Online-Konferenz Folgen von Corona: Worüber die Leipziger Galeristin Arne Linde mit Angela Merkel sprach

Am Nachmittag des 27. April hatte Angela Merkel zu einer Online-Konferenz geladen – das Thema: Welche Folgen hat die Corona-Pandemie für die Kreativwirtschaft? Eingeladen dazu war auch Arne Linde, Gründerin der ASPN Galerie vom Leipziger Spinnereigelände. Im MDR KULTUR- Interview erzählt sie über das Gespräch mit der Kanzlerin und erklärt, welche Vorteile die Digitalisierung doch bringen kann.

Geschlossenes Kino Cinema Paris mit Motto Ohne Kunst Uns Und Kultur Wird es Still 10 min
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Die Gründerin der ASPN Galerie vom Spinnereigelände Leipzig nahm an einer Online-Konferenz mit Angela Merkel zu den Corona-Folgen für die Kreativwirtschaft teil. Im Interview mit Beatrice Schwartner erzählt Arne Linde.

MDR KULTUR - Das Radio Di 27.04.2021 15:30Uhr 09:41 min

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MDR KULTUR: Videokonferenzen sind ja immer ein schwieriges Format, das wissen wir jetzt mittlerweile alle schon aus einem Jahr Erfahrung. Wie war denn heute der Dialog mit der Kanzlerin?

Arne Linde
Arne Linde, Gründerin der ASPN Galerie der Leipziger Baumwollspinnerei Bildrechte: Arne Linde

Arne Linde: Der Dialog war sehr intensiv und natürlich auch aufregend für alle Beteiligten. Es waren insgesamt 14 Leute. Wir wurden vorher technisch recht gut vorbereitet vom Team. Dann war es so, dass nicht alle Beteiligten – ich auch nicht – gewöhnt sind, in die Kamera zu sprechen. Man hat schon gemerkt: Das sind eben keine Repräsentanten der Verbände gewesen, sondern wirklich wir haben uns direkt als Kunst- und Kulturschaffende geäußert. Es hat hier und da mal geholpert, aber es hat insgesamt ganz gut geklappt, glaube ich.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich am Dienstag, dem 27. April, den Sorgen der Kulturbranche gestellt. In einer Online-Diksussion sprach sie mit 14 Vertreterinnen und Vertretern unter anderem aus Kino, Musik, Buchhandel und Schauspiel über ihre Situation in der Pandemie. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat digital mit Künstlerinnen und Künstlern über ihre Lage in der Pandemie gesprochen und vor allem zum Durchhalten aufgerufen. Die Bundeskanzlerin zeigte Verständnis für den Frust vieler Künstlerinnen und Künstler in der Pandemie. Bei der Kunst könne nicht alles durch die Rückzahlung der Verdienstausfälle augegeglichen werden, sagte Angela Merkel. Sie verstehe auch, dass manche Künstlerinnen und Künstler das Bedürfnis hätten, das auszudrücken.
Die Kunst- und Kreativwirtschaft ist von der Corona-Pandemie besonders getroffen, weil Kultureinrichtungen wie Theater, Museen und Konzerthäuser seit einem Jahr fast durchgehend geschlossen sind – viele freischaffende Künstler haben kaum noch Einnahmen. Zuletzt hatten mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspieler mit einer Protest-Aktion gegen die Corona-Beschränkungen für Diskussionen gesorgt. Unter dem Motto "allesdichtmachen" hatten sie Videos veröffentlicht, in denen sie die Maßnahmen ironisch-satirisch kritisieren. AfD-Politiker begrüßten die Aktion, während sich viele andere Künstler distanzierten. Der Bund hat die Corona-Hilfen für Kunst und Kultur mit einer weiteren Milliarde Euro aufgestockt. Die bestehenden Programme werden bis Ende 2022 fortgesetzt und es kommen neue Förderungen hinzu.

Ich höre ein bisschen Erleichterung. Sie sind mit Ihrer Galerie ASPN auf dem Gelände der Baumwollspinnerei in Leipzig ansässig. Gemeinsam mit einem Dutzend Galerien, etlichen Ateliers und Kunst-Orten ist die Spinnerei das größte Galerie-Zentrum in Mitteldeutschland. Was war Ihr wichtigstes Anliegen in dieser Video-Konferenz?

