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"HiDDen" - Digitales Depot MitteldeutschlandVerborgene Museumsschätze: Historische Karikaturen auf Burg Posterstein

Einblick ins Depot

Museumsschätze: Historische Karikaturen auf Burg Posterstein

Stand: 06. September 2021, 04:00 Uhr

In Löbichau trafen sich um 1820 bedeutende Literaten, Politiker und Künstler zu Gesprächen. Bei ihren Besuchen ließ die gastgebende Herzogin teils bissige Karikaturen der Gäste anfertigen. Die liegen heute im Museum Burg Posterstein. Besucherinnen und Besucher bekommen diesen Museumsschatz allerdings nur selten oder nie zu sehen, da das Licht den Karikaturen schaden könnte. MDR KULTUR hat das Museum Einblick ins Depot gewährt.

Im Museum der Burg Posterstein im Thüringer Kreis Altenburger Land lagern einige der besten Stücke im Dunkeln – zum Beispiel kolorierte Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert. Manchmal, zu besonderen Anlässen, werden sie aus dem Depot geholt. Sie erzählen viel über das gesellschaftliche Leben und den berühmten Salon, den die Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) auf ihrem sechs Kilometer entfernten Schloss Löbichau unterhielt.

Es ist ein humorvoller Blick auf die bekannten und weniger bekannten Persönlichkeiten, die dort ein- und ausgingen, sagt Franziska Engemann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums: "Das sind ganz raffinierte Zeichnungen. Dargestellt ist ein Porträtkopf der entsprechenden Personen und als Körper ein Tier oder ein Gegenstand, der dem Charakter des jeweiligen Gastes entsprochen hat."

Die Gastgeberin ließ sich auch selbst karikieren

Herzogin Anna Dorothea von Kurland (1761–1821) Bildrechte: Yellow Table Media GmbH

Zu sehen ist auch die Gastgeberin, die Herzogin Dorothea von Kurland – dargestellt als Pudel: "Sie war eine sehr geistreiche, auch schöne Frau, die gerade auch für ihre Intelligenz geschätzt worden ist und wirklich eine sehr gutmütige, treue Seele", so Engemann. Unter der Zeichnung steht der Spruch: "Der Pudel durch Treu sich zeichnet aus, drum liebt ihn auch das ganze Haus."

Anna Dorothea von Kurland, die mit einem viel älteren Herzog verheiratet war, zählte zu den einflussreichen und wohlhabenden Frauen ihrer Zeit. Ende des 18. Jahrhunderts etablierte sie auf Schloss Löbichau einen Salon, den sogenannten "Musenhof". Die Salonkultur hatte sich während der Aufklärung von Paris aus über ganz Europa ausgebreitet. Dank der Herzogin entwickelte sich nun auch in Thüringen ein Zentrum geistig-kulturellen Lebens.

Herzogin Dorothea von Kurland als Pudel Bildrechte: Yellow Table Media GmbH

Ein Salon, in dem Weltgeschichte geschrieben wurde

Den Mittelpunkt des Salons bildete die Herzogin selbst, erklärt Wissenschaftlerin Engemann: "Mit Kontakten bis hin zu den höchsten politischen Schichten, zu Talleyrand, dem französischen Außenminister, zu Zar Alexander I. oder eben auch Künstlern wie Jean Paul." Auch Goethe sei einst zu Besuch in Löbichau gewesen.

Der Herzog von Gotha als Pfau. Die Zeichnungen entstanden während der Salons in den Sommern 1819–1821. Bildrechte: Yellow Table Media GmbH

Bis zu 200 Gäste hätten sich damals auf Schloss Löbichau aufgehalten, zum Teil über Wochen, so Engemann: "Es fand ein reger Austausch statt. Es war die Salonkultur im Allgemeinen, bei der über Politik gesprochen wurde, über Kunst, über Literatur. Es wurden Spiele gespielt, aber es ging eben auch um die Diskussion über die europäische Zukunft in einer ganz bewegten Zeit zwischen Französischer Revolution, Napoleonischen Kriegen und Wiener Kongress."

Die Zeichnerin ist als Spargel zu sehen

In den Sommern 1819 bis 1821 waren auch Emilie von Binzer, die Enkelin der Herzogin von Kurland, und ihr Zeichenlehrer Ernst Welker zu Gast auf Schloss Löbichau. Der 35-jährige Zeichenlehrer und seine 19-jährige Schülerin verbrachten die warmen Tage auf dem idyllischen Landsitz und porträtierten die feine Gesellschaft. Auch sich selbst schonten sie dabei nicht: Emilie ist als Spargel dargestellt, Welker als Auster. Insgesamt entstanden 47 kolorierte Blätter und zwei Skizzen.

Franziska Engemann, wissenschaftliche Mitarbeiterin des Museums Burg Posterstein Bildrechte: Yellow Table Media GmbH

50 Jahre später erinnert sich die Schriftstellerin von Binzer in ihrem Buch "Drei Sommer in Löbichau" an diese Begegnungen, die sie und Ernst Welker damals auf Papier festgehalten haben. In dem Buch heißt es etwa über das Fräulein Sidonie von Dieskau: "Sie war des Herzogs Freundin, und er trennte sich nie von ihr. Sie war alt und von so ausgesuchter Hässlichkeit, das Welker sie als Fledermaus darstellte, mit dem Verse: 'Erschrecket nicht vor diesem Graus. Es ist nur eine Fledermaus.'"

"Ein immenser Schatz"

2014 hat das Museum Burg Posterstein die Karikaturen angekauft. Seitdem sind sie digital archiviert. Ausgestellt werden sie aber nur vereinzelt – wären sie dauerhaft dem Licht ausgesetzt, würden sie ihre Farbigkeit verlieren.

Für den Museumsdirektor Klaus Hofmann sind die Karikaturen ein immenser Schatz, der die Gesamtausstellung auf Burg Posterstein über Thüringens Kulturgeschichte bereichert. Schließlich habe durch die Herzogin von Kurland in der Region 25 Jahre lang Weltgeschichte gespielt, so Hofmann.

An der Stelle des Schlosses Löbichau ist heute ein Altenheim. Der Esprit des herzöglichen Salons lebt durch die Ausstellung im Museum auf Burg Posterstein weiter.

Burg Posterstein Bildrechte: Yellow Table Media GmbH

Infos zu Burg PostersteinMuseum Burg Posterstein
Burgberg 1
04626 Posterstein

Ausstellung:
"Europäische Salongeschichte in Löbichau"
01.08.2021 - 31.12.2021

Öffnungszeiten:

März bis Oktober:
Dienstag – Sonntag, Feiertag: 10 – 17 Uhr

November bis Februar:
Dienstag – Freitag: 10 – 16 Uhr
Samstag, Sonntag, Feiertag: 10 – 17 Uhr