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DebatteDresden will jüdisches Museum einrichten – aber wo?

Stand: 25. Januar 2022, 14:23 Uhr

Seit einiger Zeit gibt es Überlegungen für ein Jüdisches Museum in Sachsen, auch die Stadträte in Dresden und Leipzig haben sich bereits für eine Prüfung des Vorhabens ausgesprochen. Am Montag begann dazu eine auf mehrere Foren angelegte Onlinediskussion.

Über die Frage, ob Sachsen ein jüdisches Museum braucht, diskutierten am Montag in einem Onlinetreffen der Beauftragte der Sächsischen Staatsregierung für das Jüdische Leben, Thomas Feist, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Dresden, Michael Hurshell, die Bürgermeisterin für Kultur und Tourismus der Landeshauptstadt Dresden, Annekatrin Klepsch, die Direktorin des Stadtmuseums, Christina Ludwig sowie Agnes Scharnetzky, Wissenschaftlerin an der TU Dresden und Stadträtin für die Grünen. Unsere Landeskorrespondentin Birgit Fritzt war dabei und berichtet.

Hintergrund: Wie präsent ist die jüdische Geschichte in Sachsens Museen derzeit?

  • Bislang gibt es keine Museen zur Geschichte der Juden in Sachsen. Es gibt keinen dauerhaften Ort, wo die Geschichte der Juden in Sachsen als integraler und starker Bestandteil der Gesellschaft erzählt wird.
  • Es gab und gibt Sonderausstellungen und religiöse Stätten wie die Synagogen in Dresden, Chemnitz, das Europäische Kulturzentrum Görlitzer Synagoge.
  • Manche Museen und Sammlungen haben den Aspekt aufgenommen und in ihre Erzählungen integriert (z.B. informiert die Porzellansammlung der SKD auch über die von Charlotte und Gustav Klemperer zusammengetragene Kollektion historischer Meissener Porzellane, die 1938 konfisziert und auf sächsische Museen verteilt wurde, legitimiert durch antisemitische Gesetze und Verordnungen)
  • Weitere Beispiele:
  • Das Stadtmuseum in Dresden verweist mit kleinen Interventionen in seiner Dauerausstellung auf jüdisches Leben in Dresden.
  • Das Archäologiemuseum in Chemnitz erinnert an den Architekten Mendelsohn und die Kaufhausdynastie Schocken.
  • Aktuelle Ausstellung im Chemnitzer Rathaus: "Wir bleiben da. 135 Jahre Geschichte der jüd. Gemeinde in Chemnitz"

MDR KULTUR: Kann man ein Fazit der Onlinediskussion ziehen?

Birgit Fritz: Es war ein sehr produktiver Auftakt. Rund 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dabei. Alle im Podium sprachen sich erwartungsgemäß für ein solches Vorhaben aus und plädierten leidenschaftlich dafür, auch angesichts des Unwissens und des zunehmenden Antisemitismus'. Aber schon beim Begriff Museum, also einem festen Ort mit Objekten an zentraler Stelle der Stadt, gab es Widerspruch: zu statisch, zu objektfixiert.

Dafür einigte man sich auf ein Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur, das auch als Begegnungsstätte und als Platz für die vielen bürgerschaftlichen Initiativen fungieren kann. Erörtert wurde, ob so etwas nicht auch dezentral angelegt werden könnte, um auch die Spuren jüdischen Lebens in der Fläche des Landes aufzunehmen und darzustellen, also eine Art Netzwerk – aber mit einem starken "Knoten" im Zentrum. Das läuft wiederum auf Dresden hinaus. Außerdem müsste man in einem nächsten Schritt beschreiben, was man eigentlich erzählen will und mit wem und für wen, wir das tun wollen. Erst der Inhalt, dann der Ort!

Welche Standorte sind für ein Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur im Gespräch?

Das ist eine ganz offene Frage bisher. Alle plädierten für einen authentischen Ort, also einen, der selbst schon etwas über jüdisches Leben in Deutschland erzählt. Zwei Orte wurden da immer wieder genannt, auch im Beschluss des Stadtrates:

Der Alte Leipziger Bahnhof in der Neustadt, erbaut für die erste Eisenbahnstrecke Dresden-Leipzig; eine Ruine, eigentlich ein Denkmal der Industriegeschichte. Der Bahnhof steht für regen Handel und Verbindungen in die Welt, auch für Migrationsbewegungen. Vor allem aber ist es der Ort der Deportation der Dresdner Juden in die Vernichtungslager.

Der alte Leipziger Bahnhof in Dresden wird zum Erinnerungsort für die Deportation tausender Juden aus Sachsen. Bildrechte: IMAGO / Sven Ellger

Unabhängig von den Museumsplänen soll hier ein Erinnerungsort entstehen. Es gibt auch Einwände gegen diesen Ort als Museum oder besser ein Unbehagen daran, dass die Geschichte der Juden von einem Tiefpunkt her erzählt wird. Und praktische Schwierigkeiten gibt es auch. Das ganze Gelände um den Leipziger Bahnhof ist gerade in Planung. Dort soll ein neuer Stadtteil entstehen. Das Verfahren mit breiter Bürgerbeteiligung ist gerade angelaufen, die Stadt müsste das Grundstück erst erwerben.

Ein anderer Vorschlag, dessen Realisierung noch schwieriger scheint, ist ein jüdisches Museum im früheren Palais Oppenheim nahe des Deutschen Hygienemuseums. Das Palais steht nicht mehr, es wurde im Krieg zur Ruine. Die Außenmauern wurden Anfang der 50er-Jahre abgetragen für einen Pionierpalast, der dort nie gebaut wurde. Bei dem Gebäude handelt es sich um einen Neorenaissancebau von Gottfried Semper, der zwischen 1845 und 1848 entstand. Das Palais könnte die Geschichte einer Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert und ihrer großen Teilhabe an Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft erzählen. Auch hier müsste die Stadt die Fläche vom Investor erwerben bzw. pachten.

Wie geht es weiter?

In den nächsten Wochen sind drei weitere Onlineveranstaltungen geplant. Konzeptionelle Fragestellungen sollen geklärt werden, es soll eine breite offene Diskussionsrunde mit Bürgerinnen und Bürgern geben und die Diskussion um einen potentiellen Standort in Dresden vorangetrieben werden.

Man muss sich noch darüber verständigen, wo die Exponate herkommen sollen, wer das Ganze finanziert – bisher taucht das Projekt in keinem Haushaltsplan auf, weder von Stadt noch Land – und auch der Landtag muss sich noch mit dem Thema befassen. Denn das Projekt lässt sich nur mit Hilfe des Landes und möglichst auch des Bundes umsetzen. Es hat also noch eine lange Wegstrecke vor sich.

Das Gespräch führte Moderatorin Constanze Kittel mit MDR KULTUR-Landeskorrespondentin Birgit Fritz.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 25. Januar 2022 | 12:10 Uhr