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Die Gründer des Labels "haemd", Sven Hildebrand und Kaur Hensel, in ihrem Atelier im Designhaus Halle. Bildrechte: haemd

ModedesignFair Fashion aus Halle: Das nachhaltige Label "haemd" und seine Vision

von Rebekka Adler, MDR KULTUR

Stand: 01. März 2022, 09:00 Uhr

Die Modeindustrie ist für über fünf Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich und zählt damit zu den größten Klima- und Umweltsündern. Mit fairen Outfits, die lokal, ohne weltweite Transporte und klimaneutral produziert werden, zeigt das Designer-Duo Kaur Hensel und Sven Hildebrand aus Halle, dass es auch anders geht: Mit den Entwürfen ihres 2020 gegründeten Modelabels "haemd" positionieren sie sich gegen saisonale Wegwerfmode und setzen dabei allem voran auf eins: Emotionalität.

Sweater mit auffälligen Schalkragen, Businesshemden mit Manschette und geradlinig geschnittene Blusenkleider: Mit ihren zeitlosen Designs, die lokal und transparent in Halle produziert werden, zählen Kaur Hensel und Sven Hildebrand zu einer neuen Generation von Designern, die die Modewelt nachhaltig revolutionieren will.

Es ist absurd, wie oft ein Kleidungsstück um die Welt reisen muss, bis es hier bei uns im Laden ist.

Kaur Hensel, Designer

Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen, der Einsatz von giftigen Chemikalien und lange Transportwege machen die Fashionbranche nach der Erdölindustrie zu jenem Wirtschaftszweig, der Mensch und Umwelt am meisten schadet. Ein Systemwechsel in der Modeindustrie sei deshalb lange überfällig, sagen auch Kaur und Sven: "Von einer Faserpflanze, die angebaut, geerntet, gesponnen, verwebt, gefärbt und in einer Näherei vernäht wird: Es ist absurd, wie oft ein Kleidungsstück um die Welt reisen muss, bis es hier bei uns im Laden ist."

Näherinnen in Bangladesch bekommen für die Produktion der in Europa billig verkauften Mode nur einen Hungerlohn. Bildrechte: dpa

Faire Alternative zu Fast Fashion

Um eine faire Alternative zu den Fast-Fashion-Trends großer Ketten zu schaffen, gründeten Sven und Kaur im Jahr 2020 das Label "haemd". Alle Outfits entstehen im eigenen Atelier im Designhaus der Burg Giebichenstein Halle, von der ersten Skizze bis zum fertigen Kleidungsstück. Verarbeitetet werden ausschließlich nachhaltige Textilien deutscher Hersteller, wie zum Beispiel recycelte Kunstfasern oder zertifizierte Bio-Naturfasern.

Produziert wird übrigens nur auf Anfrage. Kunden gelangen ganz bequem von zu Hause aus über die Website des Labels zum individuellen Bestellvorgang. Über ein modulares Designsystem kann man sich zunächst zwischen verschiedenen Schnittmustern entscheiden: Kragen oder kein Kragen, kurzärmlig oder mit Manschette? Im nächsten Schritt möchten die Designer die Kundinnen und Kunden besser kennenlernen, um dann gemeinsam über Material und Farbe zu entscheiden. Und selbst beim Entstehungsprozess ist die Kundschaft involviert: über regelmäßige Updates lassen sich die verschiedenen Produktionsschritte der Kleidung transparent verfolgen.

So entstehen individuelle Unikate statt emotionslose Stangenware. Denn beim Blick in unsere oft übervollen Kleiderschränke greifen wir letztlich sowieso immer zu den alt bewährten Lieblingsstücken. Und genau hier setzen Kaur und Sven an: "Wir wollen die emotionale Bindung zur Kleidung erhöhen. Wenn es eine Geschichte dazu gibt, das Kleidungsstück zum Beispiel nur für mich hergestellt worden ist, dann achte ich viel mehr darauf. Dann repariere ich das Stück auch mal, weil es mir am Herzen liegt."

Nachhaltigkeit durch Emotionalität

Statt saisonaler Wegwerfmode designt das junge Label langlebige Unikate, in denen teils ganz persönliche Geschichten der Kundschaft verwebt sind. Das Credo: Fühlt man sich wohl in der eigenen Klamotte, spielen Trends nur eine untergeordnete Rolle. Für Kaur und Sven ist Kleidung allem voran ein Spiegel unserer Seele: "Wir wollen Seelenhüllen herstellen: Mode ist mehr als ein Stück Stoff, das ich am Körper trage. Sie repräsentiert mich in einer bestimmten Stimmung."

Zurück an den Webstuhl?

In naher Zukunft wollen die Designer mit ihrem nachhaltigen Label noch einen Schritt weitergehen und ihre Mode schon bald komplett klimaneutral produzieren. Perspektivisch möchten Kaur und Sven ihre eigenen Textilfasern vor Ort anbauen und anschließend, in Kooperation mit der Weberei von Ben Teuscher in Halle, lokal zu Stoffen verweben.

Kaur Hensel, Ben Teuscher und Sven Hildebrand teilen die Vision einer lokalen Textil- und Modeproduktion in Halle. Bildrechte: haemd

Zurück an den Webstuhl? Was im ersten Moment als Rückbesinnung auf die Anfänge der Modegeschichte erscheinen mag, als Menschen sich nur das nähten, was sie wirklich brauchten, entpuppt sich letztlich nicht als Blick zurück, sondern als Blick nach vorn: in eine Zukunft, in der Mode kein Massenkonsumgut mehr ist.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 01. März 2022 | 18:50 Uhr