Stadt.Land.Wandel. Burg Giebichenstein: Fotografieprojekt zeigt Strukturwandel aus ungewohnten Perspektiven

In dieser Woche geht es bei der ARD um "Stadt.Land.Wandel". MDR KULTUR schaut da vor allem auf den Strukturwandel durch den Ausstieg aus der Braunkohle. Dazu wurde das Strukturstärkungsgesetz beschlossen, über das bis 2038 Förderungen auch in das Mitteldeutsche Revier Sachsen-Anhalt fließen sollen. Dabei wurden auch wissenschaftlich-kulturelle Projekte zum Thema angeschoben. So haben sich Studierende im Fach Fotografie und Informationsdesign an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein Halle dem Thema auf ganz eigene Weise gewidmet. Die Arbeiten sind bis Ende November in der Zentralen Kustodie der Universität Halle zu sehen.

Louis Rohmer, Bahnfahrt, 2021
Louis Rohmer: "Bahnfahrt" Bildrechte: Kunsthochschule Burg Giebichenstein

Hoch ästhetisch und irritierend zugleich: was auf dem Schwarz-Weiß-Foto aussieht wie ein glitzernder Sternenhimmel ist eigentlich Kohlenstaub – ein günstiger Energieträger, aber für die Lunge hoch gefährlich. "Symptome einer Landschaft" nennt Franziska Meister ihre fotografische Erkundung des Mitteldeutschen Reviers: "In meiner Arbeit habe ich vor allem Strukturen und Fundstücke, die ich vor Ort gefunden habe, zu einer Art Spur von einem "damals" zusammengefügt. Ich habe so versucht, mich der ganzen Sache zu nähern."

Franziska Meister, Symptome einer Landschaft, 2021
Franziska Meister: "Symptome einer Landschaft" Bildrechte: Kunsthochschule Burg Giebichenstein

Wie ihre Kommilitonen hat sich die Fotografie-Studentin dem Thema Strukturwandel gewidmet. Was passiert in und mit einer Region, die geprägt ist durch den Braunkohleabbau? Indirekt war es eine Idee der Sachsen-Anhaltischen Staatskanzlei, die Stefanie Kiwitt, Professorin im Fachbereich Fotografie an der Burg Giebichenstein, aber gerne aufgegriffen hat: "Ich fand das eigentlich als Lehrende sehr interessant, weil ich es auch als Gelegenheit gesehen habe, sich überhaupt mal mit der Region auseinanderzusetzen und dazu fotografisch zu arbeiten. Aber ich habe dann auch meinen Kollegen Matthias Görlich aus dem Informationsdesign angesprochen, weil allein mit Fotografie kann man dieses Thema ja doch gar nicht bearbeiten."

Der persönliche Zugang zum Strukturwandel

Zu abstrakt ist der Begriff, zu persönlich, und emotional sind die einzelnen Schicksale. So hat man sich dem Thema langsam angenähert: Interviews mit Initiativen vor Ort geführt, Informationen gesammelt, diskutiert. Doch letztlich haben alle Studierenden auch einen sehr persönlichen Zugang gewählt, erzählt Franziska Meister: "Also ich komme aus Thüringen, auch aus einer ländlichen Gegend. Und mir war das vorher schon bewusst, also der Strukturwandel und Strukturbruch, diese ganze Veränderung jetzt. Aber ich fand es interessant, was das mit uns zu tun hat. Wir studieren hier alle in Halle, aber viele gehen nach dem Studium weg, weil es hier keine Arbeitsplätze gibt oder man sich nicht vorstellen kann, hier zu arbeiten."

Zoe Haufler, Die Fremde, 2021
Zoe Haufler: "Die Fremde" Bildrechte: Kunsthochschule Burg Giebichenstein

Zoe Haufler hingegen ist im Westen aufgewachsen und kannte den ländlichen Raum gar nicht. Ihre Bildserie nennt sie "Die Fremde": Dabei fokussiert sie immer nur einen Ausschnitt eines Ganzen: Sei es einer Solaranlage oder eines Auffangbeckens. So thematisiert sie allein durch die Machart des Bildes ihren subjektiven und damit zwangsläufig eingeschränkten Blick: "Im Endeffekt war es, glaube ich, eine Art Forschungsreise. Also ich hatte nie den Anspruch, da dokumentarisch ranzugehen und zu sagen, ich zeige jetzt den Strukturwandel auf. Es war am Ende fast wie ein Anreiz, in der Region zu sein und auch zu sehen, wie sich der Blick selber wandeln kann. Das fand ich sehr spannend. Denn wenn man mit einem offenen Auge in einem Dorf bei Hettstedt ist, kann es halt genauso schön sein wie in einer Stadt in Frankreich oder so was."

Wenn man mit einem offenen Auge in einem Dorf bei Hettstedt ist, kann es halt genauso schön sein wie in einer Stadt in Frankreich oder so was."

Zoe Haufler, Studentin Burg Giebichenstein

Neue Perspektiven und Reflexionen von Klischees

So lebt das Projekt durch die unterschiedlichen Perspektiven aber auch durch die Reflexion der eigenen Klischees und Erwartungen.

Louis Rohmer, Bahnfahrt, 2021
Louis Rohmer: "Bahnfahrt" Bildrechte: Kunsthochschule Burg Giebichenstein

Louis Rohmer wollte eigentlich die Stadt Zeitz besuchen und hat im Zug festgestellt, was man von einer Region und ihren Bewohnern mitbekommt, wenn man mal die Kopfhörer aus den Ohren nimmt: "Ich habe dann aber auf der Zugfahrt richtig viele interessante Gespräche mitgehört und mitgeschrieben, zugeguckt, was mir so begegnet, auch was außerhalb des Zugs stattfindet und auch im Zug und habe dann Texte verfasst und zeitgleich aus der Bahn fotografiert." "Zugvögel" heißt sein Text, der sogar veröffentlicht wurde. Denn zusammen mit weiteren Gedichten, Interviews und den unterschiedlichen Fotoarbeiten haben die Studierenden eine mehrseitige Beilage der Mitteldeutschen Zeitung gestaltet.

Nicht nur für Zoe Haufler ein nachhaltiges Ergebnis: "Dann sitzt man abends mit seinen Mitbewohnies am Tisch und redet über Strukturwandel, was sonst in der Form wohl nicht passieren würde. Und auch mit der Zeitungsbeilage: Dass sie die MZ-LeserInnen anregt, sich da vielleicht noch einmal Gedanken zu machen. Aber genauso ist es auch die Verbreitung und der Diskurs, den wir darüber gestartet haben: Also ich habe welche von den MZ-Beilagen nach Süddeutschland geschickt, wo ansonsten das Thema wahrscheinlich gar nicht so auf den Tisch gekommen wäre."

Franziska Meister: Symptome einer Landschaft, 2021
Franziska Meister: "Symptome einer Landschaft" Bildrechte: Kunsthochschule Burg Giebichenstein

Informationen Ausstellung
"Unser Revier. Mitteldeutschland im Wandel" - Die Arbeiten sind bis zum 30. November in der Zentralen Kustodie der Universität Halle zu sehen.

Universitätsplatz 11 (Löwengebäude)
06108 Halle

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag und Sonntag: 13:00 bis 18:00 Uhr

Mehr Projekte der Burg Giebichenstein

Kunst aus Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. November 2021 | 08:40 Uhr

Abonnieren