Forschungsprojekt "Human Remains" Gotha: Schloss Friedenstein deckt Herkunft von Schädelsammlung auf

Zur Kolonialzeit im 19. Jahrhundert gelangten rund 40 Schädel aus Südostasien in die herzogliche Sammlung in Gotha. Bis heute gehören 33 von ihnen zu den Beständen der Stiftung Schloss Friedenstein. Wer waren diese Menschen, wie sind sie gestorben und warum sind ihre Schädel nach Europa gekommen? Im Rahmen des internationalen Forschungsprojekts "Human Remains" wurden die menschlichen Überreste aus dem heutigen Indonesien auf ihre Provenienz untersucht – und nun die ersten Ergebnisse vorgestellt.

Blick auf auf Schloss Friedenstein mit dem Denkmal Herzog Ernst I. 4 min
Bildrechte: IMAGO / photo2000

Es war um 1862 ein Zeichen besonderer Aufmerksamkeit und Zuneigung, einander exotische Raritäten zu schenken: Tiere, besondere Schmuckstücke – und eben auch menschliche Schädel. Zumindest bekam der damalige Gothaer Herzog in den folgenden 20 Jahren gleich von neun verschiedenen Personen diese besonderen Geschenke: Schädel aus dem heutigen Indonesien. "Vermutlich waren es mehr. Wir gehen von 41 aus", sagt Adrian Lindner, der ein aktuelles Forschungsprojekt dazu leitete und nun die Ergebnisse vorstellte. 

Der Ethnologe und Theologe zeichnet ein düsteres Bild mit Blick auf Herkunft und Umstand des Todes dieser Menschen, deren Schädel später in Gotha landeten. Von 19 Personen wisse man die Namen, von manchen sogar das Sterbedatum. "Man findet viel Böses, generell viel Unglück, viel Tragik. Vieles, das schief gelaufen ist im Leben Einzelner und von Gruppen."

Forschungsteam deckt indonesische Herkunft von Schädeln auf

18 Monate hat sich Adrian Linder gemeinsam mit einem kleinen Team auf die Suche nach Antworten begeben. Heute steht fest: Es handelt sich meist um junge Männer zwischen 18 und 35 Jahren. Mindestens zehn Schädel stammen aus einem Spital für Arme, wo man auch Gefängnisinsassen betreute, Kriegstrophäen sind dabei und Köpfe von Gehängten. 

Herausgefunden hat man von manchen Personen selbst den Lebenshintergrund. Kleine Zettelchen hätten an Schädeln geklebt und damit wichtige Auskunft gegeben, erklärt die Anthropologin Kristina Scheelen-Nováèek. Außerdem habe sie anhand der Knochen viele Informationen entschlüsseln können: Manche waren unterernährt, an anderen Schädeln fand sie Seifenreste vom Auswaschen, aber auch viele Spuren von Gewalt. 

Aufgeschlagenes Register mit Informationen zur Herkunft der Schädel.
Die Forschungsteam aus Europa und Indonesien hat die Schädel untersucht, Archive bereist und tausende handgeschriebene Dokumente entziffert, zusammengetragen und abgeglichen. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Schädel in Gotha stammen nicht aus kolonialen Plünderungen

Was man nicht festgestellt habe, so Adrian Linder, dass die Schädel im Zuge von kolonialen Plünderungen nach Gotha kamen. Damals war das heutige Indonesien eine niederländische Kolonie. Der schweizer Experte Adrian Linder geht davon aus, dass es sich um viele Schädel handeln dürfte, die man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts außer Landes brachte. "Vielleicht sind es Hunderte?" 

Jetzt gehe es darum, so Tobias Pfeifer-Helke, Stiftungsdirektor von Schloss Friedenstein, mit den Ergebnissen des Projektes die nächsten Schritte einzuleiten. Ginge es nach Adrian Linder so müsse man das alles differenziert betrachten. Doch er wäre sehr dafür, die Knochenreste wieder an das Land der Herkunft zu geben. Die Frage ist, sagt er: "Gibt es dort Interesse?"

Tobias Pfeifer-Helke sieht einen europäischen Weg bei dieser Frage als wichtig an und weiß: "Einfach wird das nicht." Denn jetzt müssten die Indonesier signalisieren, was ihnen am liebsten wäre. Dann erst kann die Repatriierung – wie das Fachwort für das Zurückführen von Gütern in Heimatländer heißt – eingeleitet werden. 

Schädel, davor Schild mit Informationen.
Einige Lebensgewohnheiten, Erkrankungen und Todesumstände sind bis heute an den Schädeln ablesbar. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

Schloss Friedenstein informiert über eigene Provenienzforschung

Eine sechsstellige Summe habe das Projekt gekostet. 300 Seiten eines Berichtes würden nun Auskunft geben über den Hintergrund zu den einst besonderen Geschenken, die man in Gotha im 19. Jahrhundert ohne Bedenken entgegen nahm. Entstanden ist außerdem eine Broschüre, die dazu explizit Wissen und viel Hintergrund vermittelt. Auch eine Webseite ist nun online, die über das Human Remains-Projekt berichtet. Man will informieren, so die Stiftungsmitarbeiter, und die Kommunikation zu diesem Thema anbieten. 

Die Schädel werden übrigens nicht gezeigt, weder öffentlich, noch in einer verdeckten Variante. Man werde sie unter Verschluss halten und aus ethischen Gründen auch nicht ausstellen, hieß es von der Stiftung. 

Bildkomposition - Schädel der sich in Luft auflöst. Ein transparenter, kaum sichtbarer Schädel auf einem kleinen Plateau.
Das Forschungsprojekt hat Schädel untersucht, die vor rund 150 Jahren aus Borneo und Java, heute Indonesien, nach Gotha gelangt sind. Bildrechte: Stiftung Schloss Friedenstein Gotha

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Juli 2022 | 07:15 Uhr

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