Franckesche Stiftungen Ausstellung in Halle: Wie die Bücherwelten des 18. Jahrhunderts weltweit digital verfügbar gemacht werden

Im 18. Jahrhundert gab es einen Umbruch in der Literatur, es wurden Romane populär, nicht zuletzt durch Goethe und Schiller. Die literarische Welt dieser Zeit wird derzeit komplett digitalisiert, die Hälfte ist bereits geschafft. Die Ausstellung "Einladung in das 18. Jahrhundert. Bücherwelten digital erleben" in Halle zeigt, was diese Riesenaufgabe bedeutet, welche Vorteile sie bringt und wie faszinierend diese Bücherwelten sind.

Bücherwelten digital erleben, Ausstellung, Halle
Das Scannen eines einzigartigen Buches muss sehr vorsichtig erfolgen Bildrechte: Franckesche Stiftungen, Falk Wenzel

Eine Einladung in das 18. Jahrhundert um "Bücherwelten digital erleben" zu können verspricht eine Ausstellung in den Franckeschen Stiftungen Halle. Sie zeigt, was hinter dem "Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 18. Jahrhunderts" (VD 18) steckt, das zwar einen  sperrigen Namen trägt, jedoch kulturell hochinteressant ist.

Ein gedrucktes Jahrhundert digitalisieren

Das VD 18 hat sich zum Ziel gesetzt, alle im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke sowie alle Drucke in deutscher Sprache, unabhängig vom Erscheinungsort, zu erfassen, zu erschließen und zu digitalisieren. Finanziert wird es durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Begonnen hat das Projekt bereits im Jahr 2009 und von den vermuteten rund 600.000 Titeln ist bereits die Hälfte digitalisiert.

Bücherwelten digital erleben, Ausstellung, Halle
Bücher wie dieses werden digital verfügbar sein, ob in Grimma oder Tokio Bildrechte: Franckesche Stiftungen

Zeiten des Umbruchs

Dass mit dem Jahrhundert der Aufklärung und dem der Digitalisierung zwei Zeiten aufeinandertreffen, die irgendwie gut zusammen passen, das wurde erst im Laufe des Projektes so richtig klar, denn: Im 18. Jahrhundert werden erstmals neben christlicher Erbauungslektüre auch Romane verlegt, es gibt erstmals Kinder- und Jugendliteratur, ja sogar Kinderzeitschriften. Wer lesen kann, nutzt diese Fähigkeit auch gern aus.

Es gab erstmals ein bürgerliches Lesepublikum und damit auch die Angst vor der sogenannten "Lesewut". Auch pädagogische Ratschläge wurden erteilt. Wenn man das heute liest, so Klosterberg, dann erinnert das an die Diskussionen von heute gegenüber dem ungebremsten Medienkonsum.

Bücherwelten digital erleben, Ausstellung, Halle
Blick in die Ausstellung in Halle Bildrechte: Franckesche Stiftungen

50.000 Bücher in Halle digitalisiert

In fünf Räumen können Besucherinnen und Besucher das Digitalisierungsprojekt kennenlernen. Die Kuratorin der Ausstellung, Archivarin Britta Klosterberg, beschreibt das Anliegen der Ausstellung: "Wir möchten auf der einen Seite zeigen, was die Digitalisierung des Kulturguts des 18. Jahrhunderts für Bibliotheken bedeutet. Viele Leute denken: 'Ach, da wird ein Buch auf einen Scanner gelegt und fertig." Und der andere Teil ist, dass wir natürlich auf die Bücher des 18. Jahrhunderts aufmerksam machen wollen."  Innerhalb dieses nationalen Projekts sind in der halleschen Universitäts und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt bereits 50.000 Bücher digitalisiert worden, sagt Klosterberg.

Bücherwelten digital erleben, Ausstellung, Halle
Bei der Digitalisierung müssen Handschuhe getragen werden Bildrechte: Franckesche Stiftungen, Falk Wenzel

In Raum zwei der Ausstellung wird dann gezeigt, wie eine Digitalisierung vonstatten geht, wie die verstaubten Folianten vom historischen Bücherregal ins Laptop im Unterricht oder in die Vorlesung gelangen, erläutert Klosterberg. Auch gibt es eine Online-Ausstellung, die für alle zugänglich ist, die die Ausstellung in Halle nicht vor Ort ansehen können.

