Nach mehrjähriger Vakanz Neuer Direktor will Erfurter Geschichtsmuseen überregional bekannt machen

Der 34 Jahre junge Historiker Martin Sladeczek ist der neue Direktor der Erfurter Geschichtsmuseen. Der Mittelalter-Experte plant die ganz unterschiedlichen Häuser, denen er nun vorsteht, präsenter und erlebbarer zu machen. Das möchte er durch eine überregionale Vermarktung und große Sonderausstellungen bewerkstelligen, die die Besonderheiten der Stadt hervorheben. Als Beispiel nannte Sladeczek das Jubiläum 700 Jahre steinerne Krämerbrücke, das 2025 ansteht.

Die Alte Synagoge in Erfurt.
Die Geschichtsmuseen Erfurts sind ein Zusammenschluss von Alter Synagoge und Mittelalterliche Mikwe, Kleine Synagoge, Erinnerungsort Topf & Söhne, Wasserburg Kapellendorf und Stadtmuseum und die dazugehörigen Zweigmuseen: Benary Speicher, Luftschutzkeller, Neue Mühle und Bartholomäusturm. Bildrechte: dpa

Martin Sladeczek ist überzeugter Erfurter. Er ist hier geboren, aufgewachsen, und ist auch während des Geschichtsstudiums in Jena lieber gependelt, statt wegzuziehen. Durch die mittelalterliche Prägung der Stadt sei sein Interesse für diesen Abschnitt der Geschichte entstanden, sagt er. Direktor der Geschichtsmuseen zu werden, ist für ihn deswegen eine Ehre: "Weil die Stadt Erfurt da natürlich viel bietet. Sie hat enorm viel Potenzial auf diesen Feldern. Auf denen aber, das kann man durchaus sagen, auch viel zu tun ist."

Martin Sladeczek
Historiker Martin Sladeczek ist gebürtiger Erfurter. Bildrechte: Stadtverwaltung Erfurt/Daniel Baumbach

Noch fehlt die überregionale Strahlkraft

Die Erfurter Altstadt hat mit ihrem wunderbaren mittelalterlichen Charakter in den vergangenen Jahren immer mehr Touristinnen und Touristen angelockt. Doch die Museumslandschaft konnte davon nicht profitieren. Überregional leuchten Häuser wie die Alte Synagoge, der Gedenkort Topf & Söhne oder das Stadtmuseum, die Sladeczek nun unter sich hat, nur wenig.

Und so redet der promovierte Historiker nicht lange um den heißen Brei herum: "Um ein paar ganz praktische Probleme anzusprechen: Wenn Sie sich zum Beispiel die Website der Museen ansehen – sie ist der Stadt und den Museen nicht würdig. Die überregionale Vermarktung von Sonderausstellungen ist der Stadt und den Museen nicht würdig. Und auch die Themensetzung innerhalb der Museen, also die Schwerpunkte die dort gesetzt werden, sind der Stadt und den Museen nicht würdig. Das heißt, es muss Sonderausstellungen geben, die die Besonderheiten der Stadt hervorheben."

Stadtmuseum Erfurt
Sladeczek will unter anderem dem Erfurter Stadtmuseum zu mehr Strahlkraft verhelfen. Bildrechte: IMAGO / Torsten Becker

Schlechte Internetpräsenz und Baumängel

Die wunden Punkte sind erkannt. Gerade in Hinblick auf Öffentlichkeitsarbeit und Marketing ist tatsächlich einiges zu tun. Drängendster Punkt ist hier, wie schon von Sladeczek angesprochen, sicherlich die Website: Die Internetpräsenzen der Museen sind derzeit noch in die Website der Stadt Erfurt eingebunden. Ein Wust aus Informationen, in dem man nichts findet. Und der dazu noch ästhetisch alles andere als ansprechend ist.

In den kleineren Häusern, die Sladeczek unterstehen, gibt es dazu noch ganz andere Probleme – das Technikmuseum Neue Mühle ist seit Jahren schon wegen Baumängeln geschlossen. Und das Stadtmuseum muss mit einer katastrophalen Depotsituation umgehen. Grundsätzlich sei zudem die Personalsituation schlecht, gerade auch im Vergleich zu anderen Städten.

Was die Mitarbeiter in den einzelnen Häusern vor diesem Hintergrund leisten, ist wirklich sehr bemerkenswert!

Martin Sladeczek

Auch Sladeczeks Chef, dem Kulturbeigeordneten Tobias Knoblich, ist klar, dass viel Handlungsbedarf besteht. Jüngst konnte er zwar einige Stellen besetzen, von denen auch der Museumsbereich profitiert. Und dennoch sieht es finanziell nicht rosig aus: "Wir hatten kürzlich eine Haushaltsklausur mit dem Oberbürgermeister, bei der wir uns mit dem Haushalt 22/23 beschäftigt haben. Und es gibt natürlich große Deckungslücken, mit denen wir uns auseinandersetzen. Da ist der Kulturbereich immer latent gefährdet, weil er im Wesentlichen aus freiwilligen Selbstverwaltungsaufgaben besteht."

Die Neue Mühle in Erfurt
Das Technikmuseum Neue Mühle ist aktuell wegen Bauschäden bis auf weiteres geschlossen. Bildrechte: MDR/Antje Kirsten

Museumsszene stärken

Bleibt abzuwarten, wie der junge Historiker Martin Sladeczek sich in diesem Fahrwasser schlägt. Er hat in den letzten Jahren an der Uni Jena gelehrt, hat bislang noch kein Museum geleitet. Und auch die Zusammenarbeit mit Stadtspitze und Stadtrat könnte schwierig werden, Kulturbelange stoßen dort nicht immer auf offene Ohren. Doch das trübt die Laune von Sladeczek derzeit nicht. Er will neue Akteure ins Boot holen, Stiftungen, Gesellschaften, vielleicht auch die Universität. Und mit ihnen die Erfurter Museumsszene gemeinsam stärken.

An erster Stelle habe ich Herzblut für die Sache, weil mir die Geschichte der Stadt sehr, sehr am Herzen liegt.

Martin Sladeczek

Auch die Stadt an sich solle zum Museum werden, wünscht er sich: "Die meisten touristischen Hinweise an Gebäuden stammen vom Stadtjubiläum 1992. Sie sind größtenteils inhaltlich fragwürdig, oder überholt. Das ist auch so ein Baustein, den man in den nächsten Jahren angehen muss. Dass man eben Interesse weckt für das, was hier an baulichen Schätzen vorhanden ist."

Es gibt also viel zu tun. Und wer weiß, vielleicht geht der Trubel im kommenden Sommer ja erst richtig los. Dann entscheidet die Unesco, ob Alte Synagoge und Mikwe in Erfurt Weltkulturerbe werden.

Aktuelles aus Erfurt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. November 2021 | 07:40 Uhr

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