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Ein Auto, das nicht von Menschenhand, sondern durch einen Computer gesteuert wird. Künstliche Intelligenz wie diese wird in der neuen Sonderausstellung im Hygienemuseum Dresden thematisiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Künstliche Intelligenz. Maschinen Lernen Menschheitsträume"Hygiene-Museum Dresden zeigt Ausstellung über Künstliche Intelligenz

von Meinhard Michael, MDR KULTUR

Stand: 05. November 2021, 10:53 Uhr

Die neue Sonderausstellung "Künstliche Intelligenz. Maschinen Lernen Menschheitsträume" des Deutschen Hygiene-Museums Dresden zeigt, in welchen Bereichen unseres Alltags Künstliche Intelligenz (KI) bereits eingesetzt wird. Dabei hinterfragt die Schau den Einsatz von KI durchaus auch kritisch: Welche Entscheidungen wollen wir wirklich in die Hände von KI-Systemen legen? Und wo gilt es, Grenzen zu ziehen?

Dieser Chauffeur rast nie, und er flucht auch nicht. Hier steuert ein Computer, der nüchterne Entscheidungen fällen kann: links, rechts, Stopp oder Go. Er hat an Unmengen von Beispielen gelernt, was in dieser Situation passieren kann und die berechnet er besser als jeder Mensch – das ist die einfachste Form von künstlicher Intelligenz (KI). Fantastisch, aber kein Hexenwerk, wie wir jetzt im Hygiene-Museum Dresden lernen.

Thomas Ramge, Autor und wissenschaftlicher Co-Kurator der Ausstellung erklärt: "Künstliche Intelligenz ist nach wie vor eher Fachidiotentum, im Sinne von: eine Maschine, ein künstliches intelligentes System kann eine bestimmte Aufgabe präzise, sehr günstig, sehr schnell, unter Umständen viel besser als der Mensch lösen – aber eben nur diese eine Aufgabe."

Kunstwerke und Installationen zeigen, wie KI entsteht

"Er war ein Traum, der Geist aus der Flasche, der Wünsche erfüllt. Der Mensch sehnte sich lange schon nach klugen Dienern. Man erfand Fakes von Schach-Automaten, in denen aber ein kluger Mensch versteckt war." – Nach diesem Vorwort der Ausstellung betritt man den Übungsraum. Das rote "neuronale Netz" verbindet Kunstwerke und Installationen, an denen gezeigt wird, wie Künstliche Intelligenz entsteht: Das Vorbild ist das Wunderwerk Gehirn, die Methode heißt "Maschinelles Lernen". Der Computer mit enormem Speicher lernt fast wie ein Gehirn, Dinge zu verknüpfen.

Kuratorin Yasemin Keskintepe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kuratorin Yasemin Keskintepe erklärt das Prinzip von Objekterkennung und neuronalen Netzen anhand eines Exponats: "Wenn wir ein Objekt unter die Kamera legen, sehen wir zum einen, wie das Objekt von der Kamera erfasst wird und die verschiedenen Ebenen des neuronalen Netzes durchläuft. Was rauskommt, ist eine Wahrscheinlichkeit, mit der dieses Objekt erkannt wird." – Wie gesagt: eine Übungsstation. Dieses intelligente System hat noch nicht ausgelernt. Das Beispiel verdeutlicht auch: Künstliche Intelligenz kann nur, was ihr beigebracht wurde.

Deepfakes: Wenn KI zum Risiko wird

Der KI-gestützte Haustierroboter "Moflin" ist zur Simulation unterschiedlicher Stimmungen fähig und soll zum therapeutischen Begleiter werden. Bildrechte: Deutsches Hygiene-Museum Dresden

Nicht mehr der schillernde Roboter, sondern die tägliche Anwendung – immer mehr können solche KI-Kuschels auf Stimmungen eingehen, interagieren, Gefühle zeigen – Pseudogefühle, versteht sich, aber ist das wichtig? Weniger freundlich ist: Deepfake. Diese Rede ist komplett erfunden. Das Deepfake soll warnen, was KI möglich macht. Die Technik ist weit voraus. Längst tobt der Kalte Krieg der Net-Robots zwischen den Großmächten. Es war die KI, die von Amazon bis Zalando zu einer ungeheuren, noch kaum begriffenen Revolution führte – mit unserer Hilfe.

