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Karl Marx krönt das riesige Wandbild "Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR" des spanischen Künstlers Josep Renau in Halle-Neustadt, am 25. April 2023 wurde es restauriert übergeben. Bildrechte: Wüstenrot Stiftung

DDR-KunstHalle: Restauriertes Mosaik von Josep Renau übergeben

25. April 2023, 15:17 Uhr

Ein stilisierter Kopf von Karl Marx krönt das Mosaik in Halle-Neustadt. Zur Feier des Sozialismus arrangierte der spanische Künstler Josep Renau zwischen 1968 und 1974 mehr als 11.000 Fliesen, für sein Werk "Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR". Das Mosaik gilt als herausragende DDR-Kunst am Bau, die aber immer mehr aus den Fugen fiel. Eine Stiftung unterstützte die Stadt bei der Rettung, am 25. April 2023 wurde das Wandbild nun restauriert übergeben.

In Halle-Neustadt ist am Dienstag das restaurierte Wand-Mosaik "Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR" feierlich übergeben worden. Geschaffen hatte es der spanische Künstler Josep Renau zwischen 1968 und 1974 für die Außen-Fassade eines ehemaligen Lehrlingswohnheims, das in dem Plattenbau untergebracht war.

"Unbequemes kulturelles Erbe der DDR darf nicht verschwinden"

Unbequemes kulturelles Erbe der DDR dürfe nicht einfach verschwinden, begründete Geschäftsführer Philip Kurz das finanzielle Engagement der Wüstenrot Stiftung zur Restaurierung im Gespräch mit MDR KULTUR. Renaus Werk sei Teil eines ideologischen Gesamtkonzepts für die sozialistische Plan-Stadt gewesen, aber auch ein imposantes Beispiel für Kunst am Bau in der DDR, so Kurz.

Trotz all der Unwägbarkeiten bei diesem schwierigen Großprojekt sei nicht die geplante Summe von einer Million Euro benötigt worden, erklärte Kurz weiter. Die Kosten beliefen sich demnach am Ende auf rund 600.000 Euro. Der Anteil der Stadt von rund 80.000 Euro kann nun in andere kulturelle Projekte fließen.

Mosaik für die DDR-Plan-Stadt mit rund 11.000 Fliesen

Das 36 Meter hohe und 7,25 Meter breite Mosaik besteht aus 11.136 Fliesen. Bei der Instandsetzung mussten sie wieder befestigt oder neu verlegt werden. Zerstörte Teile wurden mithilfe überlieferter Glasur-Rezepturen originalgetreu restauriert oder ergänzt.

Das Mosaik "Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR" (r.) ist eines von zwei Wandbildern, die zwischen 1968 und 1974 an den beiden Treppenhäusern eines elfgeschossigen Lehrlingswohnheims in Halle-Neustadt angebracht wurden. Nun sind beide restauriert. Bildrechte: Wüstenrot Stiftung

Das Werk mit dem Titel "Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR" korrespondiert mit einem zweiten Wandbild "Die vom Menschen beherrschten Kräfte von Natur und Technik" auf der linken Seite des "Elfgeschossers". Es war bereits 2005 im Auftrag der Stadt Halle instandgesetzt worden. In Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung konnte der zweite Teil des Ensembles denkmalgerecht restauriert werden.

Stiftung: Zeitlicher Abstand erlaubt neuen Blick

Zum kulturellen Erbe in Deutschland zähle eine große Anzahl an Kunstwerken im öffentlichen Raum aus DDR-Zeiten, erklärte die Stiftung vor der Übergabe am Dienstag. Trotz ihres häufig identitätsstiftenden Charakters seien etliche dieser Arbeiten zerstört bzw. überformt worden, weil die Wertschätzung dafür gefehlt habe. Um Abhilfe zu schaffen, sei das Programm "Baubezogene Kunst in der DDR" gestartet worden. Zu den herausragenden Arbeiten zähle man die Groß-Mosaiken von Josep Renau (1907-1982), von denen in Deutschland nur drei in Halle und eins in Erfurt erhalten seien.

