Nachgeholte Preisverleihung Fotograf Ulrich Wüst aus Magdeburg mit Kunstpreis des Landes Sachsen-Anhalt geehrt

Der Kunstpreis von Sachsen-Anhalt ging 2021 an den Fotografen Ulrich Wüst. Doch wegen Corona musste die Preisverleihung ausfallen und wird nun nachgeholt. Ulrich Wüst, 1949 in Magdeburg geboren, gehört zu den herausragenden Fotografen in Deutschland. Mit seinen Stadt-Porträts schuf der Künstler in den letzten Jahrzehnten ein unverwechselbares Werk und wurde auch international wahrgenommen, z. B. in Athen und auf der documenta 14 Kassel. Uwe Gellner vom Kunstmuseum Magdeburg ist ein Kenner seines Werks und ordnet dessen Kunst ein.

Fotograf Ulrich Wüst steht in seiner Ausstellung
Fotograf Ulrich Wüst 2016 in einer Ausstellung mit seinen Werken. Der Künstler stammt aus Magdebrug und ist bekannt für seine Porträts von Städten. Bildrechte: IMAGO / IPON

MDR KULTUR: Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an der Fotokunst von Ulrich Wüst?

Uwe Gellner: Vielleicht, dass sie gar nicht wie Kunst aussieht auf den ersten Blick. Er fotografiert die Stadt, ihre Straßen, ihre Fassaden, er fotografiert in schwarz-weiß, zumindest die ersten Jahrzehnte seines Schaffens. Und was wir sehen, ist nicht unbedingt spektakulär. Er hat festgehalten, wo man normalerweise vorbeigeht. Hier hat er eine besondere Sensibilität entwickelt: Er guckt auf die Fassaden, überlegt, wie Urbanität zustande gekommen ist. Diese Bilder zeigen nicht unbedingt Sehenswürdigkeiten, sondern das Normale, das Alltägliche einer Stadt

Vielleicht ein Beispiel: Wie hat er seine Heimatstadt Magdeburg abgebildet?

Magdeburg war prägend für ihn. Er ist dort aufgewachsen und kennt die Brüche dieser Stadt. Vielleicht hat ihn das zunächst zur Stadtplanung, später auch zur Fotografie geführt. Er weiß, was es bedeutet, wenn der Verlust in eine Stadt einzieht, wenn sie zerstört wird, und wenn man nur noch die Fragmente wahrnehmen kann. Er hat die Schönheit dieser alten Fassaden oft festgehalten. Auch, wie schwierig es ist, eine neue Stadt zu errichten. Später muss er den Verfall verzeichnen an fehlenden Ressourcen der DDR, wo viele dieser alten Gebäude dem Verfall anheimgestellt waren. Man kann sagen, vieles aus seiner Haltung – er arbeitet sehr sachlich – kommt aus der Fotografie der Neuen Sachlichkeit der 20er-Jahre, da hat er sich verankert und da kann er seine Bilder einordnen auf chronistische Weise.

Die DDR hat wichtige Fotokünstler hervorgebracht: Evelyn Richter, Arno Fischer, Helga Paris – wo kann man Ulrich Wüst da einordnen?

Ulrich Wüst arbeitet anders. Er inszeniert nicht. Im Gegensatz zu den Vorgenannten ist nicht das besondere Motiv das Heraushebenswerte, das ist so eine Idee, die aus der Malerei in die Fotografie übergekommen ist. Er fotografiert auch nicht den besonderen Moment wie eine der Größen der Fotografie des 20. Jahrhunderts, Henri Cartier-Bresson, es immer wieder formuliert hat. Wüst zeigt die Stadt, wie sie ist, er zeigt sie ohne Mensch.

Warum?

Man kann immer sagen, die Stadt besteht aus den Gebäuden und aus den Menschen. Und an den Fassaden der Gebäude kann man das Verhalten der Menschen mit ihrer Stadt ablesen. Die Fassaden sind wie Gesichter, man könnte sagen: Passfotos der Stadt.

Ulrich Wüst hat den Mauerfall erlebt, seine Fotos der Nachwendezeit sind wichtige Dokumente, die da entstanden sind. Wie spiegelt sich denn der Umbruch insgesamt in seinem Werk?

Wer sich erinnert, die erste Phase im Westen, der wird den Schock noch verinnerlicht haben. Fotografen sind sensibel für Zeit, sie arbeiten mit der Zeit, und natürlich wusste jeder, gerade ein Fotograf: Alles wird sich verändern im Osten. Und diese Veränderung aufzeichnen, das ist natürlich Aufgabe der Fotografen. Der radikale Bruch war wie ein Schock und hatte natürlich Folgen für die eigene Arbeit.

Ulrich Wüst lebt seit langem in Berlin, aber er kehrt immer wieder nach Magdeburg zurück und fotografiert immer dieselben Orte wie früher schon. Was, sagen Sie, ist der besondere Wert dieser Bilder?

Fotos sind Momentaufnahmen. Wenn Sie Fotos unterschiedlicher Zeiten aufeinanderlegen, entwickelt sich so eine Art Chronik, an der wir Veränderungen ablesen können. Das tut die Fotografie und das hat Wüst manchmal konzeptionell forciert gemacht. Also er hat z. B. bestimmte Orte in Magdeburg vor 1989 fotografiert und ist nach '89, im Zuge der Veränderung der 90er-Jahre, als alles sich wandelte, genau an dieselben Orte gegangen, hat genau dieselben Einstellungen in seiner Kamera vorgenommen und noch einmal fotografiert. So wird Erinnerung sichtbar.

Ulrich Wüst Ausstellung 6 min
Bildrechte: IMAGO / IPON

MDR KULTUR - Das Radio Do 27.10.2022 06:00Uhr 05:55 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ulrich Wüst Ausstellung 6 min
Bildrechte: IMAGO / IPON
6 min

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Das Gespräch führte Ellen Schweda für MDR KULTUR. | Redaktionelle Bearbeitung: Judith Burger

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Oktober 2022 | 06:10 Uhr

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