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Detailgetreue NachbildungWie ein Atelier aus Halle die Merseburger Zaubersprüche neu erschafft

Stand: 10. Juni 2022, 04:00 Uhr

Eine Handschrift der sogenannten Merseburger Zaubersprüche gehört zu den wertvollsten Beständen der Merseburger Domstiftsbibliothek. Dabei handelt es sich um zwei althochdeutsche Sprüche, die zur Befreiung Gefangener und gegen Fußverrenkung eingesetzt wurden. Eine detailgetreue Nachbildung dieses historischen Dokuments, ein Faksimile, wird nun der Öffentlichkeit präsentiert. Hergestellt wurde es in dem Atelier für Buchrestaurierung und Faksimiles "Goldene Esel" in Halle.

Im Dachgeschoss eines Mehrfamilienhauses befindet sich das Atelier von Annette Friedrich und Rita Lass. Ein Arbeitstisch steht dabei im größten Zimmer der Atelierswohnung – umrahmt von Regalen mit Modellarbeiten, Material, Pinseln und Werkzeugen. Dort wurde das Faksimile der Merseburger Zaubersprüche erstellt. Ein Probeexemplar ist bei den Macherinnen verblieben, das Auftragsstück soll nun im Merseburger Dom ausgestellt werden. Für die Vereinigten Domstifter bedeutet die Präsentation des Faksimiles auch einen weiteren Schritt auf dem Weg zum Weltdokumentenerbe für Merseburg.

Besuch im Atelier "Goldene Esel" in Halle

Behutsam und mit Vorsicht entfaltet die gelernte Buchbinderin Annette Friedrich einen Karton, aus dem sie dem Anschein nach ein uraltes Buch herausholt, das mit einem verschmutzten, alten Ledereinband mit Flecken, alten patinierten Buchseiten und handgenähten Applikationen das Auge täuscht. Was aussieht wie ein historischer Buchschatz, ist in Wahrheit eine detailgetreue Kopie: ein Faksimile.

Die Vereinigten Domstifter Merseburg waren auf Annette Friedrich und ihre Kollegin zugekommen, als sie vor zwei Jahren ihr Restaurations-Atelier in Halle gegründet hatten. Ein Teil-Faksimile des sogenannten Codex 136 gaben die Domstifter in Auftrag. Neben dem Fränkischen Taufgelöbnis und dem Merseburger Gebetbruchstück produzierten die Buchkünstlerinnen schließlich auch eine originalgetreue Handschrift der Merseburger Zaubersprüche. Eine Herausforderung, wie Annette Friedrich beschreibt. Denn die Arbeit an dem Faksimile sei häufig auch eine Arbeit, bei der man ausprobiere und dann durch Zufall merke: "Ach, dieses eine Mittelchen, was wir sonst eigentlich zum Vergolden benutzen, das ergibt eine leicht glänzende speckige Schicht".

Annette Friedrich in ihrem Atelier "Goldene Esel" in Halle Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Ausprobieren, Experimentieren, Basteln – Handarbeit mit Geduld

Man muss sich das wirklich vorstellen: Annette Friedrich bedenkt nicht nur, wo ein Fleck auf dem Einband oder einer Seite zu sehen ist, sondern auch wie der Fleck sich zu seinem Umfeld, also zu den anderen Seiten, verhalten hat. Hat er durchgedrückt? Ist er verlaufen? Dann muss der Fleck farblich abgeschwächt gespiegelt natürlich auch auf der anderen Seite erscheinen. Denn ganz oft werde aus Kostengründen bei Faksimiles "nicht dieser letzte Meter gemacht, der eigentlich etwas zum Leben bringt. Die Falte, die Welle, die Kante, die halt genau so ist, wie sie sein muss und nicht nur abgeschnitten. Und das macht uns halt Spaß", sagt die Buchkünstlerin.

Besondere Drucktechnik aus der Schweiz

Stück für Stück näheren sich die Frauen dann immer mehr dem Original an. Die Schrift wiederum wurde gedruckt, doch auch da bedurfte es der Detektivarbeit. Den richtigen Flachdrucker für bearbeitetes Pergamentpapier fand Annette Friedrich schließlich in der Schweiz - nach zwei gescheiterten Anläufen bei anderen Druckerfirmen. Ein Drucker aus Leipzig habe ihr gesagt, dass sie für ihre Ansprüche den Rolls Royce unter den Druckern brauche - eine Swiss Q Print Maschine. "Da stehen welche in Berlin und welche in Hamburg", erinnert Sie sich an das Telefonat mit der Firma. Am Ende gab es ein happy end und die Zauberformeln erscheinen genau in dem farblichen Spektrum, wie es das Original vorgibt.

Aufgeraute Seitenränder – das i-Tüpfelchen der Nachbildungen. Bildrechte: MDR/Ole Steffen

Insgesamt rund zwei Monate auf ein Jahr verteilt haben die Restauratorinnen an dem Teilfaksimile für das Replikat des Codex 136 gearbeitet. Bei der Vereinigten Domstiftern ist das Werk mit großer Freude entgegengenommen worden, sagt Annette Friedrich. Für sie und ihre Kollegin war es auch ein besonderer Auftrag, der nicht zu vergleichen ist mit dem, was die Buchrestauratorinnen ansonsten bearbeiten. Dabei gehe es eher um kleine Dokumente oder Urkunden oder mal ein Skizzenbuch eines Künstlers. "Aber nix im Stellenwert von dem, was historisch so aufgeladen ist", sagt Annette Friedrich und ergänzt, "da liegt die Latte sehr hoch".

Ein Schritt zum Weltdokumentenerbe für Merseburg

Der Wert des Faksimiles lasse sich noch nicht abschließend beziffern, so Annette Friedrich. Ohnehin sei der ideelle Wert für die Auftraggeber als auch für die Macherinnen unermesslich. Denn die Vereinigten Domstifter haben nun künftig ein Vorstellungsobjekt, an dem die Geschichte der Merseburger Zaubersprüche dargestellt werden kann. Das wird wiederum hilfreich sein bei den weiteren Schritten auf dem Weg zum Weltdokumentenerbe. Und die Macherinnen, Annette Friedrich und Rita Lass, haben durch die Arbeit an dem Faksimile Feinheiten und Fertigkeiten ausprobieren und erwerben können, die ihre Arbeit an anderen Projekten künftig erleichtern wird.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juni 2022 | 06:15 Uhr