Feldsteinkirche in Garitz Magie des Lichts: Neue Kirchenfenster von Tony Cragg in der Dorfkirche in Anhalt-Zerbst

Der Zeitpunkt könnte nicht schöner sein. Während Winterdepressionen und der Corona-Lockdown den Menschen zu schaffen macht, gibt es in der Dorfkirche in Garitz bei Zerbst in Sachsen-Anhalt ein geradezu leuchtendes Kulturhighlight: Dort wurden Fenster des weltbekannten Künstlers Tony Cragg eingebaut. Die Umbauarbeiten sind damit noch nicht abgeschlossen, aber die Glaskunstwerke können bereits bestaunt werden.

Neue Kirchenfenster in Garitz
Glaser David Arngold präsentiert sein Handwerk Bildrechte: Fotografiert von Johannes Killyen. Zur Verfügung gestellt von der Landeskirche Anhalt

Zeitgenössische Glaskunst in der sachsen-anhaltischen Provinz: Im 180-Seelenort Garitz bei Zerbst hat der renommierte Bildhauer Tony Cragg – Turner-Preisträger und Documenta-Teilnehmer – neue Kirchenfester gestaltet. "Wir fühlen uns sehr geehrt", sagte der Vorsitzende der Kirchgemeinderates, Ulrich Hahn, begeistert.

Magisches Farbspiel

Neue Kirchenfenster in Garitz
Blick auf das Fenster Bildrechte: Fotografiert von Johannes Killyen. Zur Verfügung gestellt von der Landeskirche Anhalt

Das Erlebnis bestätigt den Respekt: Beim Betreten der kleinen Feldsteinkirche werden Besucherinnen und Besucher von einem magischen Farbspiel überrascht: Bei Sonne reflektieren die zehn eher kleinen Kirchenfenster rote Lichtfelder auf die gegenüberliegenden Wände. Motive die sich mit der Tageszeit wandeln und verschieben, so dass sie auch Bezug auf Altar und Epitaph nehmen. "Dieses Lichtspiel bewirkt irgendwie ein Zauber in einem. Mir geht es so, dass ich schon mit einem Strahlen in den Raum hinein komme", beschreibt Pfarrer Lutz-Michael Silvester die Wirkung der neuen Fenster.

Das war die Intention des Künstlers. Der 71-jährige Tony Cragg, der als gebürtiger Engländer seit über vierzig Jahren in Deutschland lebt (bis 2013 war er Rektor der Kunstakademie Düsseldorf), wollte den mittelalterlich geprägten und barock überformten Kirchenraum wieder in eine atmosphärische Funktion bringen, wie er selbst erzählt: "Die Fenster, die vorher da waren, waren tendenziell grün. Es hatte eine merkwürdige Wirkung auf die Menschen, die sahen alle leicht unwohl aus mit grünen Gesichter. Deswegen wollte ich das umkehren, dass es ein positives, warmes Licht ist, wo die Menschen sich wohlfühlen. Aber das sind auch energische Sachen, die dort dargestellt werden, und deswegen hat mich das Rot sehr interessiert." Allerdings arbeitet der Bildhauer nicht figurativ, sondern setzt abstrakte Formen in akzentuierte Farbigkeit, in Garitz mit Rot, Weiß und Schwarz.

Neue Kirchenfenster in Garitz
Die Farbreflexionen entstehen in der Kirche. Bildrechte: Fotografiert von Johannes Killyen. Zur Verfügung gestellt von der Landeskirche Anhalt

Kirchenräume attraktiver machen

Dabei hatte er einen besonderen Zugang zum Material: "Die Gläser sind aus kostbarem, mundgeblasenem Echtantikglas gefertigt, die eine ganz feine Bläselung und Struktur haben. Als Gestaltung hat er mit wissenschaftlichen Formeln gearbeitet, die zum einen durch Entnahme des roten Überfangglases durch Satinierung aber auch durch traditionelles Schwarzlot aufgebracht worden ist und dann bei ungefähr 630 Grad im Ofen  eingebrannt wird", erklärt David Arngold, von der Glaswerkstatt, die die Fenster letztlich gefertigt hat.

Neue Kirchenfenster in Garitz
Die Dorfkirche in Garitz Bildrechte: Fotografiert von Johannes Killyen. Zur Verfügung gestellt von der Landeskirche Anhalt

Dass sich Bildende Künstler in Kirchenfenstern verewigen ist nicht neu, auch in Sachsen-Anhalt sind es inzwischen etliche: Von Neo Rauch in Naumburg, über Michael Triegel in Köthen bis zu Max Uhlig in der großen Johanniskirche in Magdeburg. Ein Trend, den die anhaltische Landeskirche aufgegriffen hat bei ihrem Projekt Lichtungen wurde bereits ein ganzes Ensemble von zeitgenössischer Glaskunst in historischen Kirchen in Anhalt geschaffen. "Wir leisten uns das einfach, weil wir damit die Attraktivität unserer Kirchenräume erhöhen. Wir geben eine Zutat aus unserer Zeit dazu und setzen einen Diskussionsprozess in Gang in der Kirchengemeinde und auch in der Ortsgemeinde. Wir holen Touristen in Gegenden, wohin sich Touristen nicht so regelmäßig verirren und wir erneuern die Fenster nur an der Stelle, wo sie auch tatsächlich sanierungsbedürftig sind", erläutert Kirchenbaurätin Konstanze Förster-Wetzel die Strategie der Landeskirche. Nur so könne man die Kosten rechtfertigen. In Garitz sind es 135.000 Euro, denn auch der Chorraum wird noch neu gestaltet. Als Gotteshaus möchte man auch zum Kulturort werden – nach Corona wieder mit Konzerten oder Lesungen und momentan als einer der wenigen zu besuchenden Kunstorte erfüllt mit der Magie des Lichts

Weitere Informationen Die Garitzer Feldsteinkirche ist nach Umbauarbeiten wieder ganztägig geöffnet.

Dorfstr. 6
39264 Zerbst

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. November 2020 | 06:10 Uhr

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