"Ein Jahr Corona – ein Blick zurück nach vorn" Olaf Nicolai über Kunst im Lockdown: gezeigt, aber nicht gesehen

Seine Ausstellung "Yeux de Paon" in den Kunstsammlungen Chemnitz wurde wieder abgebaut, ohne je für das Publikum geöffnet zu sein. Zehn Jahre hat Konzeptkünstler Olaf Nicolai aus Halle außerdem darauf gewartet, dass seine Lichtinstallation "Gadget" am neuen Berliner Flughafen verbaut wird. Nun wurde der BER zwar eröffnet, aber Fluggäste, die seine Kunst sehen, gibt es kaum. Der Künstler im Interview über Kunst in der Corona-Krise.

Musiker Olaf Nicolai posiert am 21.10.2017 in Donaueschingen (Baden-Württemberg) bei den Donaueschinger Musiktagen. 8 min
Bildrechte: dpa

Olaf Nicolais Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz wurde abgebaut, ohne je für das Publikum geöffnet zu sein. Sein Kunstwerk am neuen Berliner Flughafen sehen kaum Gäste. Der Künstler im Gesprach mit Thomas Bille.

MDR KULTUR - Das Radio Di 16.03.2021 06:00Uhr 08:08 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

MDR KULTUR: In den vergangenen Monaten hätte eigentlich die Ausstellung "Yeux de Paon", Pfauenauge, in den Kunstsammlungen Chemnitz zu sehen sein sollen. Olaf Nicolai, das ist nicht wirklich glücklich gelaufen, oder?

Olaf Nicolai: Die Ausstellung ist im Grunde gezeigt, aber nicht gesehen worden. Oder nur von Fachpublikum, was sich hätte anmelden können. Wir hatten das große Pech: Am 9. November sollte die Ausstellung öffnen und der Lockdown ist wenige Tage vorher festgelegt worden. Leider hat sich damals nicht abgezeichnet, wie lange das sein wird. Am 28. Februar ist die Ausstellung geschlossen worden und bis dahin war sie auch für das Publikum leider nicht geöffnet. Das Museum und ich haben uns Gedanken gemacht, was können wir tun? Da gibt es vom Museum verschiedenste Formate, die sie entwickelt haben, einen digitalen Rundgang beispielsweise. Wir haben aber auch einen sehr schönen Katalog gemacht. Frederik Bußmann, der Direktor, hat verstanden, dass Kataloge gerade bei diesen Ausstellungen eine besondere Bedeutung haben. Ein Museum ist nicht nur ein Ort, wo aktuell Dinge gezeigt werden, sondern funktioniert wie ein Archiv und regt Diskussion und Möglichkeiten an, sich mit Kunst auseinanderzusetzen. Dafür sind solche Publikationen und auch Speicher und Archiv-Formate ganz wichtig.

Die Kataloge, die möglicherweise in dieser Phase noch wichtiger sind als ohnehin, und die digitalen Angebote – wie sehen Sie das als Künstler, funktioniert das insgesamt oder wird man es irgendwann leid?

Der Versuch, das, was einem analog nicht mehr geboten wird, im Digitalen irgendwie präsent zu halten, ist für eine gewisse Zeit verständlich und nachvollziehbar. Ich halte das aber nicht für etwas, was von Dauer sein wird. Das Digitale bringt ein ganz anderes Analoges hervor. Wir verhalten uns auch ohne unmittelbaren Kontakt zu Computern oder digitalen Strukturen ganz anders, als man sich vor 20 oder 30 Jahren verhalten hat. Die Art, wie wir Informationen kennenlernen, suchen, finden und verarbeiten, ist eine ganz andere geworden. Was wir für eine Information halten und was wir für Wissen halten, verändert sich ganz massiv. In dem Sinne ist das Digitale für jemanden, der künstlerisch arbeitet immer Gegenstand. Es gibt sehr viele Künstler, die auch explizit sich mit den Techniken dieser neuen Medialisierung beschäftigen und da auch sehr wichtige Beiträge zum Verständnis von dem, was hier nicht nur im Ästhetischen passiert, beitragen.

