"1.000 & deine Sicht" Neues Kunstfestival in Görlitz und Zittau zeigt, wie Märchen riechen

Vom Ausbruch zum Aufbruch aus der Pandemie – so lautet das Motto des Kunstfestivals "1.000 & Deine Sicht", das mit Ausstellungen, Performances und Musik aus Polen, Tschechien und Deutschland die Sinne wieder schärfen und Grenzen im Kopf aufweiten will. Sei es mit einer Ausstellung, die vom sächsischen Ostritz ins tschechische Liberec wandert, mit einem besonderen neuen Kunstort in Zittau oder dem Geruchskino "Osmodrama" in Görlitz, das zeigt, wie Märchen riechen.

Geruchskino aus Stangen, die verschiedene Gerücke konservieren
In Görlitz ist im Rahmen des Festivals "1000 & deine Sicht" ein Geruchskino zu erleben, bei dem Filme und Märchen über Gerüche erzählt werden. Bildrechte: Wolfgang Georgsdorf

Viel zu sehen gibt es nicht, eher zu erahnen: Eine Lochplattenwand, hinter der sich schemenhaft ein futuristisches Gebilde aus dicken Schläuchen aufbauscht, die an Krakenarme erinnern. Etwa in der Mitte der Wand wiederum formieren sich Schlauch- oder Rohrenden in einem etwa einen Meter Durchmesser großen Kreis und münden in den Zuschauerraum. Wobei es hier nicht ums Schauen geht, sondern ums Riechen, wenn immer wieder neue Düfte aus dem sogenannten Hauchmaul in Richtung Publikum katapultiert werden.

Smeller 2.0 hat sein Erfinder, Wolfgang Georgsdorf, dieses Instrument genannt. Dabei handelt es sich um "eine Annäherung an einen universellen Geruchsmalkasten, mit dem wir möglichst viele Bilder malen können, hinter den Augen, statt vor den Augen", so Georgsdorf. Mit seiner Geruchsorgel hat er ein neues Genre geschaffen: das Osmodrama. Dabei handelt es sich um Erzählungen, die der Medienkünstler allein aus Düften komponiert. Er nennt sie Smellodies und Synosmien, analog zu Symphonien in der Musik.

Kunstfestival im Dreiländereck zeigt Filme und Märchen mal anders

"Man geht riechend durch sein Leben, man kann nicht nicht riechen. Für mich war das ein weißer Fleck auf der Landkarte der Kunst und auch der Kultur, als ich gemerkt habe, wie unterdrückt das war", sagt Wolfgang Georgsdorf. Er komponiert nicht nur reine Synosmien, sondern er kombiniert sie auch mit Musik, Literatur und mit Film. So hat er beispielsweise für das filmische Epos "Die andere Heimat" von Edgar Reitz eine Geruchsversion geschaffen.

Wenn der Medienkünstler in Görlitz beim Festival "1.000 & Deine Sicht" mit seinem Osmodrom Station macht – denn so nennt der Künstler die Zeltkonstruktion aus Fallschirmseide, die er im Großen Saal der Stadthalle aufgebaut hat – hat er gleich mehrere Uraufführungen im Gepäck. Zum Beispiel Geruchskino mit "Alois Nebel", einem Animationsfilm nach der gleichnamigen Graphic Novel von Jaroslav Rudiš, eine Lesung von "Zwerg Nase", sowie das sinfonische Märchen "Peter und der Wolf" in einer osmodramatischen Fassung.

Festival will die Sinne und das Miteinander mit Kunst schärfen

Das Osmodrama von Wolfgang Georgsdorf ist der Auftakt zu einem Festival, das sich den Aufbruch aus der Pandemie auf die Fahnen geschrieben hat. Einer Pandemie, in der viele durch eine Coronaerkrankung ihren Geruchssinn zeitweise eingebüßt haben. "Ich wollte dieses Projekt gern mit einem Angebot versehen, wo man zum Beispiel, wenn man an einem Geruchsverlust leidet, die Möglichkeit hat, seinen Geruchssinn zu trainieren und vielleicht wieder zu erlangen", so Kuratorin Sabine Zimmermann-Törne über das Osmodrama, das in Görlitz Teil eines wissenschaftlichen Forschungsprojektes ist.

