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Im Kunstmuseum Moritzburg in Halle haben einige Kunsttitel eine Neuerung erfahren, um Diskriminierungen zu vermeiden. Bildrechte: imago images/Schöning

Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich im GesprächMoritzburg in Halle: Warum das Kunstmuseum diskriminierende Kunsttitel geändert hat

Stand: 14. Januar 2022, 14:32 Uhr

Wegen diskriminierender Sprache hat das Kunstmuseum Moritzburg in Halle bereits 2019 und 2020 die Titel von Kunstwerken verändert. Aktuell sind es insgesamt drei Werke aus der museumseigenen Sammlung, bei denen die Namen geändert wurden. Die im 19. und 20. Jahrhundert festgehaltenen Inventarnamen enthielten etwa verschiedene Formen des N-Wortes. Warum sich das Museum zur Titel-Aktualisierung entschieden hat, erklärt Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich im Gespräch mit MDR KULTUR.

MDR KULTUR: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden haben inzwischen 143 Werke umbenannt und ernten dafür Zustimmung, aber auch Kritik. Herr Bauer-Friedrich: Sie haben in Ihrem Museum in den vergangenen zwei Jahren auch Werktitel geändert. Warum Ihr Vorgehen? Gab es einen Auslöser zur Diskussion, Anmerkungen von Besuchenden oder war das eine eigene Recherche?

Museumsdirektor Thomas Bauer-Friedrich. Bildrechte: imago/VIADATA

Thomas Bauer-Friedrich: Das war eine eigene Recherche. Anders als zum Beispiel die Dresdner Kollegen machen wir das nicht so, dass wir ganz systematisch die gesamte Sammlung auf rassistischen, diskriminierenden Sprachgebrauch prüfen, sondern fallbezogen oder anlassbezogen. Das waren jetzt Werke, die wir für unsere neue Präsentation der Altmeister der Kunst, vor allem des 19. Jahrhunderts, ausgewählt hatten, die eben traditionell diskriminierende Titel hatten. Wo also das N~Wort, das M~Wort vorkamen und wo wir dann recherchiert haben, warum ist das so, wie es ist?

Offensichtlich handelt es sich bei den Werken, die sie umbenannt haben, um sehr verschiedene Fälle. Bei dem Gemälde von Hans Blechen, da waren die Verantwortlichen der Moritzburg offenbar selber an dem diskriminierenden Titel beteiligt?

Leider muss man das so sagen. Als es 1933 in die Sammlung kam und inventarisiert wurde, wurde der Titel, den das Bild eigentlich schon hatte und der sogar auf dem Gemälde notiert ist, nämlich "Smith from Halifax" mit dem N~Wort versehen. Das wäre damals bei der Inventarisierung gar nicht nötig gewesen, weil das Bild einen völlig neutralen Titel hatte und der Mensch, der dargestellt ist, eben auch mit seinem Name benannt wurde.

Was bedeuten Abkürzungen wie z.B. N~ oder M~Wort?Mit dem Begriff "N~Wort" oder "M~Wort" wird heute eine früher gebräuchliche, rassistische Bezeichnung für Schwarze Menschen umschrieben.

Das heißt, man tut nicht in jedem Falle dem Maler oder der Malerin Unrecht. Manche Titel kommen aber scheinbar wirklich aus der damaligen Zeit. Würden Sie eine Titeländerung in jedem Falle für nötig erachten?

Ja, auf jeden Fall, weil das, was mir wichtig ist – und wir haben es auch hier im Haus sehr intensiv und kontrovers diskutiert in der Kollegenschaft – dass wir, dass wir das heute nicht fortführen wollen, auch wenn es damals historisch bedingte, selbstverständliche, unreflektierte Anwendung von Sprache war.

Auch wenn es damals historisch bedingt, selbstverständliche, unreflektierte Anwendung von Sprache war, wollen wir das heute nicht fortführen.

Thomas Bauer-Friedrich, Museumsdirektor Moritzburg

Wir haben ein Bild umbenannt in "Männlicher Studienkopf", was bei uns inventarisiert wurde als "Studienkopf eines M~Wort". Dieses Wort muss man nicht zum Verständnis des Bildes weiter thematisieren, sondern es ist ein Schwarzer dargestellt, der nicht dargestellt ist, weil er ein Schwarzer ist - sondern in seiner ganzen Erscheinung, mit wirklich einer sehr üppigen, wertvollen Kleidung.

Noch prominenter ist sicher das Gemälde von Theodor Lux oder Lux Feininger, also der Sohn von Feininger. Er hat sein Gemälde aus dem Jahr 1933, also auf den Namen "The N~ of the narcissus" getauft, also nach der gleichnamigen Erzählung von Joseph Conrad. Das Bild ist momentan in Quedlinburg zu sehen. Wie sind Sie da vorgegangen?