Geschäftsführer Philip Kurz erläuterte im Gespräch mit MDR KULTUR dazu:

Das Produzieren von Kunst für die Leute draußen und eben nicht nur fürs Museum oder für das Esszimmer von reichen Leuten, das ist eine große kulturelle Errungenschaft, die sehr DDR-spezifisch war.

Philip Kurz | Geschäftsführer Wüstenrot Stiftung

Der zeitliche Abstand erlaube einen doppelt neuen Blick auf das Werk Renaus, es habe Ideologie transportiert, sei aber dennoch tolle Kunst im Stadt-Raum. Sie nicht wertzuschätzen, bedeutete einen großen Verlust.

Das 36 Meter hohe und 7,25 Meter breite Mosaik besteht aus 11.136 Fliesen. Sie wurden teilweise originalgetreu restauriert und dann neu befestigt. Bildrechte: Wüstenrot Stiftung

Kommunist und Künstler aus Spanien: Josep Renau

1907 in Spanien geboren, war Renau als Mitglied der kommunistischen Partei und Anhänger der Republik nach dem Sieg des faschistischen Diktators Franco 1939 aus seiner Heimat ins mexikanische Exil geflüchtet. Dort inspirierte ihn die Wandbild-Malerei von David Alfaro Siqueiros. 1958 übersiedelte Renau in die DDR, wo er als Illustrator und Grafiker für Zeitschriften und Trickfilme sowie das DDR-Fernsehen arbeitete.

Ich male nicht für die Partei, ich male nicht für die Kunstkritiker, sondern ich male für die Leute, die sich nicht für Malerei interessieren. (…) Die Kunst muss zum Menschen kommen, in jedes Haus, ohne zu fragen!

Josep Renau | spanischer Künstler, 1980

Mosaik in Halle war neu in der architekur-bezogenen Kunst der DDR

1968 beauftragte ihn der Beirat für bildende Kunst und Baukunst mit der Wandbild-Gestaltung für ein Bildungszentrum in der sozialistischen Plan-Stadt, wo jedem Wohnkomplex laut Stiftung auch eine politisch-ideologische Konzeption zugrunde lag. Dazu sollten auch Arbeiten an der Fassade einer Mensa oder Schwimmhalle gehören, sie wurden am Ende nicht realisiert. Das für das Projekt engagierte Künstler-Kollektiv löste sich im Streit auf.

1974 stellte Renau jedoch sein Groß-Mosaik für das Lehrlingswohnheim fertig, es war seine erste Außenwand-Bildgestaltung und sowohl konzeptionell als auch formal-stilistisch ein Novum in der architekur-bezogenen Kunst der DDR. Die Stiftung verweist dazu auf die Bildsprache mit kubistisch-futuristischen oder surrealistischen Elementen. Zudem sei die Komposition so auf die Perspektive der Passanten abgestimmt, dass sie eine geradezu mitreißende Dynamik entfalte. Dass Keramik-Fliesen als Material gewählt wurden, sei der erheblichen Luftverschmutzung durch die nahe chemische Industrie in Halle geschuldet. Hergestellt wurden sie in Boizenburg.

1976 wurde das Wandbild "Einheit der Arbeiterklasse und Gründung der DDR" fertiggestellt. Unter dem Marx-Kopf sind u.a. eine stilisierte Ähre, ein Mikroskop oder Orgelpfeifen zu sehen, die stehen für Landwirtschaft, Wissenschaft und Kunst, so wurde die ganze DDR-Bevölkerung bildlich in den Dienst am Aufbau des Sozialismus gestellt. Bildrechte: Wüstenrot Stiftung

1976, nach dem Tod Francos und dem Ende der Diktatur kehrte Renau nach Spanien zurück. Er starb am 11. Oktober 1982 während eines Aufenthalts in Ost-Berlin.

Mitreißende Dynamik aus der Perspektive der Passant*innen: Detail aus dem Mosaik "Die Einheit der Arbeiterklasse" von Josep Renau. Die Handreichung steht als Symbol dafür. Bildrechte: Wüstenrot Stiftung

Quellen: MDR Kultur, Stadt Halle, Wüstenrot Stiftung, Redaktionelle Bearbeitung: Katrin Schlenstedt

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 25. April 2023 | 08:40 Uhr