Landesmuseum für Vorgeschichte Neue Ausstellung: Was verbindet die Himmelsscheibe von Nebra mit Stonehenge?

Über die Himmelsscheibe von Nebra schien alles erforscht. Doch eine neue, große Ausstellung zeigt jetzt, dass noch viele Geheimnisse in ihr schlummern. Einige davon kann man jetzt in Halle entdecken. In der Schau sind zudem einige zuvor noch nie ausgeliehene Kostbarkeiten des British Museums zu sehen. Ein Coup für das Landesmuseum in Halle und für Sachsen-Anhalt.

Die Himmelsscheibe von Nebra steht in einer Glasvitrine
Die Himmelsscheibe von Nebra lag Jahrtausende in der Erde – bis sie wiederentdeckt wurde Bildrechte: dpa

Jan Böhmermann hat die Himmelsscheibe von Nebra in den vergangenen Tagen als verkapptes Simley veräppelt und will sich nun eines Besseren belehren lassen. Denn da kann auch der geniale Politsatiriker nicht gegen anstinken: Die Himmelsscheibe ist und bleibt weltweit einmalig! Ihre besondere Ästhetik, ihr rätselhaftes goldenes Bildwerk und der Krimi mit der Auffindung und Sicherstellung, hat sie regelrecht populär gemacht.

Ein wahres Märchen

Der Fund 1999 war mit einem spektakulären Raubgräberkrimi verbunden: zwei Männer hatten die mysteriöse tellergroße Scheibe mit Applikationen zusammen mit zwei Schwertern, zwei Beilen und einem Meißel auf dem Mittelberg bei Nebra illegal geborgen und auf dem Kunstmarkt angeboten.

Die Himmelsscheibe unter dem Mikroskop
Die Himmelsscheibe wurde gründlich mit modernen wissenschaftlichen Methoden untersucht Bildrechte: Landesamt Archäologie Sachsen-Anhalt

Durch das Landeskriminalamt aufgespürt, gelangte sie ins Landesmuseum Halle und für Sachsen-Anhalt begann ein wahres Märchen. Denn die mit der 3.600 Jahre alten Himmelscheibe wurde Sachsen-Anhalt auf einen Schlag weltberühmt: Als Weltsensation und Jahrhundertfund gefeiert, verglich man den spektakulären Fund mit Ötzi, Stonehenge oder Tutenchamun, was, wie die momentane Schau beweisen will, nicht übertrieben ist!

Denn der rund 30 cm große, grün schimmernde Bronzediskus mit Abbildungen von Sonne, Mond, Plejaden (dem Siebengestirn) und Horizontlinie gilt inzwischen als älteste konkrete Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte. Und damit gilt sie als Indiz für ein viel höher entwickeltes Weltbild, als man es bisher für die Bronzezeit angenommen hat.

Und obwohl es immer wieder Zweifel an der Echtheit gab, mit Analysen zur Herkunft der Metalle und ihrer technischen Fertigung haben die Wissenschaftler offensichtlich zu 99 Prozent die Authentizität des Fundes nachgewiesen. Nicht umsonst wurde die Scheibe bereits 2013 von der UNESCO als Weltdokumentenerbe ausgezeichnet.

Internationaler Star aus Sachsen-Anhalt

So hat die Himmelsscheibe eine weltweite Karriere hingelegt ­ wurde Thema in der New York Times, Titelgeschichte im Spiegel und National Geographic in verschiedenen Ländern, selbst die Mainzelmännchen hatten sie schon in den Fingern. Grund für das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle noch mal eine große Ausstellung zu zeigen – nach 20 Jahren Forschung haben sich neue Erkenntnisse ergeben.

Ringheiligtum Pömmelte, Salzlandkreis.
Das Ringheiligtum Pömmelte im Salzlandkreis Bildrechte: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie (kurz: LDA) Sachsen-Anhalt, Juraj Lipták.

Vor allem aber ist es die Kooperation mit dem British Museum in England, die zu der hochkarätigen Schau geführt hat. Denn mit den neusten Grabungen um das Ringheiligtum in Pömmelte bei Magdeburg, hat man tatsächlich eine Verbindung zu dem berühmten Stonehenge in Südengland erkannt. Beide beruhen auf gleichen Abmessungen, und auch auf einer ähnlichen Gedankenwelt. Das ist die These der Schau: Bereits vor 4.000 Jahren also in der frühen Bronzezeit war die damals bekannte Welt untereinander vernetzt – im Sinne kultischer Vorstellungen, astronomischer Kenntnisse, aber auch im Sinne von Fernbeziehungen und der Entwicklung früher Herrschaftsformen.

