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Im Jahr 376 nach Christus greifen die Hunnen an! Die neue Sonderausstellung des Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle zeigt das Leben von Reiternomaden in Europa. Bildrechte: LDA Sachsen-Anhalt, Zeichnung: K. Schauer

Ausstellung: "Reiternomaden in Europa – Hunnen, Awaren, Ungarn"Zeitreise in Halle: Eintauchen in das Leben der Reiternomaden und Steppenkrieger des Mittelalters

von Sandra Meyer, MDR-Landeskorrespondentin Sachsen-Anhalt

Stand: 16. Dezember 2022, 04:00 Uhr

Mit der Ausstellung "Reiternomaden in Europa – Hunnen, Awaren, Ungarn" kann man im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle eintauchen in die Welt der Reitervölker im frühen Mittelalter. In Kooperation mit der Schallaburg in Österreich wurden 420 Exponate aus diversen Nationalmuseen und Sammlungen zusammengetragen. Sie spiegeln die archäologischen Hinterlassenschaften der Steppenvölker und erzählen ihre Geschichte. Dabei bedient man sich keinesfalls an den Klischees von barbarischen Reiterkrieger wie Attila oder Dschingis Khan.

Schon der erste Blick ist spektakulär: Im Zentrum der Schau stehen echte Schätze, goldene Gefäße, bronzene Medaillons oder ein edelsteinbesetztes Diadem. Und aus dem Hintergrund kommt uns ein Reiternomade auf seinem Pferd entgegen. Aber nicht wie wir es vielleicht mit Blick auf Attila, den Hunnenkönig im Kopf haben: kampfeslustig und grausam, sondern vielmehr erhaben.

Eine Inszenierung, die im besten Sinn die Idee der Ausstellung spiegelt, denn man möchte eben nicht die üblichen Klischees bedienen, sagt Museumschef Harald Meller: "Attila und Dschingis Khan als Pole von Reitervölkern haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebracht. Wir wollen aber zeigen, dass diese Reitervölker sehr viel mehr sind als nur blutrünstige Herrscher, die Europa bedrohen. Wir wollen zeigen, dass es eine Koexistenz gibt, und dass wir den Reitervölkern auch vieles verdanken. Und dass die Reitervölker ein Teil Europas sind und nichts völlig Exotisches."

Die Steigbügel verdanken wir den Awaren

Der Sensationsfund von einem awarischen Krieger mit kompletter Rüstung und Pferd wurde untersucht und rekonstruiert. Zu sehen in der Ausstellung: "Reiternomaden in Europa – Hunnen, Awaren, Ungarn" im Landesmuseum für Vorgeschichte Bildrechte: Déri Múzeum

Tatsächlich war die nomadische Lebensweise der Hunnen, Awaren und Ungarn keinesfalls primitiv, sondern eine hochspezialisierte Anpassung an das Leben in den Weiten der Steppe, sagt Archäologe Arnold Muhl. So sieht man die ausgetüftelten Jurten, so wetterfest wie ein Haus, aber in Kürze abbaubar wie ein Zelt, auch Pfeil und Bogen waren von höchster Präzision. Und manche Dinge fanden schließlich auch den Weg zu uns, wie die Steigbügel.

"Ohne die Steigbügel gäbe es hier das moderne Reiten überhaupt gar nicht", betont Muhl: "Denn wie finden Sie sonst Halt auf dem Pferd? Ein Ritter, der eine mit einer Lanze irgendwo hingeht, der braucht einen Widertritt und das habe ich nicht ohne Steigbügel. Wer das erfunden hat, weiß man nicht, aber erstmals kamen sie mit den Awaren, so im 6. oder 7. Jahrhundert hierher."

Denn das Pferd spielte die größte Rolle für die Reiternomaden, mit Ihnen trieben sie die riesigen Viehherden vor sich her und zogen teils auch in den Kampf. So sieht man in den Vitrinen vor allem auch Handels- und Beutegut. Und das hieß jede Menge Gold, Flaschen und Becher für festliche Bankette, aber auch sonstigen Schmuck. Der Archäologe ergänzt: "Man musste natürlich seinen Reichtum, seine Bedeutung zeigen, und das war eben das Gold. Nur so konnte man darstellen, dass man wer ist, dass man gleichrangig ist, auch mit den sesshaften Völkern."

Gürtel waren Statussymbole der Reiterkrieger

Besonderes Statussymbol des asiatischen Reiterkriegers war dabei der Gürtel – prunkvoll verziert, hielt er den Umhang zusammen und es hingen wichtige Utensilien wie Schwert, Messer, Tasche oder Amulette daran. "Der Gürtel war das prunkvollste, was er haben konnte", meint Muhl: "Weder eine Krone noch irgendwas anderes, sondern der Gürtel war das Mittel, wo er alle seine Utensilien aufhängen konnte, und er blieb dabei mobil."

Eine Schale aus dem awarischen Schatz von Nagyszentmiklós. Mit Gold zeigte man, wie mächtig man war. Bildrechte: Naturhistorisches Museum, Wien

Aber sie hatten auch gediegene Rüstungen. Das zeigt der außergewöhnliche Fund von einem kompletten Harnisch. So sieht man eine Vielzahl von Metallplättchen, die einst miteinander verschnürt waren, um den Oberkörper zu bedecken. Und dieser Fund diente als Vorlage für die schon erwähnte Reiternachbildung.

"Ein Sensationsfund, da wurde ein awarischer Krieger mit seiner kompletten Rüstung und seinem Pferd gefunden, alles bestens erhalten. Und er wurde zum Glück nach heutigen Gesichtspunkten untersucht, auch genetisch. Und den haben wir rekonstruiert: Wir sehen einen gerüsteten Awaren-Krieger auf seinem Pferd."

Arnold Muhl, Archäologe

Übrigens ein kleines Pferd, fast ein Pony, aber robust und zäh, das dem harten Klima standhalten konnte. Fünf bis zehn dieser Pferde hatte ein Nomade, damit sich die Tiere auch mal ausruhen konnten, erzählt Muhl.

Atemberaubende Praxis mit Pfeil und Bogen

Detail von einem goldenen Krug aus dem awarischen Schatz von Nagyszentmiklós. Bildrechte: Naturhistorisches Museum, Wien

Noch spannender aber ist es, in einem Film zu sehen, wie versiert die Reiter mit Pfeil und Bogen umgingen. Muhl führt weiter aus: "Das sieht so leicht aus, aber da steckt eine wahnsinnige Arbeit dahinter. Aber wenn man weiß, schon die Kinder müssen die Herden hüten, als Zweijährige sitzen sie schon auf dem Pferd: Man beherrscht das Reiten. Das geht maschinengewehrartig, in der Faust, die den Bogen hält, hat er mindestens noch zehn Pfeile. Und dann: zack zack zack, in einer affenartigen Geschwindigkeit."

Faszinierend! Wie etliche der 420 Exponate – in dieser Ausstellung werden wohl nicht nur Geschichtsinteressierte, sondern auch Reiterfreunde ihre Freude haben.

Informationen zur Ausstellung"Reiternomaden in Europa – Hunnen, Awaren, Ungarn"
Vom 16. Dezember 2022 bis 25. Juni 2023

Ausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle
Richard-Wagner-Straße 9
06114 Halle (Saale)

Di bis Fr: 9:00 bis 17:00 Uhr.
Sa, So und Feiertage: 10:00 bis 18:00 Uhr

In der Hochlandsteppe von Wakhan in Afghanistan lebten Reiternomaden. Bildrechte: Steffen Graupner, Jena

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 15. Dezember 2022 | 08:40 Uhr