Ein Extraraum für ein einzelnes Buch

Der dritte Raum gehört einem einzelnen Buch. Die Idee dahinter sei, so Britta Klosterberg, anhand eines aufwändig gestalteten Gebetsbuches Biografie eines Buches zu erzählen. Das Buch mit dem schönen Titel "Christliches Lehrbüchlein vor gottselige Kommunikanten", erschienen 1716 in Frankfurt am Main, wurde durch das Vorwort des Pietisten und Theologen Philipp Jakob Spener bekannt und später vom Freiherr Carl Hildebrandt von Canstein erworben.

Blick in die Bibliothek der Franckeschen Stiftungen.
Die Franckeschen Stiftungen beherbergen selbst eine beachtliche Bibliothek mit Büchern vergangener Jahrhunderte Bildrechte: MDR/Oliver Hauswald

Canstein gründete nicht nur die Cansteinsche Bibelanstalt in Halle, er vererbte auch seinen kompletten Buchbestand den Franckeshen Stiftungen. Daher landete das kleine Büchlein, das hier selbst seine Geschichte erzählt, in der berühmten Kulissenbibliothek der Stiftungen.

Die Ausstellung in Halle macht klar: Die Protagonisten des Digitalisierungsprojektes VD 18 sind die Bücher selbst.

Ein Platz für Lieblingsbücher

In den letzten beiden Räumen stellen erst Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Lieblingsbücher aus dem 18. Jahrhundert vor. Das geht von Kants "Kritik der reinen Vernunft" bis hin zu außergewöhnlichen Natursachbüchern mit atemberaubenden Bildern und Kupferstichen.

Bücherwelten digital erleben, Ausstellung, Halle
Eine mehrteilige Ausgabe von Büchern mit Briefen zur Literatur Bildrechte: Franckesche Stiftungen

Im letzten Raum findet man dann die Lieblingsbücher von Menschen aus Gesellschaft und Kultur. Britta Klosterberg schildert die Entwicklung der damaligen Zeit: "Es gibt immer mehr Bücher auf dem Literaturmarkt – und vor allen Dingen, die sogenannte 'schöne Literatur' wird immer wichtiger. Und Romane werden populär. Und viele Leute lesen Romane – und zwar Unterhaltungsromane – aber natürlich auch Romane von Goethe und Schiller, die einen bestimmten Anspruch verfolgt."

Literatur des 18. Jahrhunderts – mehr als Robinson Crusoe

Die Ausstellung "Einladung in das 18. Jahrhundert. Bücherwelten digital erleben" ist wörtlich zu nehmen. Sie lädt die Besucher zum einen ein, den spannenden Prozess zu verfolgen, in dem Bücher, die zum Teil für die Digitalisierung erst einmal restauriert werden müssen, den Weg zurück zum Leser finden. Und zum anderen, sich einmal selbst zu fragen, welche Abenteuer, Romane und Geschichten wir aus dem 18. Jahrhundert wohl alle kennen. Und da ist der sagenumwobene Seefahrer Robinson Crusoe nur eins von vielen schönen Beispielen.

Die Ausstellung "Einladung in das 18. Jahrhundert. Bücherwelten digital erleben"

18. November 2021 bis 13. Februar 2022

Franckesche Stiftungen
Franckeplatz, Haus 1 - Historisches Waisenhaus, 06110 Halle

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, feiertags – 10 bis 17 Uhr

Literatur in und aus Halle

Kultur

Buchcover von "Alphabet der Tiere", Christian Kreis: "Halle Alphabet" und Matthias Jügler: "Die Verlassenen"
Das sind drei unserer Buchtipps aus Sachsen-Anhalt 2021: Das "Alphabet der Tiere", "Halle Alphabet" von Christian Kreis und "Die Verlassenen" von Matthias Jügler Bildrechte: Collage: Galerie Erik Bausmann / parasitenpresse / Penguin Verlag / Colourbox.de

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Januar 2022 | 12:10 Uhr

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