MDR-Doku "East Side Stories" Wie die Zwickauer Künstlerin Henrike Naumann Ost und West vereint

Im Jahr des Mauerfalls-Jubiläums, 2019, war sie plötzlich ein Shootingstar der Kunstszene: Henrike Naumann, 1984 in Zwickau geboren. Wie sie mit Fundstücken arbeitet und so Erinnnerungsräume schafft, wurde mit Preisen gefeiert. In ihre künstlerische Arbeit sind ganz gegenwärtige, eigene Erfahrungen in der ostdeutschen Provinz eingeflossen. Was Henrike Naumann antreibt und welches Verhältnis sie zu ihrer Heimat hat, erklärt sie in den "East Side Stories" – die MDR-Doku ist seit dem 3. Oktober in der ARD MEDIATHEK zu sehen.

Henrike Naumann
Künstlerin Henrike Naumann wurde 1984 in Zwickau geboren. In ihrer Kunst setzt sie sich mit Politik und Geschichte auseinander. Bildrechte: MDR/Julia Matyschik

Henrike Naumann sah sich in ihrer Heimatstadt Zwickau früh mit rechten Sprüchen konfrontiert. Ihre Erfahrungen in der ostdeutschen Provinz fließen in ihre künstlerische Arbeit ein. Sie hat Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule für Bildende Künste Dresden sowie Szenografie an der Filmuniversität Babelsberg studiert. Ihre künstlerische Auseinandersetzung mit Politik und Geschichte begann, als der NSU aufflog: "Radikalisierung, Terrorismus, die verschiedenen Komplexe von Geschichte, das beschäftigt mich."

Gefundene Einrichtungsgegenstände als Seelenlandschaft

East Side Stories: Henrike Naumann
Stuhlkreis der Erinnerung - Kunst-Installation von Henrike Naumann Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs

Naumann arbeitet ausschließlich mit Fundstücken, die beispielsweise zeigen, wie der Westen in den Osten kam, etwa mit neuer Schrankwand, wild geblümten Sesseln und eckigen Tellern.

All das arrangiert sie in ihren DDR-Nachwendeinterieurs und möbilisiert so Erinnerung.

Ich arbeite mit gefundenen Objekten, um über Gesellschaft zu sprechen.

Henrike Naumann, Künstlerin

Chemnitz – "Ost und West direkt nebeneinander, das flasht"

Gerade war sie in Chemnitz unterwegs. Die Stadt interessiert sie besonders, weil hier, wie Naumann sagt, die verschiedenen Geschichtsebenen noch so offensichtlich aufeinandertreffen. Ost und West, beides gleichzeitig und direkt nebeneinander, "das flasht": "Auch wenn man einen neuen Teppich reinmacht, neue Möbel, die Bauwerke sind trotzdem noch so sehr da", sagt die Künstlerin. Naumann, Jahrgang 1984, reist beim Blick auf graue Plattenbauten zurück in Kindheitserinnerungen, "die eher brüchig sind" und fühlt sich bei einem Besuch im braun-beigen DDR-Ambiente eines Zimmers im einstigen DDR-Interhotel "Kongreß" so, "als hätte ich das Bernsteinzimmer gefunden".

East Side Stories: Henrike Naumann
Einst das höchste Gebäude im früheren Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz: das Interhotel "Kongreß" Bildrechte: MDR/Hoferichter & Jacobs

Naumanns Objekt-Installationen erobern inzwischen bundesweit Museen und Galerien. 2019 hat sie den Max-Pechstein-Preis der Stadt Zwickau bekommen, auch den renommierten LVZ-Kunstpreis, damit verbunden war auch eine Personalschau im Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK). Außerdem stellte sie im Münchner Haus der Kunst oder im Wiener Belvedere aus.

Möbel, da hat man sofort eine Meinung dazu. Da denkt keiner: Ah, das ist jetzt Kunst. Für mich ist es eigentlich nur eine gute Ausstellung, wenn wirklich jeder einen Zugang dazu finden kann.

Henrike Naumann, Künstlerin

Ossi-Klischees - nein, danke!

Einen eigenen Zugang finden, um zu verstehen, wie Geschichte die Gegenwart prägt, das müsse jede Generation, sagt Naumann. Das heißt für sie auch, eine eigene Sprache finden. Von alten "Ossi"-Klischees will sie nichts wissen. Zeit für ein Update, findet sie. "Ich glaube, wenn man so zwischen den Systemen aufgewachsen ist, kann man zumindest manchmal die richtigen Fragen stellen. Und eine lautet: Was machen wir denn jetzt? Wie soll es weitergehen?"

Mehr über Henrike Naumann

Henrike Naumann wurde 1984 im sächsischen Zwickau geboren und erlebte in den 1990er-Jahren, wie Neonazis zunehmend die Jugendkultur dort dominierten. Wende, Wiedervereinigung und Rechtsextremismus sind die sie nach wie vor bewegenden Themenkreise. Ihre Installationskunst untersucht den radikalen Bruch in der Ästhetik im privaten wie öffentlichen Raum parallel zu den gesellschaftlichen Entwicklungen ab 1989. Ein Schlüsselmoment für ihre Kunst sei die Enttarnung des NSU im November 2011 gewesen, sagt Naumann. 2012 ging sie mit "Triangular Stories" an die Öffentlichkeit. In "Aufbau Ost" spürte Henrike Naumann 2016 anhand von Alltagsästhetik der Transformation der DDR und der Integration von Ost- und Westdeutschland nach. 2017 entwickelte sie die Rauminstallation "Das Reich" und setzte sich mit rechtsextremer Ideologie und Reichsbürgerbewegung auseinander. 2019 war sie im Kunstverein Hannover mit "2000 - Mensch. Natur. Twipsy" zu sehen. Ende September reiste sie zur Ural Industrial Biennale in Jekaterinburg.  Im Berliner Kunsthaus Dahlem ist noch bis zum 28. November die Ausstellung "Einstürzende Reichsbauten" zu sehen.

Programmtipp

Eine Frau mit einem bunten Regenschirm mit Video
Bildrechte: MDR/Lutz Hofmann
MDR FERNSEHEN Do, 14.10.2021 23:40 00:25

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Dieses Thema im Programm: MDR+ | 03. Oktober 2021 | 04:00 Uhr

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