Natürlich hätte ich ungefähr zehn Punkte nennen können. Viele Punkte waren auch schon von anderen Sprechenden dort abgedeckt, beispielsweise die schwierige Situation von Solo-Selbstständigen und Schwierigkeiten mit dem Zugang zu verschiedenen Fördermöglichkeiten, die es im letzten Jahr gegeben hat. Was dann für mich, für die Kunstszene insbesondere, ein wichtiges Thema war: Dass wir in unserer oftmals langfristigen Planung – oftmals ein halbes oder ein ganzes Jahr voraus – oft noch gar nicht alle Auswirkungen spüren, die jetzt in der Zukunft erst auf uns zukommen werden. Da konnte ich die Bundeskanzlerin nochmal sensibilisieren oder darauf aufmerksam machen, dass wir auch in Zukunft Aufmerksamkeit für die Belange der Kunst und Kultur brauchen. Dabei sind mir andere Redende beigesprungen, die auch gesagt haben, dass es zum Beispiel für freiberufliche Musikerinnen und Musiker so ist, dass sich die Auswirkungen erst sehr viel später zeigen werden.

Oft spüren wir noch gar nicht alle Auswirkungen, die in der Zukunft erst auf uns zukommen werden.

Galeristin Arne Linde

Mein zweites Thema war, dass wir in der bildenden Kunst, also insbesondere in den Galerien, mit dem vollem Mehrwersteuersatz von 19 Prozent belegt werden, was in anderen Kulturbereichen, zum Beispiel in der Verlagsbranche nicht der Fall ist. Ich habe sie sehr deutlich darauf angesprochen und habe das Gefühl, dass sie sich da nochmal kundig machen will. Tatsächlich ist meine Empfindung, dass ein Gefälle besteht und sie das durchaus sehr gut nachvollziehen konnte.

Es ging in Ihrer Branche wie allen in den letzten Monaten nicht gut. Ausstellungen und Messen sind ausgefallen, wurden umgeplant, verschoben. Mal abgesehen von diesem organisatorischen Mehraufwand, von den Nerven und Ressourcen, die Sie wahrscheinlich auch der Kanzlerin geschildert haben, die dafür notwendig waren: Wie hat sich die Pandemie auf Ihr Berufsleben ausgewirkt, wie steht es um die Zusammenarbeit mit den Künstlern?

Die ist natürlich nach wie vor unvermindert weitergelaufen. Wir arbeiten sowohl mit Künstlerinnen und Künstlern, die wir vertreten, sehr eng zusammen, als auch mit einem ganz großen Netzwerk von Leuten in den Medien, in Museen, in Kunst-Vereinen, vor allem natürlich ganz vielen privaten und öffentlichen Sammlern.

Was ich bilanzieren muss nach einem Jahr Pandemie: Die Drähte haben geglüht! Wir haben so viel telefoniert wie noch nie.

Galeristin Arne Linde

Wir haben auch ab und zu Zoom-Konferenzen gehabt, aber doch vor allen Dingen das persönliche Gespräch intensiviert. Das ist natürlich viel anstrengender und dauert immer länger, als wenn Sie zum Beispiel bei einer Vernissage gleich mal 20 Leute in einer Stunde treffen, mit denen Sie sich kurz austauschen können. Das heißt, wenn ich die normale Kommunikation im letzten Jahr unter Pandemie-Bedingungen hätte beibehalten wollen, hätte ich 24 Stunden am Tag telefonieren müssen. Es ist klar, dass das niemand schafft.

Ich kann mir vorstellen, dass die Kanzlerin Sie auch gefragt hat, ob Sie vom Maßnahmen-Paket des Bundes oder Ihres Bundeslandes profitieren konnten. Konnten Sie? Und wo sehen Sie Handlungsbedarf?