Co-Kurator Thomas Ramge Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Co-Kurator Thomas Ramge erklärt: "Im Datenkapitalismus kommt es zu noch stärkeren Konzentrationsprozessen als im Finanzkapitalismus oder im Industriekapitalismus. Und die Tatsache, dass eben die datenreichsten Unternehmen auch jene sind, die am besten mit KI umgehen und gleichzeitig auch die wertvollsten Unternehmen der Welt sind, hängt natürlich eng miteinander zusammen."

Daten sind heute die wertvollste Ressource für die Wertschöpfung.

Co-Kurator Thomas Ramge

Gesichtserkennung und Überwachung

Die USA und China sind die Weltmächte der Künstlichen Intelligenz. In China führt die Gesichtserkennung zur perfekten Überwachung. Menschliche Gesellschaft will den Ameisenstaat übertreffen. Auf Gesichtserkennung setzt aber auch Sachsen an der Staatsgrenze. Bei dieser Polizei-Anwendung lernt die KI anhand von Trainings-Überfällen die typischen Überfall-Gestiken und gibt später Alarm, sollte so etwas in der permanenten Überwachung auffallen.

Yasemin Keskintepe: "Wenn wir beispielsweise an Massenüberwachungssysteme denken, ist es auf jeden Fall berechtigt, diese Technologie auch durch die kritische Linse zu betrachten. Wir müssen auf jeden Fall noch sehr viel Arbeit reinstecken, diese Technologie zu regulieren und uns ein Bewusstsein darüber schaffen, wo wir sie anwenden wollen und wo nicht."

VFRAME analysiert Videomaterial aus Konfliktregionen durch ein KI-gestütztes System. Mithilfe des Tools sollen Beweise für Kriegsverbrechen ausfindig gemacht werden.  Bildrechte: Deutsches Hygiene-Museum Dresden

Kann KI den Menschen ersetzen?

KI betreibt automatische Fabriken, lässt Blinde lesen und redet mit uns. Hier simulieren zwei unsichtbare Künstlerinnen das Alarm- und Assistenzsystem in der Wohnung einer 80-Jährigen. Betreutes Wohnen mit KI: man spricht miteinander, erinnert Termine, fragt nach Erinnerungen und entwickelt Sympathie. Was würde KI, komplex programmiert, anders machen? Aber irgendwie erinnert dieses Beispiel an Big Brother und an die vielen Science Fiction-Filme, in denen die Computer die Macht übernommen haben. Die Irritation, dass wir nicht wissen, was in den black boxes geschieht, ist die Basis der Ängste.

Keine Sorge, versichert jedenfalls KI-Autor Thomas Ramge, derzeit sei nicht einmal der Weg dahin bekannt: "Es ist ja auch ein hübsches Gedankenspiel, zu sagen, irgendwann merkt eine Künstliche Intelligenz, die Menschen sind ein Problem, also hege ich diese Menschen in irgendeinen Zoo ein und sorge dafür, dass die sich nicht mehr selbst gefährden können, was dann aber auch eine – aus humanistischer Sicht – furchtbare Dystopie ist. Aber es gibt erstzunehmende Stimmen aus der KI-Gemeinde, die sagen, so gemein wie Menschen sind, wird vielleicht die Künstliche Intelligenz zu den Menschen nicht sein. Und ich finde, das klingt halbwegs plausibel."

Sonderausstellung "Künstliche Intelligenz. Maschinen Lernen Menschheitsträume" im Deutschen Hygiene-Museum Dresden Bildrechte: imago/Torsten Becker

Informationen zur Ausstellung"Künstliche Intelligenz. Maschinen Lernen Menschheitsträume"

6. November 2021 bis 28. August 2022

Deutsches Hygiene-Museum
Lingnerplatz 1, 01069 Dresden

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, Feiertage: 10 bis 18 Uhr
Montag: geschlossen

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Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | artour | 04. November 2021 | 22:05 Uhr