300. Geburtstag Johann Wilhelm Ludwig Gleim – der "Erfinder von Facebook"

Für Johann Ludwig Gleim war Freundschaft ALLES. Davon zeugen die vielen Briefe und Porträts seiner Freunde in seinem Haus in Halberstadt. Dass der einst viel gelesene Dichter heute bei Facebook wäre, mit dieser Idee spielt die neue interaktive Schau, die am 2. April im Gleimhaus eröffnet. Damit startet auch das Jubiläumsprogramm zum 300. Geburtstag des kommunikativen Aufklärers.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim
Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803) Bildrechte: imago/Leemage

Weil er Sehnsucht nach seinen fernen Freunden hatte, sammelte Johann Wilhelm Ludwig Gleim deren Porträts und hängte sie in sein Haus in Halberstadt. Der Überlieferung nach drückte er den Abbildern auch mal ein Küsschen auf. Anzunehmen also, dass der Dichter heute ein großer Facebooker wäre. Das legt jedenfalls die neue, interaktive Ausstellung nahe, die im Gleimhaus zu seinem 300. Geburtstag am 2. April mit "Sprechenden Bildern" eröffnet.

Im Angesicht der Freunde

In diesem Haus saß der viel gelesene Dichter von Romanzen und Fabeln einst mit anderen Aufklärern wie Klopstock, Lessing, Wieland, Herder, Bürger oder Jean Paul zusammen. In geselliger Runde sollen sie gemeinsam gesungen und sich Gedichte vorgetragen haben. Ihre Porträts schmücken die Wände in drei Räumen des Hauses, das somit auch ein Tempel der Freundschaft ist. In unzähligen Briefen hielt er die Freunde auf dem laufenden. In einer Zeit, in der zweimal pro Woche die Postkutsche in Halberstadt vorbeikam, auf der Ost-West-Route gen Berlin, stand Gleim mit 550 Frauen und Männern im Austausch. So zeigte er sich laut Gleimhaus-Leiterin Ulrike Pott schon im 18. Jahrhundert als außergewöhnlicher Netzwerker und genialer Kommunikator. Pott zufolge schrieb er "mit dem 'Profilbild' des Freundes vor Augen" seine Briefe, nutzte und propagierte er "eine neue Sprache der Freundschaft". In der Annahme, dass er wahrscheinlich von Facebook begeistert gewesen wäre, richtete das Gleimhaus ihm ein Profil beim Sozialen Netzwerk ein.

Was ist die Welt ohne Freunde?

Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Zudem veröffentlichte er Briefsammlungen, "um Muster an die Hand zu geben, wie man flott natürlich-freundschaftlich schreiben sollte". Für Pott hatte Gleim damit "ganz klar die Idee, dass Freundschaft ein öffentliches Ereignis ist und dass entsprechend die freundschaftliche Kommunikation auch etwas für die Gesellschaft tut." In diesem Bewusstsein legte Gleim auch seinen "Freundschaftstempel" an.

Größte Porträtsammlung der deutschen Aufklärung

1747 hatte Gleim eine Stelle als Sekretär des Domstiftes in Halberstadt angenommen. Aus Berlin in den Vorharz kommend, wollte der Dichter seine Kontakte nicht verlieren. Er fühlte sich einsam. Seine Literaturfreunde ließ er porträtieren, damit er sie immer um sich hatte. So kommt es, dass die größte Porträtgemäldesammlung der deutschen Aufklärung dicht gedrängt im Gleimhaus in Halberstadt hängt. 130 Gemälde sind es, ähnlich in Form und Gestalt. In der interaktiven Ausstellung beginnen sie nun zu sprechen über Fragen wie Freundschaft, Streit und Persönliches. Per Sprachbefehl geben 30 ehemalige Weggenossen Gleims Auskunft. Auf Basis von Ausschnitten aus den historischen Briefwechseln.

Freundschaft und Geschäft

Zu entdecken ist so auch, wie sich der Begriff der Freundschaft in den vergangenen 300 Jahren verändert hat. Die weitgefächerte Korrespondenz hatte allerdings auch einen geschäftlichen Hintergrund, gab sie Gleim doch die Möglichkeit, im literarischen Geschäft mitzumischen. Er korrigierte und beriet seine Freunde und unterstützte sie zuweilen auch finanziell. Mit anderen Worten, die Freundschaft wurde zum Zugpferd für vieles, im Bereich der Literatur aber auch im Umgang miteinander.

Gleims umfangreiche Korrespondenz wurde gesammelt. Über 1.000 Schriftstücke bilden den Grundstock seines Literaturarchivs, das in der hausinternen Bibliothek des Gleimhauses aufbewahrt und zugänglich gemacht wird. Nach dem Auftakt im April folgt bereits im Juni die nächste Ausstellung unter dem Titel "Scherz - die heitere Seite der Aufklärung".

Das Literaturmuseum Gleimhaus in Halberstadt
Das Literaturmuseum Gleimhaus in Halberstadt (Landkreis Harz) Bildrechte: dpa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. April 2019 | 18:05 Uhr

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