im Vorbeigehen werden die Besucherinnen und Besucher selbst zum Motiv: je nach Bewegung als mehr oder weniger verschwommener Schatten. Was ist Bild? Was Abbild? Man schaut hinein und gleichzeitig sich an!

Filmtipp: Gerhard Richter Painting

Am 6. Februar 2022 zeigt das MDR Fernsehen den Film "Gerhard Richter Painting". Der Film nimmt das Gesamtwerk des Künstlers zum Anlass, die Kraft zu ergründen, die hinter der künstlerischen Produktion steckt: die Zweifel, das Ringen um Selbsbehauptung, den Triumph.

Nach der Ausstrahlung ist der Film bis zum 7. Mai 2022 in der ARD Mediathek als Video verfügbar.

Angaben zur Ausstellung "GERHARD RICHTER. Portraits. Glas. Abstraktionen“
5. Februar bis 1. Mai 2022

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr

Für den Besuch der Ausstellung ist ein Zeitticket erforderlich (buchbar im Onlineshop oder an den Museumskassen vor Ort). Es gilt die 2G-Regelung.

Kunstgespräche mit Führung, jeweils um 15 Uhr:
Am 9.2., 22.2., 15.3. 3.4. und 1.5. sowie auf Anfrage.

Konzert am 26. April 2022, 19 Uhr, Albertinum
LAYERS - Music meets the Art of Gerhard Richter mit Sinfonietta Dresden und dem Acantun Kollektiv

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Februar 2022 | 10:10 Uhr