Jubiläums-Ausstellung 300 Jahre Herrnhut: Warum religiöse Flüchtlinge die Ortsgründung möglich machten

Vor 300 Jahren wurde Herrnhut in Ostsachsen begründet. Ein gefällter Baum steht dafür, denn aus ihm wurde das erste Siedlungshaus gebaut. Die Ausstellung "Aufbruch - Netz- Erinnerung- 300 Jahre Herrnhut" gibt nun einen interessanten Einblick in die Geschichte des Ortes. Besonders lebendig sind die selbst verfassten Lebensläufe, die die Gemeindemitglieder in den Jahrhunderten verpflichtend verfassten, damit sie bei ihrer Beerdigung verlesen und danach archiviert werden. 60.000 Stück sind es geworden, einige auch in der Ausstellung zu hören.

Ein Paket und ein Herrnhuter Stern
Der berühmte Herrnhuter Stern gehört mittlerweile überall zur Weihnachtsdekoration Bildrechte: Historische Sammlung Brüdergemeine Herrnhut, Foto: Johanna Funke

Der 17. Juni 1722 ist für Herrnhut ein bedeutsames Datum, denn an diesem Tag wurde der Ort in der Nähe von Zittau gegründet. Damals haben protestantische Glaubensflüchtlinge aus Mähren, die sich später zur Herrnhuter Brüdergemeine zusammenschlossen, den ersten Baum gefällt, aus dem dann wiederum das erste Haus der Siedlung erbaut wurde.

300 Jahre ist das jetzt her und damit ein würdiger Anlass für die Brüdergemeine, die nach wie vor das Leben und das Bild der Stadt prägt, zusammen mit dem Völkerkundemuseum Herrnhut diesem Jubiläum die Ausstellung "Aufbruch - Netz- Erinnerung - 300 Jahre Herrnhut" zu widmen.

Ein Beil
Das Breitbeil des Ortsgründers Christian David Bildrechte: Heimatmuseum der Stadt Herrnhut, Foto: Herbert Boswank

Das erste Haus

In der Ausstellung gibt es auch das beeindruckende Breitbeil zu sehen, mit dem der erste Baum zum Bau der Siedlung gefällt wurde. Weniger wegen seines Aussehens oder seiner Größe, als vielmehr aufgrund gleich mehrerer Erzählungen, die sich damit verbinden.

So berichtet Konrad Fischer, der Leiter des Heimatmuseums: "Es steht für den Beginn, weil mit dem Beil die ersten Bäume bearbeitet wurden durch diesen Glaubensflüchtling Christian David. Es spricht als nächstes ein bisschen für die Missionsgeschichte, die zehn Jahre nach der Ortsgründung begann 1732 – denn Christian David war dann selber in Grönland auf Mission gewesen und hatte dieses Beil auch mit dabei und dort gelassen. Es ist dort von den Neu-Herrnhutern wie eine Art Reliquie betrachtet worden." Später kam das Beil wieder zurück nach Herrnhut und gehört seither zu den Höhepunkten in der Sammlung des örtlichen Heimatmuseums.

Drei Bücher mit Bucheinbänden aus Herrnhuter Kleisterpapier
Bucheinbände aus Herrnhuter Kleisterpapier, entstanden um 1759 Bildrechte: Evangelische Brüder-Unität Herrnhut, Foto: Johanna Funke

Religiöse Flüchtlinge stärken den Ort

Wenige Jahre nach Ortsgründung schlossen sich 1727 unter der Leitung von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf sämtliche Glaubensflüchtlinge zusammen. Den Grund beschreibt der Pfarrer der Brüdergemeine und Co-Kurator, Peter Vogt: "Graf Zinzendorf war durch den Pietismus geprägt, war also sehr interessiert an einem sehr frommen Leben – und da kam ihm das eigentlich ganz gelegen, dass hier immer mehr religiöse Flüchtlinge ankamen. Und daraus entwickelte sich, ich nenne das persönlich 'eine christliche Utopie', ein Gemeinwesen, das ganz stark von einem geistlichen Gedanken geprägt war."