Für den neuen Flughafen in Berlin haben Sie eine Lichtinstallation angefertigt: "Gadget". Kann man sagen, Sie haben Geduld gelernt mit der Auslieferung von "Gadget"? Acht Jahre war das Kunstwerk fertig, dann durfte es mit der Fertigstellung des BER endlich installiert werden – und dann ist wegen der Pandemie keiner gekommen zum Flughafen.

Das mit dem "Gadget" hat eigentlich zehn Jahre gedauert, weil die Arbeit war vor zehn Jahren fertig und musste jetzt noch mal neu aufgesetzt werden. Da hat der Chef der Flughafengesellschaft, Herr Lütke Daldrup, sich der Sache sehr angenommen und die Arbeit ist termingerecht zur Einweihung vorgestellt worden. Anhand der visuellen Dinge, die diese Kugeln tun, kann man sehen, welchen Status der Flug hat, der an diesem Gate entweder abfliegt oder ankommt. Also Sie sehen: Das Flugzeug kommt jetzt, es wird geboardet oder es ist gerade ein Deboarding. Wenn Sie Glück haben und das Flugzeug richtig anfliegt und der Pilot das kommuniziert, könnten Sie aus der Luft auch sehen, wenn Sie an diesem Gate landen, dass da was passiert. Es ist so eine Art Kommunikation zwischen den Passagieren und dem Gebäude. Dass das jetzt erst mal nicht so massiv sichtbar ist, ist natürlich ein bisschen schade. Aber das wird sicher werden, man muss Geduld haben. Was ich sehr angenehm gefunden habe, ist, dass gerade bei der Eröffnung von vielen Leuten gesagt worden ist, dass diese Arbeit für sie heute immer noch funktioniert. Es ist ja auch möglich, dass Arbeiten, die man irgendwann mal sehr aktuell empfindet, dann outdated sind. Wie sich das weiter entwickelt, das werden wir sehen. Ich denke, es wird wieder Flüge geben. Aber es wird sicher auch eine andere Art des Reisens geben und eine andere Bewusstheit darüber, wie man reist.

Die Lichtinstallation «Gadget» von Olaf Nicolai leuchtet am Abend nach der Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER) am Terminal 1.
Die Lichtinstallation "Gadget" von Olaf Nicolai leuchtet am Abend nach der Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg Willy Brandt (BER) Bildrechte: dpa

Gilt das dann auch für den Kunst-Jetset – also Menschen, die sich heute eine Eröffnung in New York angucken, dann noch schnell zur Biennale nach Venedig reisen und nicht vergessen die Art Basel – wird das wieder so aufleben?

Ich bin weit davon entfernt, irgendwelche Voraussagen zu treffen und darüber zu spekulieren. Wo ich wirklich glaube, dass das anders werden wird, sind die Messen als Marktplatz und Umschlagplatz für Ideen – es sind nicht nur materielle Austauschprozesse – dass die in dieser Form so nicht wieder zurückkommen werden, wie sie vorher existiert haben. Der Jetset, von dem Sie sprechen, ist zum großen Teil über Privatflugzeuge gelaufen, die werden auch weiter fliegen. Inwiefern sich das verändern wird, weiß ich nicht, aber es wird sich verändern. Es wird vor allen Dingen eine vollkommen neue Situation entstehen, wie man Kunstwerken begegnen kann, wie man sie sehen kann, wie man Informationen austauscht. Da bin ich sehr gespannt, was da wirklich passiert, weil sich jetzt schon abzeichnet, dass da neue Infrastrukturen entstehen, die nicht unbedingt demokratischer sind.

Das Interview führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Mehr zu Kunst und Corona

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. März 2021 | 08:40 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei