"Hans-Wulf Kunze Fischfabrik, 1985-1990" Magdeburger Kunstmuseum zeigt Fotografien von Hans-Wulf Kunze

Am Kunstmuseum Magdeburg wird momentan zwar heftig gebaut – doch man kann nach wie vor die Sammlung und auch verschiedene Ausstellungen sehen, wie zum Beispiel eine Schau mit Werken des 1955 in Dresden geborenen Fotografen Hans Wulf Kunze. Die Ausstellung "Hans-Wulf Kunze Fischfabrik, 1985-1990" zeigt eine experimentelle fotografische Untersuchung der Arbeit in der Industrie, oder kurz gesagt, einen Ausflug in eine Fischfabrik der 80er-Jahre.

Eine Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt den Oberkörper einer Person beim Arbeiten in der Magdeburger Fischfabrik.
Gleichzeitig künstlerisch und dokumentarisch: Fotografien von Hans-Wulf Kunze in einer Magdeburger Fischfabrik. Bildrechte: Hans Wulf Kunze

Mit Gummischürzen und Häubchen hantieren junge Männer und Frauen in den weiß gekachelten Hallen der Magdeburger Fischfabrik – man ahnt den Gestank und die glitschige Nässe, wenn sie die Fische sortieren, die Fliesen schrubben und die Bottiche säubern.

Ein Zeitdokument der DDR

Die Schwarz-Weiß-Fotografien von Hans-Wulf Kunze lassen den Betrachter abtauchen in eine andere Zeit: die DDR der 80er-Jahre, als es noch diesen volkseigenen Betrieb als Ausbildungsstätte gab und auch Fotografen noch willkommen waren, die dortige Produktion abzubilden, erzählt der Künstler.

Blick in die Magdeburger Ausstellung: drei Schwarz-Weiß-Fotografien mit Detailaufnahmen
Die Fotografien bilden den Arbeitsalltag ab. Bildrechte: Kunstmuseum Magdeburg

Er war natürlich nicht fünf Jahre ununterbrochen vor Ort, hatte aber einen Spind im Umkleideraum. Alle zwei oder drei Monate war er dann für ein bis zwei Wochen am Stück - je nach Ergebnis wurde es auch intensiver und er blieb auch über zwei Monate. Insgesamt waren es fünf Jahre.

Studium der Fotografie an der HGB in Leipzig

Noch während seines Studiums an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig widmet sich Kunze der sozialdokumentarischen Fotografie – erst in den Hallen des Schwermaschinenbaus, dann in der Fischverarbeitung. Doch hier verlässt Kunze, laut Kurator Uwe Gellner, bereits die reine Dokumentation der Werktätigen. Vielmehr zeigt sich ein Ausbildungsalltag mit all seinen Untiefen.

Er nähert sich im Grunde nicht nur äußerlich, sondern schafft es, die Emotionen, die Gedanken, die Empfindung, den Lärm, den Geruch, all das mit in die Bilder aufzunehmen.

Uwe Gellner, Kurator

Im Museum wurden die Abzüge nun ungerahmt an die Wand geheftet, und unterstreichen damit den spontanen Entstehungsprozess der Bilder – hier wirkt nichts inszeniert. Im Gegenteil: Die Abgelichteten Jugendlichen stehen seltsam ungelenk und ausdruckslos vor den Fliesenwänden. Es geht nicht um das Porträt eines Arbeitsplatzes, sondern vielmehr um die Beschreibung eines Milieus. Hier wird auch das präsent, was sich außerhalb des sichtbaren Bildausschnitts der Kamera abspielt.

Mehrere kleine Fotos hängen an einer weißen Wand im Magdeburger Museum.
Kunzes Magdeburger Fotografien sind eine Milieustudie. Bildrechte: Kunstmuseum Magdeburg

Man sieht nicht, wie die Fische verarbeitet werden. Man sieht nur, dass sie verarbeitet werden und was das für die Menschen bedeutet. Die jungen Leute wissen, dass so in Zukunft ihr ganzes Leben sein wird: "Jeden Tag dieselbe Situation, ähnliche Kollegen und die nächste Ladung Fisch", so der Fotograf.

Fotografien in Zeiten der Wiedervereinigung

Dies sei laut Uwe Gellner eigentlich eine typische Schilderung der damaligen Zeit, jedoch mit Mitteln die damals nicht typisch waren. Denn was niemand, auch nicht der Künstler selber, ahnen konnte: Er fotografierte zuletzt in den Umbruch hinein. Und genau das habe seine Arbeitsweise verändert, wie er selbst erzählt.

Der richtige Schub sei erst 1989, in Zeiten der Wende, gekommen - in dieser Zeit sein die wichtigsten Bilder entstanden. "Da kam dann ein Bild zum anderen, es war dann fast ein Aktionismus", sagt Kunze. Immer wenn die Arbeiter in die Knie gingen, machte er es ihnen nach und machte ein Bild. Er habe dann das Gefühl gehabt, "dass jetzt was zueinander geht."

Aufnahmen von fast vergessenen Momenten

Mit anderen Worten: Kunze versuchte nicht mehr den Bildausschnitt zu bestimmen. Die Details und Fragmente wirken wie zufällig, mal ragt ein Arm unbestimmt in den Fokus, mal ist der Kopf abgeschnitten. Heute, mit mehr Abstand, habe sich auch sein eigener Blick auf seine Arbeit verändert. Es werden in der Ausstellung auch einige Originale gezeigt, es sind aber auch weitere Abzüge dazu gekommen.

Eine Schwarz-Weiß-Fotografie zeigt eine Frau beim Arbeiten, der Arm einer weiteren Person ragt rechts ins Bild.
"Fliegende", Fotografie von Hans-Wulf Kunze Bildrechte: Hans Wulf Kunze

"Für mich setzt Fotografie immer so eine zeitliche Patina an", sagt Kunze. Man merke beim Durchschauen mit der Lupe auf den Kontaktabzügen, dass er immer gedacht habe, das sei nicht perfekt. Aber vielleicht ist es gerade dieses Unperfekte oder dieses "Kippende", was das Bild frisch macht und ihm dann eine gewisse Dramatik gibt.

Genau dieser experimentelle Zugang macht die Fotografien so besonders: eine eigenwillige Szenerie eines fast vergessenen Augenblicks – und damit ein künstlerisches Zeitdokument.

Mehr Informationen zur Ausstellung "Hans-Wulf Kunze Fischfabrik, 1985-1990"

26. September bis 6. Januar 2022

Kunstmuseum Kloster Unser Lieben Frauen
Regierungsstr. 4-6
39104 Magdeburg

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr
Sonnabend und Sonntag 10 bis 18 Uhr

Eintrittspreise:
Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre frei, Erwachsene 6 Euro, Ermäßigte 3 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. November 2021 | 07:10 Uhr