Bronzezeit-Networking

Die Himmelsscheibe ist dafür das beste Zeugnis, vor allem im Zusammenhang mit den weiteren hochkarätigen Exponaten der Schau: Noch nie gezeigte Goldfunde aus England, Waffen, Schmuck, Tongefäße – alles hoch ästhetisch, wie schwebend vor dunklem Hintergrund inszeniert – dienen nun als Beweis dafür, wie reich und vernetzt Mitteldeutschland vor 4.000 Jahren schon war, erzählt Kuratorin Regine Maraszek. Als Zentrum europaweiter Handelsrouten hatte man bereits damals wirtschaftliches und kulturelles Potential.

Halle (Sachsen-Anhalt): Die Archäologin Dr. Regine Maraszek vom Museum für Vorgeschichte in Halle (Saale) betrachtet am 13.03.2002 eine rund 3.600 Jahre alte Bronzschale mit Goldeinlage aus dem so genannten Jahrhundertfund von Sachsen-Anhalt. Beamte des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt hatten in Basel den Schatz aus der Bronzezeit beschlagnahmt, der nach seiner Ausgrabung in der Nähe von Sangerhausen vor zwei Jahren verschwunden war. Zu den historischen Funden gehören auch ein Bronzeschwert, Beile und Armreifen.
Die Archäologin Dr. Regine Maraszek 2002 mit der Himmelsscheibe von Nebra Bildrechte: dpa

Die Landwirtschaft blühte, die Menschen lebten in großen Häusern. Wir wissen aus Knochenfunden: die Menschen waren gut genährt. Und außergewöhnlich in ganz Europa, wir haben die reichsten Bronzeschätze dieser Zeit: Viele Hunderte Kilogramm an Bronzen, Beile, Dolche, Waffen, Zeremonialgeräte wurden hier vergraben.

Regine Maraszek, Kuratorin

Funde, die nicht nur vom europaweiten Transfer der Bodenschätze erzählen, sondern auch von einer Hierarchisierung der Bevölkerung. War diese in der Steinzeit noch egalitär strukturiert, bildeten sich in der frühen Bronzezeit erste Formen von Herrschaftssystemen heraus.

Eine MUL.APIN-Tafel, in der in Keilschrift astronomische Beobachtungen und Regeln zusammengestellt sind, ist während der Vorbereitung für die Landesausstellung im Landesmuseum für Archäologie in Halle/(Saale) zu sehen. Die Tontafel wurde 687 v. Chr. verfasst und stammt aus Assur im heutigen Irak. Ab dem 4. Juni wartet die Landesausstellung unter dem Titel Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte mit einzigartigen Fundstücken aus Deutschland und Europa auf. Insgesamt werden nach Angaben der Organisatoren rund 400 Ausstellungsobjekte gezeigt.
In Halle ist auch die MUL.APIN-Tafel zu sehen, mit in Keilschrift verzeichneten astronomischen Beobachtungen und Regeln Bildrechte: dpa

So fand man in Bornhöck den mächtigsten Grabhügel Mitteleuropas und ein prunkvolles Fürstengrab in Leubingen. Alles Zeugnisse erstaunlichen Reichtums. "Es wurde eine riesige Grabkammer gebaut, und riesige Hügel aufgeschüttet", erzählt Landesarchäologe Harald Meller und führt über die Bewaffnung fort, der "Einzelne verfügt über Doppel Waffen, so viele Waffen braucht er gar nicht. Und des Weiteren verfügt er über Legitimationsstrategien, er muss ja, weil er am Anfang steht, erklären, warum er so mächtig ist. Und da hat er einen alten Schuhleisten, eigentlich ein Spaltkeil für Holz, der aber aussieht wie eine Waffe und der mit Sicherheit dafür genutzt wurde, um auf einen mythischen Vorfahren zu verweisen."

Symbole der Macht

Die Grabbeilagen, ob Waffen aber auch Kultobjekte, waren Symbole der Macht. Mit der Himmelscheibe konnten man den Kosmos und damit die Zeit lesen, und damit wiederrum Macht und Reichtum mehren, sagt Archäologin Maraszek.

Die Himmelsscheibe ist von diesen Fürsten in Auftrag gegeben, erschaffen, erdacht oder selbst gemacht worden. Sie haben sie benutzt, um sich nochmal über den Reichtum hinaus zu erhöhen und Wissen über den Kalender, Sonnenlauf, Nachthimmel, Zeitpunkte des Jahres in Anspruch für sich zu nehmen.

