Aufarbeitung Wie christliche Missionare menschliche Überreste entwendeten

Christliche Missionen wurden offiziell zur Bekehrung der Welt ausgesandt. Doch haben sie dabei im 18. und 19. Jahrhundert offenbar auch sehr unchristlich agiert. So finden sich mitgebrachte menschliche Überreste anderer Völker beispielsweise in den Anatomischen Meckelschen Sammlungen in Halle. Menschliche Schädel aus Asien und Afrika. Wie sie dahin kamen und was mit ihnen geschehen soll, wird derzeit diskutiert.

Ein Raum mit Vitrinen voller anatomischer Präparate
Die Meckelschen Sammlungen in Halle beherbergen anatomische Präparate des Menschen – manche Stücke könnten "auf Bestellung", durch christliche Missionare nach Europa gekommen sein. Bildrechte: MDR/Anja Nititzki

Christliche Missionare sind vor allem der Bekehrung wegen in die Welt gezogen. So nennt denn auch die Herrnhuter Brüdergemeine als hohes Ziel, "dass die Heiden viel von unserem Heiland erfahren". So jedenfalls wird Martin Dober zitiert, der genau das am 16. Juni 1731 an die Gemeine in der Heimat, nach Herrnhut schreibt. Dafür, heißt es in dem Brief weiter, reiche das Wissen, "dass es noch Seelen gibt, die nicht glauben können, weil sie nichts [von Jesus] gehört haben".

So weit, so gut. Nun aber stößt ein hallescher Historiker auf eine andere Seite solcher Missionsaktivitäten. Und die haben mehr mit kolonialem Denken als mit christlicher Nächstenliebe zu tun.

Bischöfe und Lehrer agierten ohne Skrupel

Es ist die Suche nach der Herkunft, der Provenienz, bei der Wissenschaftler sich mittlerweile auch mit menschlichen Überresten beschäftigen, mit Schädeln und Gebeinen, die in ethnologischen Sammlungen ausgestellt sind. Dorthin sind sie eben auch über Missionsstationen der Herrnhuter Brüdergemeine gelangt, hat Thomas Ruhland recherchiert. Ohne Skrupel hätten gebildete Menschen wie Bischöfe, Organisten oder Lehrer agiert, so Ruhland.

Es muss ganz klar gesagt werden, dass da von christlichen Skrupeln nichts zu spüren war.

Historiker Thomas Ruhland über die Herrnhuter Missionen

Der Historiker am halleschen Interdisziplinären Zentrum für Pietismusforschung beschäftigt sich seit Jahren mit dem Anteil der Herrnhuter Missionen an naturwissenschaftlichen Erkenntnissen. Immerhin war die Brüdergemeine auf fast 50 Stationen weltweit präsent und schickte regelmäßig Pflanzen oder Insektenfunde an naturwissenschaftlich Interessierte in Europa. Und eben auch menschliche Überreste, offenbar gab es im 18. und auch im 19. Jahrhundert einen schwunghaften Handel damit.

Schädel in den Meckelschen Sammlungen Halle

Ruhland wurde auch in Mitteldeutschland fündig, keine 20 Gehminuten von seinem Büro in den Franckeschen Stiftungen entfernt. In den Meckelschen Sammlungen der hiesigen Universität, die der Historiker aus Neugier besuchte. Dabei stellte er fest, "dass dort Schädel beschriftet waren, die klar auf Herrnhuter Quellen verweisen. Dort sah ich Aufschriften, die ich aus meiner historischen Arbeit zum Naturalienhandel der Herrnhuter Brüdergemeine kannte."

Drei Schädel liegen in einer Vitrine
Wurden manche Schädel aus Gräbern in Afrika oder Asien entwendet? Bildrechte: MDR/Anja Nititzki

Insgesamt seien es 18 menschliche Schädel, die gesichert von Sammlern mit Herrnhuter-Kontext stammen, bei elf weiteren bestehe der Verdacht. Sie kämen unter anderem aus Grönland, Peru, Russland, Südafrika oder aus Nordamerika, bestätigt die Sammlungschefin Heike Kielstein diese Funde.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung läuft

Wie aber soll es nun weitergehen mit solchen menschlichen Überresten, die zum Teil aus geöffneten Gräbern stammten und vermutlich gegen den Willen der Angehörigen sogar mit Gewalt in Besitz genommen wurden?

Es ist eine Problematik, die Kielstein sehr gegenwärtig ist. Sie verweist darauf, "dass wir seit drei Monaten ein eigenes wissenschaftliches Projekt zu diesem relevanten Thema unserer Sammlungen initiiert haben. Wir werden hier sehr akribisch und behutsam vorgehen und können deshalb jetzt noch über keine validen wissenschaftlichen Erkenntnisse zu diesen human remains berichten."

Im Ergebnis könnten solche menschlichen Überreste in die Herkunftsländer zurückgeführt und dort bestattet werden, wie es die Meckelsche Sammlung bereits mit Relikten von australischen Ureinwohnern praktiziert hat.

Alle Menschen sind gleich – oder?

Aber verletzten die Missionare mit dem Schädelverkauf nicht auch christliche Werte. Vor Gott seien alle Menschen gleich, versucht Ruhland das missionarische Weltbild in seiner historischen Dimension einzuordnen: "aber Gleichheit im Sinne von Mann und Frau, im Sinne von Arm und Reich oder gar im Sinne der Herkunft, der Stellung im evolutionärem Modell scheint damals nicht im Sinne der christlichen Gleichheit zu sein."

Ein weißer Mann mit Hut und Brille kniet auf dem Boden, hinter ihm sitzen Afrikaner
Missionar in Afrika bei einer sogenannten Heidenpredigt. Bildrechte: imago/Arkivi

Aufgeschlossenheit bei Herrnhuter Brüdergemeine

Und wie geht die Herrnhuter Brüdergemeine mit den dunklen Seiten ihrer Missionsgeschichte um? Nach ersten Vorträgen und Gesprächen in Herrnhut, wäre die Brüdergemeine sehr aufgeschlossen gewesen, beschreibt Ruhland die Situation. Es gäbe Entschuldigungen mit der Erkenntnis, dass Missionen auch für alles Negative, das dem Kolonialismus zuzuschreiben sei, durchaus Vorschub geleistet oder zumindest in diesen Strukturen agiert habe.

Noch ist die Forschung am Anfang, und auch die Kirchen suchen wohl nach Wegen, Schuld erst einmal einzugestehen und ihr auch angemessen zu begegnen.

Veranstaltungstipp Vortrag von Dr. Thomas Ruhland: "Menschliche Überreste aus missionarischen Sammlungsaktivitäten der Herrnhuter Brüdergemeine in den Meckelschen Sammlungen der Universität Halle"

19. Oktober 2022, 18 Uhr

Franckesche Stiftungen Halle
Haus 26, Englischer Saal

Eintritt frei

Redaktionelle Bearbeitung: op

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Oktober 2022 | 09:15 Uhr

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