Wir haben alle so unterschiedliche Erfahrungen in der Pandemie gemacht und gleichzeitig ist es so eine unglaubliche Kollektiverfahrung.

Festivalkuratorin Sabine Zimmermann-Törne

Beim Festival "1.000 & Deine Sicht" im Dreiländereck steht das Riechen aber vielmehr exemplarisch für alle Sinne, die wieder geschärft werden sollen, gerade im Miteinander – über die Grenzen hinweg und über alle Gräben, die sich zwischenmenschlich während der Pandemie aufgetan haben. "Wenn wir darüber sprechen, dann brauchen wir Lösungsansätze und wir müssen Situationen schaffen, die jeden berücksichtigen, wo jeder eine Andockmöglichkeit hat", erklärt die Festival-Kuratorin. "Wir haben alle so unterschiedliche Erfahrungen in der Pandemie gemacht und gleichzeitig ist es so eine unglaubliche Kollektiverfahrung."

Zwei Männer halten leuchtende Lampenschirmen über dem Kopf
Das Kunstprojekt "Eimerweise Sonnenlicht" will mit Farbfiltern helfen, die Sicht auf die Dinge zu verändern und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Bildrechte: Forschungsgruppe Kunst

Ausstellungen der Zittauer Museen im tschechischen Liberec

Peter Knüvener, Direktor der Städtischen Museen Zittau und Ausrichter des Festivals, ergänzt: "Das ist so ein spielerischer Umgang mit diesen Erlebnissen der Pandemie und es gibt eben verschiedene Möglichkeiten, wie man damit umgehen kann". Das eine sei die bildende Kunst in Zittau, das andere das Osmodrama in Görlitz. Auf dem Festival gehe es aber auch um den "Umgang mit den vielen noch offenen Fragen", so Knüvener, der eine Ausstellung in der Zittauer Baugewerkeschule als Beispiel nennt. "Ich denke, das ist vielleicht ganz heilsam, dass man damit auch ganz offen umgeht", erklärt der Museumsdirektor.

Bis in den kommenden Sommer hinein sind unter anderem Kunstausstellungen geplant, eine ist bereits zu sehen auf Aufstellern mitten in Görlitz, Zittau und im tschechischen Liberec. Ab Herbst 2022 wird dann der Jazz-Train im Dreiländereck Fahrgäste mit auf musikalische Tour nehmen – und bis dahin werden Wolfgang Georgsdorfs Osmodramen neue Geruchswelten erschließen.

Smeller 2.0, ein Geruchsinstrument aus Rohren, von Wolfgang Georgsdorf
Nach der Corona-Pandemie soll das Kunstprojekt von Wolfgang Georgsdorf wieder den Geruchssinn schärfen. Bildrechte: Julian van Dieken

Weitere Informationen Ausstellung "1000 & Deine Sicht"
1. Juli 2022 bis 1. Juli 2023
an wechselnden Orten in Zittau, Liberec, Görlitz, Zgorzelec, Bogatynia, Hrádek nad Nisou, Lubań, Geopark Ralsko/Doksy und andere

Osmodrama-Festival
1. Juli bis 7. Oktober 2022
In der Stadthalle Görlitz

Mit Uraufführungen verschiedener Filme, Konzerte, Lesungen mit Geruchskompositionen von Wolfgang Georgsdorf:
1. Juli: "Richtig Falsch" (Sprachen & Gerüche) und "Orgel & Orgel" (Konzert & Gerüche)
2. Juli: "Zwerg Nase" (Märchen & Gerüche), polnische und tschechische Premiere am 3. Juli
5. Juli: "Peter & der Wolf" (Sinfonisches Märchen mit Gerüchen)
21. August "Alois Nebel" (Film & Gerüche)
3. September: 13 Monate – In der Tiefe eines Jahres (Musik, Literatur & Gerüche)
4. September: Die Moldau – Die Neiße (Konzert & Gerüche)

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Juli 2022 | 17:10 Uhr

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