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Wem gehört Kunst?Vom Museum ins Auktionshaus: "Brücke"-Sammlung von Hermann Gerlinger wird versteigert

Stand: 08. Januar 2022, 16:37 Uhr

Kirchner, Pechstein, Schmidt-Rottluff: Der Sammler Hermann Gerlinger will seine "Brücke"-Sammlung versteigern, eine der größten und bedeutendsten privaten Kunstsammlungen Deutschlands. Experten befürchten, dass die expressionistischen Kunstwerke als Kapitalanlagen im Depot verschwinden könnten, so auch Frédéric Bußmann, der Direktor der Kunstsammlungen Chemnitz. Museen müssten sich gemeinsam um den Verbleib der Kunstwerke in Deutschland bemühen, fordert er im Gespräch bei MDR KULTUR.

MDR KULTUR: Die Gerlinger-Sammlung umfasst mehr als 1000 Kunstwerke. Was zeichnet sie abgesehen davon aus?

Museumsdirektor Frédéric Bußmann hofft, dass ein Teil der Sammlung in Deutschland gehalten werden kann. Bildrechte: dpa

Frédéric Bußmann: Herr Gerlinger hat in den frühen 50er-Jahren angefangen zu sammeln und so bildet die Sammlung die gesamte Entwicklung der Künstlergruppe "Brücke" ab – von der Frühzeit bis zum Ende und darüber hinaus. Insofern ist es wie eine enzyklopädische Sammlung, ein Lebenswerk eines hochintelligenten und wissenden Mannes. Es macht uns natürlich alle etwas perplex, dass die Sammlung in alle Winde, in alle Richtungen zerstreut werden soll.

Gerlinger hat immer auch mit Museen zusammengearbeitet und Teile der großen Sammlung als langjährige Leihgaben zur Verfügung gestellt, zum Beispiel auf Schloss Gottorf, in der Moritzburg Halle und zuletzt im Buchheim-Museum in Bernried. Es hat nicht immer im Guten geendet. Ist dieser Sammler ein sehr eigensinniger Mensch oder was steckt hinter dieser Aktion?

Ich kann das persönlich nicht einschätzen, weil ich ihn nicht kenne. Aber offensichtlich hat er sich mehr erwartet oder anderes erwartet. Er war anscheinend enttäuscht, dass er nicht bekommen hat, was er wollte.

Museumsstationen der "Brücke"-Sammlung

Die Gerlinger-Sammlung war von 2001 bis 2017 im Museum Moritzburg in Halle zu sehen. Bildrechte: MDR/Marie-Kristin Landes

Die "Brücke"-Sammlung von Hermann Gerlinger war bisher in verschiedenen Museen beheimatet: Von 1995 bis 2001 war die Sammlung als Leihgabe auf Schloss Gottorf zu sehen.

Danach zog diese von 2001 bis 2017 ins Kunstmuseum Moritzburg in Halle. Ab 2008 wurde sie in einem extra dafür gebauten Gebäude gezeigt.

Von 2017 bis September 2021 war die Sammlung Gerlinger im Buchheim Museum in Bernried untergebracht. Grund für die vielen Umzüge waren Unstimmigkeiten zwischen dem Sammler und den einzelnen Museen.

Ein eigenes Haus für die "Brücke"-Sammlung in Gerlingers Heimatstadt Würzburg ist nie zustande gekommen, da der Sammler und die Stadt sich nicht auf einen Ort einigen konnten.

Zuletzt hatten verschiedene Museen gehofft, die Sammlung zu erwerben und als Ganze der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit der Auktion wird die Sammlung aufgelöst und geht für Museen verloren.

Seine Reaktion, das jetzt alles zu verkaufen, lässt darauf schließen, dass er dann doch etwas enttäuscht war und sich gesagt hat: okay, dann lieber an eine jüngere Generation von privaten Sammlern abgeben, aber vielleicht auch an Museen abgeben. Gleichzeitig sprengt das natürlich sein Lebenswerk. Und das ist für die öffentliche Hand, für öffentliche Museen in Deutschland natürlich ein Verlust.

Das Gemälde "Du und ich" von Karl Schmidt-Rottluff aus der Sammlung Gerlinger, hier in einer Ausstellung des Kunstmuseums Moritzburg in Halle 2001 Bildrechte: dpa

Eine neue Generation von Sammlern, die das kriegen soll, frohlockt – und auch das Auktionshaus. Andere wiederum befürchten, dass die Spitzenstücke als Geldanlage gekauft werden und dann der Öffentlichkeit entzogen in Depots verschwinden. Gibt es dafür Beispiele?

Bußmann: Das ist natürlich die Gefahr. Es gibt wahnsinnig viel Kapital auf dem Markt. Es fließt sehr viel Geld auf dem Kunstmarkt, weil Kapital angelegt werden will. Das kann natürlich dazu führen, dass nicht nur die Preise steigen, sondern dann auch die Kunstwerke der Öffentlichkeit entzogen sind. Das ist natürlich etwas, was wir verhindern müssen.

Interessant ist, dass Gerlinger in Deutschland versteigert. Warum? Man könnte sich vorstellen, im Ausland würde sich damit noch ein bisschen mehr Geld machen lassen.

Bußmann: Ich denke schon, dass es Gerlinger wichtig ist, dass die Kunstwerke in Deutschland bleiben. Ob sie letztendlich dort bleiben werden, ist eine andere Frage – der Kunstmarkt ist international. Aber dass er dann auch gute Beziehungen zum Auktionshaus hat und dass es ihm wichtig ist, dass es noch einen Zugriff darauf geben kann in deutschen Museen. Ich hoffe das zumindest!

Der Würzburger Ingenieur und Unternehmer Hermann Gerlinger vor dem Bild "Rote Düne" von Karl Schmidt-Rottluff aus seiner Sammlung Bildrechte: dpa

Wer wird bei dieser Auktion einsteigen? Museen wohl eher nicht, die bräuchten Geld dafür.

Bußmann: Ich könnte mir vorstellen, dass Museen neue Wege gehen und sich vielleicht zusammentun. Warum denn nicht? Vielleicht kann man auch gemeinsam Werke erwerben. Das ist wirklich etwas, um das wir kämpfen müssen und vielleicht auch neue Ideen entwickeln müssen: wie schaffen wir es gemeinsam, zumindest einen Teil dieser Sammlung in Deutschland zu halten und öffentlich zugänglich zu halten.

Das Interview hat Annett Mautner für MDR KULTUR geführt.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 06. Januar 2022 | 12:40 Uhr