Also ich konnte profitieren im sehr angemessenen Rahmen. Insbesondere im letzten Jahr gab es diese Soforthilfe, von der ich profitieren konnte. Das hat zwar teilweise Betriebskosten gedeckt, aber war nicht für Lebenshaltungskosten gedacht. Das ist vielfach in dem Bürgerdialog angesprochen worden, dass insbesondere Selbstständige mit keiner der Hilfen ihren sogenannten Unternehmerlohn hätten geltend machen können. Was ich sehr schön finde, dass auch in der Zusammenarbeit mit Monika Grütters das Förderprogramm für Kultur eben auch für die Galerien geöffnet worden ist. Das war ein ganz ganz wichtiges Signal im letzten Jahr, dass wir da auch einen Antrag einreichen konnten und eine Fördersumme bekommen haben, die wir für eine Publikation verwendet haben. Für die Ausstellung von Jochen Plogsties, die wir jetzt gerade – unter natürlich sehr speziellen Bedingungen – geöffnet haben. Das ist schon eine ganz immense Unterstützung gewesen – nicht nur finanzieller Natur, sondern auch dieser Symbolgehalt.

Dass die Galerien als Teil der Kunst- und Kulturwirtschaft anerkennt werden und da förderwürdig sind, war ein sehr motivierendes und wohltuendes Signal.

Galeristin Arne Linde

Bei allem Stillstand der letzten Monate – zumindest nicht an ihren Telefonen, wie ich rausgehört habe: Wie sehen Sie denn die Zukunft Ihrer Arbeit?

Wir werden sehr viel nachzuarbeiten haben und uns sehr gut darauf vorbereiten, dass auch wieder persönliche Kontakte möglich sein müssen und möglich gemacht werden müssen. Viele Ausstellungen der letzten Monate sind ja tatsächlich ausgefallen oder aufgeschoben worden. Das heißt, da steht auch ganz viel künstlerische Arbeit im Lager, im Depot und will an die Luft und muss gesehen werden.

Und ich denke, dass da viel rausdrängt. Und auch die Kunst als Diskursraum, als sozialer Raum, das wird sich Raum nehmen. Und das wird, sobald wir wieder können und dürfen, auch raus müssen.

Galeristin Arne Linde

Ich habe fast ein positives Gefühl, dass wir einen sehr lebendigen und ganz vitalen Sommer, Herbst und darüber hinaus erleben werden, falls uns da nichts dazwischenkommt. Ich freue mich darauf, dass wir eine große intensive Kunstparty feiern werden und das verleiht mir natürlich einen gewissen Optimismus.

Ich freue mich auf eine große, intensive Kunstparty!

Galeristin Arne Linde

Wir reden jetzt hier von Kunstparty mit Face-to-Face-Kontakt. Wie viel Digitalisierung verträgt die Kunstbranche jetzt noch?

Arne Linde
Die Leipziger Galeristin Arne Linde ist zuversichtlich: Wenn es an der Zeit ist, drängt die Kunst raus! Bildrechte: Arne Linde

Ich glaube, wir sind jetzt alle so ein bisschen Zoom-müde und voll von digitalen Formaten, die man sich solitär alleine Zuhause am Rechner anschaut. Es hat natürlich Vorteile: Wir können durch die Digitalisierung sehr viel kurzfristiger auch international kommunizieren. Wenn Sie aber darüber nachdenken, in einer Ausstellung zu stehen und eine Ölmalerei Auge in Auge zu sehen, nah herangehen zu können, möglicherweise noch das Terpentin zu riechen und das von allen Seiten wahrnehmen zu können, dann merken Sie aber auch, dass es quasi nicht zu ersetzen ist, vor Ort zu sein und das live und physisch zu erleben. Von daher bin ich der Meinung: Digitalisierung ist schön, aber die bildende Kunst braucht auch ganz deutlich die analoge Welt und auch die Begegnung vor dem Bild oder vor dem Werk. Auch die damit verbundene soziale Dimension ist nicht zu unterschätzen: Wir sprechen im Angesicht des Werkes auch über Dinge, über die wir nicht sprechen, wenn wir Zuhause nur aufs Handydisplay schauen. Von daher erwarte ich auch da einen sehr intensiven Diskurs und einen regen und inspirierenden Austausch.

Das Interview führte Moderatorin Beatrice Schwartner für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. April 2021 | 17:10 Uhr

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