Das ist ein gutes Beispiel, wo man auch sieht, wie wir als Museumsverantwortliche auch nach der richtigen Variante ringen und suchen. Das Bild ist eigentlich immer Teil unserer Dauerausstellung. Wir haben es im ersten Schritt erst einmal nur kontextualisiert und erklärt, wo der Titel mit dem N~Wort herkommt, ohne in den Titel einzugreifen.

In Quedlinburg haben wir "N****" daraus gemacht. Ich bin selber noch nicht so glücklich damit, weil ich finde, dass es auch wieder ein doch recht arrogantes, elitäres Vorgehen von uns Museumsmenschen ist, weil wir natürlich wahnsinnig viel wissen. Wir setzen die Kenntnis des gesamten Diskurses voraus.

Auf der anderen Seite wollen wir diese diskriminierenden Wörter auch nicht weiter verwenden. Das ist im Moment so die Diskussion, die wir führen, quasi die Suche nach dem richtigen Weg: Wie kennzeichnen wir es grafisch in der Ausstellung? Das ist unser großes Thema.

Nochmal zu den Begrifflichkeiten. Es gibt ja Bezeichnungen, das wird jeder einsehen, die sind nicht nur gestrig, sondern auch diskriminierend. Aber warum zum Beispiel wird aus einem "afrikanischen Krieger, den Bogen schwingend", ein "Krieger, den Bogen schwingend". Da fragt man sich doch eigentlich: Was steckt Böses dahinter?

Weil es natürlich ein pauschalisierender Blick aus unserer europäischen Perspektive auf Bevölkerung auf anderen Kontinenten ist. Tauschen wir mal die Perspektive einfach um. Also man würde ja, glaube ich, völlig irritiert sein, wenn wir vor einem Bild stehen, wo plötzlich als Titel "Europäischer Handwerker einen Korb flechtend" stehen würde. Das macht auch keiner in einem deutschen Museum.

Das ist eben dann wieder der eurozentrische Blick auf andere Bevölkerungsgruppen, auf andere Ethnien. Afrika setzt sich eben aus sehr vielen Ethnien zusammen, es gibt nicht, "das" Afrika, so wie wir alle nicht "die" pauschalen Europäer sind oder "der" Deutsche. Wir wollen ja gerade die Vielheit, die Diversität haben, aber dann müssen wir die auch anderen Menschengruppen zugestehen.

Sie sind nicht die ersten, die die Werke umbenennen, das gehört auch zum wissenschaftlichen Diskurs eines Museums dazu. Trotz alledem schlagen die Wogen hoch. In Dresden zum Beispiel ist der Widerstand total groß. Welche Reaktionen haben Sie erfahren?

Das ist bei uns ähnlich. Ich finde es ja immer gut, wenn reagiert und diskutiert wird. Was ich aber mit einem doch sehr traurigen Blick betrachte, dass es höchst emotional und auch sehr unsachlich geführt wird, wenn man an uns herantritt. Da muss man schauen, wie geht man damit um? Wir wollen ja gerade auch zum Nachdenken bei unseren Besuchern anregen.

Wir wollen ja gerade zum Nachdenken bei unseren Besuchern anregen.

Thomas Bauer-Friedrich, Museumsdirektor Moritzburg

Was ich beobachtet habe ist, dass es sich altersmäßig extrem unterschiedlich verhält, wie reagiert wird. Ein junges Publikum spiegelt uns zurück, dass es sehr dankbar ist, dass wir reflektiert mit der Geschichte und mit der Sprache unserer Werke umgehen. Und das "traditionelle" Museumspublikum ist doch eher verstört und irritiert, was wir hier machen und wie wir hier eingreifen in vermeintlich neutrale Werkgeschichte.

Wo stehen wir denn in der Museumslandschaft in diesem Prozess? Und wie werden Sie jetzt weiter vorgehen?

Ich würde sagen, wir sind mehr und mehr mittendrin in der ganzen Diskussion. Ganz selbstkritisch für uns Museen sage ich: Wir sind dann doch sehr behäbig und eher traditionell. Es dauert alles relativ lang, bis Veränderungen stattfinden. Aber in den wichtigen Häusern wird das alles reflektiert und diskutiert. Entsprechend wird es jetzt auch wahrgenommen.

Ich bin überzeugt, dass diese Diskussionen noch viel weiter gehen werden und auch einfach weitergehen müssen. Wir können nicht nur bei Werktiteln anfangen und aufhören, sondern müssen auch den ganzen Erwerbskontext kritisch betrachten. Das betrifft jetzt nicht nur außereuropäische Objekte in unserer Sammlung, sondern auch die eigene nationale Sammlung.

Das Interview führte Moderatorin Annett Mautner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR am Mittag | 05. Januar 2022 | 13:40 Uhr