Lacktablett mit dem Bild einer Straße und mehreren kleinen Häusern
Lacktablett "An der Straße nach Zittau", um 1830 Bildrechte: Heimatmuseum der Stadt Herrnhut

Von diesen religiösen Wurzeln zeugen beispielsweise Exponate wie die historischen Schwesternhäubchen, die alle Frauen, egal welchen Alters und Standes, getragen haben. Oder auch die Utensilien für die Auslosung der Herrnhuter Losungen. Diese sind nach wie vor ein Verkaufsschlager – neben den berühmten Weihnachtssternen, die in der Ausstellung, speziell wenn es um das erfolgreiche Wirtschaften der Brüdergemeine geht, nicht fehlen dürfen.

Brüderunität prägt Leben bis heute

Ebenso spielte die Musik in Herrnhut eine bedeutende Rolle. Es gab und gibt noch immer eigene Liedgottesdienste, die Gebetssingstunden. Den Sound dazu lieferte schon Graf von Zinsendorf selbst, der rund 2.000 Kirchenlieder geschrieben haben soll.

In sieben Stationen erzählt die Ausstellung im Völkerkundemuseum Herrnhut über das Stadtleben im Wandel der Zeiten, das immer geprägt war und ist von der Brüderunität. Unter anderem werden dabei deren Missionen thematisiert. Weltweit waren die Glaubensschwestern und -brüder unterwegs, was eine große mit Standortpunkten präparierte Landkarte in der Schau zeigt.

Ein längliches Tablett mit sechs Tassen und Untertassen
Ein Liebesmahltablett, es wurde benutzt, um in der Brüdergemeine in Liebe miteinander zu speisen oder trinken, beispielsweise nach einem Streit Bildrechte: Historische Sammlung der Brüdergemeine Herrnhut, Foto: Johanna Funke

Die Herrnhuter Brüdergemeine sei von Herrnhut in der Oberlausitz in die Welt gegangen und habe auch diese Welt in Form von materieller Kultur mit nach Herrenhut gebracht, sagt Leontine Meijer-van-Mensch, Direktorin der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und eben in Herrnhut. So finden sich in der Sammlung zahlreiche Objekte und Artefakte, die die Missionare von ihren Reisen mitgebracht haben.

Und dann ist auf einmal ein Völkerkundemuseum in der Oberlausitz ein Ort, das global vernetzt ist und wo man diese Welt und diese unterschiedlichen Perspektiven auf die Welt auch finden kann.

Leontine Meijer-van-Mensch, Direktorin der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut

60.000 selbstgeschriebene Lebensläufe

Und es gibt noch einen besonderen Aspekt der Erinnerungskultur der Herrnhuter. Es sind die Lebensberichte einzelner Mitglieder, die Pfarrer und Co-Kurator Voigt beschreibt: "Das ist eine besondere Herrnhuter Tradition, dass Mitglieder der Brüdergemeine einen selbstgeschriebenen Lebenslauf verfassen für den Tag ihres Begräbnisses. Der wird dann bei der Begräbnisfeier vorgelesen." Diese Lebensläufe werden aufgehoben und archiviert, so Voigt, ungefähr 60.000 Lebensläufe aus verschiedenen Orten über 300 Jahre haben sich so mittlerweile angesammelt.

Haarbild, um 1850
Ein Haarbild, geschaffen um 1850. Haarbilder entstanden meist aus menschlichen Haaren, gerne von nahestehenden Personen, und wurden zum Schmuck aufgehangen Bildrechte: Heimatmuseum der Stadt Herrnhut, Foto: Herbert Boswank

In der Ausstellung kann man sich einige davon im bequemen Loungesessel anhören. Angesichts dieser Fülle gäbe es demnach vermutlich noch viel mehr zu erzählen aus 300 Jahren Herrnhuter Geschichte.

Die Ausstellung "Aufbruch - Netz- Erinnerung- 300 Jahre Herrnhut"
Jubiläumsausstellung

Völkerkundemuseum Herrnhut
Goethestraße 1, 02747 Herrnhut

9. April 2022 bis 27.11.2022

Öffnungszeiten
täglich 9 bis 17 Uhr, Montag geschlossen

Der Besuch des Museums ist über eine Rampe direkt am Haupteingang barrierefrei möglich.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. April 2022 | 14:15 Uhr

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