Melancholie in der Kunst Die wilde Schwermut des Leipziger Malers Hartwig Ebersbach

Der 80-jährige Leipziger Maler Hartwig Ebersbach kann sich noch gut an seine erste kindliche Begegnung mit der Melancholie erinnern. Bis heute begleitet ihn die Schwermut. Aus ihr entsteht bei ihm Kunst, die schmerzen und trösten kann. Ein Einblick in seine Auseinandersetzung damit von MDR KULTUR-Kunstredakteur Andreas Höll.

Hartwig Ebersbach
Hartwig Ebersbach wurde 1940 in Zwickau geboren und hat in den 1960er-Jahren an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig studiert. Bildrechte: MDR/Andreas Höll

Zu seinem 80. Geburtstag hat Hartwig Ebersbach kürzlich mit einer opulenten Schau für Furore gesorgt – mit expressiven Bildern voller Fabulierlust und voller Experimentierfreude. Der Titel dieser überbordenden Ausstellung in der Leipziger Galerie Jochen Hempel hieß "Melancholia". Laut Ebersbach kam es dazu, "weil ich jetzt in einem Alter bin und in eine Bilanz gekommen bin, über mein Leben nachzudenken. Und nach lebenslanger schöpferischer Tätigkeit bin ich in einer Ratlosigkeit. Und ich habe festgestellt, dass es eine Form der Melancholie ist, ein Gesicht der Melancholie und habe überlegt, ob ich das schon immer habe."

Familien-Melancholie

Der Maler forschte nach und kam zu dem Schluss, dass dieser Hang zur Melancholie in seiner Familie liegt. Er teilt ihn auch mit seinem Bruder Wolfram, der ebenfalls ein renommierter Maler ist. Und bekannt wurde Wolfram Ebersbach mit seinen schwarzen Bildern von Stadträumen und schattenhaften Architekturen. Für dessen Bruder Hartwig sind das ebenfalls Zeugnisse der Ebersbachschen Melancholie: "Mein Bruder kann sich darauf einrichten, lässt sich da schwarzgallig auch ins Schwarz ein. Ich muss da ekstatisch werden. Das sind alles Formen der Melancholie. Es ist nicht nur immer Trübsinn, das kann auch solche Formen annehmen."

Hartwig Ebersbach: Melancholie 2020
Hartwig Ebersbach: Melancholia 2020 Bildrechte: Christoph Sandig

Diese ebenso ekstatische wie farbensatte Malerei zeigt sich auch bei dem Schlüsselbild der jüngsten Arbeiten. Es heißt "Melancholia." Wieder sieht man ungestüme Farbballungen auf diesem durch und durch rätselhaften Bild. Doch der Künstler gibt Hilfestellung, wie man das Werk lesen kann.

Das ist ein Geköpfter, das bin ich. Und ich habe meinen eigenen Kopf, in meinen eigenen Armen. Und in diesem Bild habe ich mich selbst geopfert. Ich habe meinen Kopf geopfert.

Hartwig Ebersbach über das Bild "Melancholia"

Opfer an die Schwermut

Kaspar ist die berühmte Stellvertreterfigur des Malers – und der hat seinen Kopf geopfert, um der Melancholie zu entkommen. Dabei bezieht sich Ebersbach auch auf die Bilder von christlichen Märtyrern. Doch für ihn lautet hier die Botschaft: Der Künstler selbst muss im wahrsten Sinne des Wortes kopflos werden, um zum richtigen und wahren Leben durchzudringen. Er muss seine Schwermut radikal abschütteln.

Das ist die Last, die das hervorruft. Melancholie ist nicht einfach, das ist eine Belastung. Ich tobe das aus, ich reiß das ab, radikalisiere mich und ich sprenge das.

Hartwig Ebersbach über seinen Umgang mit der Melancholie

Ausstellung
Blick in die letzte Ausstellung von Hartwig Ebersbach in der Leipziger Galerie Jochen Hempel Bildrechte: Björn Siebert

Eindrucksvolle Kindheitserinnerungen

Die Sprengung des eigenen Panzers, das Abwerfen der seelischen Last – das ist für Ebersbach der Motor seiner Kunst. Und er erinnert sich heute an das erste Mal, als er der eigenen Schwermut begegnet ist. Damals war er vier Jahre alt und lief mit seiner Mutter durch Zwickau: "Da habe ich mich beim Einkaufengehen mit meiner Mutter, Hand in Hand, als Schatten gesehen, Hand in Hand mit dem Schatten meiner Mutter. Vorauslaufend liefen unsere Schatten. Das hat mir meine Einsamkeit erst einmal deutlich gemacht. Und seitdem hat sie mich begleitet, aber ohne dass ich das thematisiert habe."

Hartwig Ebersbach - Kunstwerke
Hartwig Ebersbachs Atelier mit zahlreichen Kaspar-Bildern Bildrechte: MDR/Andreas Höll

Metaphysische Sehnsucht

Im Alter von 80 Jahren wird nun die Melancholie zu einem zentralen Thema. Und da zeigt sich auch bei dem eingefleischten Agnostiker eine metaphysische Sehnsucht, die er nicht mehr ignorieren kann:

Es ist für mich ein großer Nebel, weil ich da in eine Form der Orientierungslosigkeit gekommen bin. Jetzt im Alter stelle ich fest, ich bin nicht hier und ich bin nicht dort. Und wo gehöre ich denn eigentlich hin? Und dass ich selbst als Gotteslästerer feststelle, es zieht mich doch hinüber.

Hartwig Ebersbach

Den Künstler zieht es hinüber in göttliche Sphären, das sagt er lachend und mit einem feinen Sinn für Pathos und Ironie. Und das Sprungbrett für diese Suchbewegung – das ist nun mal die eigene Melancholie.

Es gibt so einen schönen Spruch von Disler, das ist ein Schweizer: Wie ergebnislos, das Sprudeln einer Limonade! Das ist eine fatale auf der einen Seite, aber eben auf der anderen Seite eine treibende Kraft, das Fatale im Werk zu akzeptieren und weitermachen. Trotz allem.

Hartwig Ebersbach

Kunst und Künstler

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. November 2020 | 08:40 Uhr