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"Inter Judeos"Neue Ausstellung: Beim Stadtspaziergang die jüdische Geschichte Erfurts entdecken

von Mareike Wiemann, MDR KULTUR-Landeskorrespondentin Thüringen

Stand: 19. Mai 2022, 11:11 Uhr

In Erfurt führt eine neue Outdoor-Ausstellung mit dem Titel "Inter Judeos" in das jüdische Viertel der Stadt. An viele Orten bekommt man spannende Einblicke, sieht zum Beispiel einen gigantischen mittelalterlichen Backofen oder den früheren Durchgang zu einer Synagoge. 2022 soll von der UNESCO entschieden werden, ob Erfurt mit seiner jüdischen Geschichte Welterbe-Stadt wird.

Erfurt will Welterbe werden, mit den Spuren mittelalterlichen jüdischen Lebens in der Stadt, etwa der Mikwe und der Alten Synagoge. Noch bevor die UNESCO im kommenden Sommer darüber entscheidet, will man nun verstärkt auf diese historischen Schätze aufmerksam machen. So mit der neuen Sonderausstellung "Inter Judeos", die mitten in der Innenstadt gezeigt wird. Organisiert wird diese von den zwei Welterbe-Beauftragen der Stadt.

Jüdische Geschichte in Erfurt wieder sichtbar

Ein Ort der Schau ist der Benediktsplatz mitten in der Erfurter Altstadt. Schon im 11. Jahrhundert herrschte hier buntes Treiben. Damals siedelten sich einige jüdische Familien an und gründeten eine Gemeinde. Seit ein paar Tagen gibt es am Benediktsplatz nun einen Hinweis darauf: Auf die Fensterfront einer Eisdiele ist ein stilisierter Torbogen aufgeklebt worden.

Dieser Torbogen ziert jetzt eine Eisdiele Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Es sei die Markierung des Durchgangs zur Synagoge, da diese im Mittelalter über dieses Grundstück lief, sagt Maria Stürzebecher, Kunsthistorikerin und Kuratorin in der Alten Synagoge. Mit der neuen Sonderschau "Inter Judeos" verlässt sie erstmals die Museumsmauern. Die Idee dahinter sei, die Leute dazu zu bringen, ihre Umgebung intensiver und aufmerksamer anzusehen, betont sie, um so vielleicht Dinge wahrzunehmen, die man als gegeben hinnimmt und überhaupt nicht mehr hinterfragt.

Geheimnis um jüdische Bäckerei

Geschichte erleben im Vorbeigehen – das soll die Outdoor-Ausstellung ermöglichen. Nicht an allen Orten wird derart reduziert informiert, wie am Fenster der Eisdiele. Läuft man ein paar Schritte weiter, hinein in die Hefengasse, entdeckt man an der Wand eines Neubaus eine große Informationstafel. Hier befand sich (vermutlich) ab dem 12. oder 13. Jahrhundert eine jüdische Bäckerei.

Die Synagoge wurde über Tür und Mauerwerk gemalt Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Archäologin Karin Sczech verweist auf ein Foto von den Grabungen im Jahr 2007: Rund ein bis zwei Meter Erde sind abgetragen worden, so dass eine runde, gemauerte Wand zu erkennen ist. Das sei das Fundament des riesigen Backofens mit fast sieben Meter Durchmesser, sagt sie, und genau daneben ist eine alte Mühle, wodurch auch Mehl zur Verfügung stand. Hundertprozentig sicher ist sich Szech noch nicht, ob die Bäckerei jüdisch war, sie forscht nach wie vor dazu.

Forschen und neue Entdeckungen in Erfurt

Ein wichtiger Aspekt ist auch für die Ausstellung, dass die Macherinnen nicht nur längst bekanntes Wissen abbilden wollen, sondern auch darstellen, dass zur mittelalterlichen jüdischen Gemeinde nach wie vor geforscht wird. Und dass sich immer wieder neue Erkenntnisse ergeben.

Die Outdoor-Ausstellung kann mit einer Karte oder einer App erkundet werden. Bildrechte: Dirk Urban/Stadtverwaltung Erfurt

So wird etwa in einem Schaufenster ein Stein präsentiert, dessen jiddische Inschrift bis heute für Diskussionen in der Fachwelt sorgt. Sum Verbundenden Forschungsansatz der Wissenschaften sagt Stürzebecher: "Wissenschaft funktioniert ja eben genau so, dass sich etwas Neues entwickelt und ergibt – und gerade in der Interdisziplinarität, also zwischen Historikern, Archäologen, Kunsthistorikern, Bauforschern. Das ist das, was spannend ist. Und das wollen wir hier auch ein bisschen vermitteln."

Neue Impulse für den Erfurter Alltag

Interdisziplinär wurde übrigens nicht nur geforscht – auch bei der Verankerung der Ausstellung in der Stadt haben sich neue Allianzen ergeben. Verschiedene Ladenbesitzerinnen und -besitzer haben Platz im Schaufenster zur Verfügung gestellt, ein Feinkosthändler, dessen Laden nahe des Fundorts des Erfurter Schatzes liegt, will nun eine spezielle Kaffeemischung dazu herausgeben.

Die Frauen hinter der Ausstellung: Maria Stürzebecher (links) und Karin Szech Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Die Macherinnen von "Inter Judeos" freut das. Sie wollen die Anwohner mitnehmen. So gibt es mittlerweile in einer Backstube freitags, also am Schabbat, einen Hefezopf. Damit sei man eigentlich auf einem sehr schönen Weg, sagt Stürzebecher.

Mit ihrer zurückhaltenden und ansprechenden Gestaltung fügt sich die Ausstellung wunderbar ins mittelalterliche Quartier ein. Fast fragt man sich, wieso es so lange gedauert hat, dieses besondere Kapitel Erfurter Geschichte aus den Museumsmauern herauszutragen. Zu wünschen wäre, dass die Schau langfristig ins Stadtbild integriert wird. Denn derzeit ist noch geplant, sie im Mai wieder abzubauen.

Station 14 ist der Erfurter Schatz Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Die Ausstellung"Inter Judeos"
Outdoor-Ausstellung im Stadtgebiet von Erfurt
Bis zum 28. Oktober 2022

Einen Übersichtsplan über die einzelnen Standpunkte gibts in der Alten Synagoge.

Es gibt auch ein Actionbound, eine virtuelle Schnitzeljagd, die per App dazu heruntergeladen werden kann.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 19. November 2021 | 07:45 Uhr