Regine Maraszek, Kuratorin

Export von Wissen

Goldhut von Schifferstadt.
Der Goldhut von Schifferstadt Bildrechte: Historisches Museum der Pfalz Speyer, Carolin Breckle

Das heißt, in der Bronzezeit wurden nicht nur edle Metalle transportiert – das Kupfererz der Scheibe stammt aus Österreich, das Gold aus Cornwall – sondern auch Riten, Mythen, Weltenbilder. Wissen, dass die Fürsten oder Schamanen in das kostbare Metall dengelten.

Wie beim Goldhut aus Schifferstad, eine kegelförmige Kopfbedeckung eines Priesters, oder bei anderen reich verzierten Objekten aus England wie das noch nie in Deutschland gezeigte Cape of Mold. Es zeigt eine reich verzierten goldenen Poncho, der zu rituellen Festen getragen wurde. Bewegen konnte man sich damit zwar nicht, aber er repräsentierte Macht.

Und dann haben wir ein kleines Schieferschiffchen, das zeigt uns, dass der Seehandel, der Verkehr, der Austausch über das gefährliche Meer eine große Rolle spielte – auch um Kultgeschehen, genauso wie das die Sonnenbarke auf der Himmelsscheibe macht, die über den Himmelsozean fährt.

Regine Maraszek, Kuratorin

Mehr als Schmuck

Viele dieser Objekte wurden auch Frauen zugeschrieben, wie das Cape of Mold, oder das Diadem aus dem spanischen El Argar, das aus einem weiblichen Schädel ragend ausgegraben wurde, gruselig aber faszinierend – und vor allem aussagekräftig für die Zeit sagt der spanische Archäologe Roberto Risch: "Es ist ein Silberband, das bestimmte Frauen der Aristokratie auf dem Kopf trugen. Und das Spannende ist: es hat eine tränenförmige Ausschweifung, die wie eine Scheibe zwischen den zwei Augen liegt. Du hättest also diesen Frauen ins Gesicht gesehen, und sie hätten zwei Augen gehabt und zwischen den Augen eine Silberscheibe, die das Ganze Licht zurückreflektiert. Und das muss ein sehr, sehr machtvoller Eindruck gewesen sein."

Das Cape von Mold (1900-1600 v.Chr.), geliehen aus dem British Museum, ist während der Vorbereitung für die Landesausstellung im Landesmuseum für Archäologie in Halle/(Saale) zu sehen. Das Cape ist lange benutzt worden und weist auf eine bedeutende Dame mit außergewöhnlichen Aufgaben hin. Ab dem 4. Juni wartet die Landesausstellung unter dem Titel Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte mit einzigartigen Fundstücken aus Deutschland und Europa auf. Insgesamt werden nach Angaben der Organisatoren rund 400 Ausstellungsobjekte gezeigt.
Das Cape of Mold wurde vom British Museum nach Halle ausgeliehen Bildrechte: dpa

All diese Gegenstände aus vielen Teilen Europas muss man zusammendenken, wie schon vor 4.000 Jahren auch. So schließt sich auch der Kreis zwischen Pömmelte und Stonehenge. In beiden Ringheiligtümern – wiewohl eins aus Stein, eins aus Holz – wurden die gleichen Rituale zur gleichen Zeit des Jahres abgehalten. Was das British Museum veranlasste, bislang noch nie ausgeliehene Kostbarkeiten nach Halle zu schicken. Eines der bedeutendsten Museen der Welt zu Gast im Landesmuseum Halle: Ein Coup für Sachsen-Anhalt.

Ausstellungsberater Roberto Risch von der Autonomen Universität Barcelona betrachtet im Landesmuseum in Halle (Saale) den Schädel einer Frau mit einem Silberdiadem der frühbronzezzeitlichen spanischen El Argar. Die Landesausstellung „Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte“ wartet ab 4. Juni in Halle mit einzigartigen Fundstücken aus Deutschland und Europa auf. Unter den insgesamt rund 400 Ausstellungsstücken befindet sich auch der Goldhut.
Ausstellungsberater Roberto Risch aus Barcelona vor dem Silberdiadem von El Argar Bildrechte: dpa

Die Ausstellung Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte

Landesausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle
4. Juni 2021 bis zum 9. Januar 2022

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 9 bis 17 Uhr
Samstag, Sonntag und Feiertage: 10 bis 18 Uhr
Montag: nur nach Voranmeldung (Gruppen, Führungen)

Es gilt Maskenpflicht sowie die Einhaltung von Sicherheitsabständen. Ein Anwesenheitsnachweis muss ausgefüllt werden.

Mehr über die Himmelsscheibe von Nebra und das Landesmuseum Halle

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Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Juni 2021 | 18:05 Uhr

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