"Letzte Generation" Klimaproteste in Museen: Angriffe auf Kunst oder ziviler Ungehorsam?

Die Klimaproteste der "Letzten Generation" in Museen erregen viel Aufmerksamkeit – sei es der Angriff auf ein Gemälde van Goghs in London oder auf die "Sixtinische Madonna" in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Dem Aktionskünstler Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit gehen die Proteste nicht weit genug, erklärte er im Interview bei MDR KULTUR. Sie müssten radikaler werden, um etwas zu erreichen. Das sieht der Direktor des Kunstmuseums Moritzburg in Halle, Thomas Bauer-Friedrich, anders. Auch die Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), Marion Ackermann, verurteilt das Vorgehen der Umweltaktivisten.

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In der Gemäldegalerie Alte Meister der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden hatten sich im August 2022 zwei Umweltaktivisten der Gruppe "Letzte Generation"€œ am Gemälde "Sixtinische Madonna" von Raffael aus Protest angeklebt. Bildrechte: dpa

Der Protest der Klimagruppe "Letzte Generation" ist für den Aktionskünstler Philipp Ruch nicht mutig genug. Der in Dresden geborene Ruch ist Mitbegründer des "Zentrums für politische Schönheit" und vermisst die Radikalität in den Aktionen. "Ich glaube, in dieses Museum muss man den Hammer mitnehmen," so Ruch im Gespräch mit MDR KULTUR.

Ühilipp Ruch vom Zentrum für Politische Schoenheit mit Megafon 8 min
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Die Proteste der "Last Generation" erregen viel Aufmerksamkeit. Aber ist die Protestform, sich an Kunstwerke zu kleben, wirklich neu? Was bringt sie? Fragen Philipp Ruch, Chef des Zentrums für politische Schönheit.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 04.11.2022 06:00Uhr 07:36 min

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Ihn störe die Scheibe vor diesen Gemälden. Das mache das Ganze zu einer langweiligen Protestverabredung zwischen Protestierenden, Publikum und Museum. Insofern sei das nicht die Zukunft des Widerstandes, sondern nur ein Anfang: "Domestizierter Widerstand macht keinen Sinn bei dem, was sie vorhaben."

Klimaprotest in Museen nicht radikal genug?

Ruch, der mit seinem "Zentrum für politische Schönheit" selbst mit unkonventionellen Aktionen wie dem Nachbau des Holocaustmahnmals in der direkten Nachbarschaft von AfD-Politiker Björn Höcke für Aufsehen sorgte, stellt sich grundsätzlich hinter die Ziele der Umweltbewegung "Letzte Generation". Die Rettung unserer Erde sei das wichtigste Anliegen unseres Zeitalters.

Ich verstehe nicht, warum sie nicht mit schmutzigem, klebrigen Öl nach Van Gogh, Monet und Co. werfen.

Philipp Ruch, Zentrum für Politische Schönheit

Dennoch empfindet Ruch die Form des Protestes als zu zahm. Für ihn ist zum Beispiel unklar, warum die "Letzte Generation" Tomatensuppe und Kartoffelbrei bei ihren Aktionen einsetzt. Die Gruppe prangere ja nicht nur die Lebensmittelverschwendung an, sondern sie wolle das fossile Zeitalter beenden.

Widerstand von Klimaaktivisten sei demokratisch

Der Aktionskünstler Ruch erwartet, dass die Proteste so schnell nicht abebben werden. "In zwei Jahren sind die viel weiter, die Punkte in unserer Gesellschaft zu drücken, die weh tun oder auch die Schmerzpunkte der Machthabenden gefunden zu haben."

Abschließend nimmt Ruch die Klimaaktivisten gegen Kritiker in Schutz, die ihnen vorwerfen, sich gegen geltendes Recht zu stellen: "Ich sehe hier absolut überzeugte Demokraten." Schließlich stellten sie sich ihrer Verantwortung und ihrer strafrechtlichen Schuld. Sie ließen sich verurteilen. "Wenn sie sich die Geschichte des zivilen Ungehorsams und des Widerstandes der Menschheit anschauen, dann wurden da lauter Rechtsnormen andauernd gebrochen."

Kunstmuseum Moritzburg in Halle offen für sachliche Debatte

In den Augen von Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle, sei es der völlig falsche Weg, zum öffentlichen Bildersturm aufzurufen, um Protesten mehr Nachhaltigkeit zu verleihen. Er zeigte im Gespräch bei MDR KULTUR kein Verständnis für Aktionen, die Kunst gefährdeten, um Klimaziele durchzusetzen.

"Ich bin absolut hinter den Zielen der 'Letzten Generation'", erklärte der Museumsdirektor. Er glaube aber nicht, dass mit den Anschlägen das Ziel erreicht werden könne, dass über das weltweite Klima gesprochen werde. Auch nicht, wenn Kunstwerke beschädigt oder zerstört werden. "Es gibt einen großen Aufschrei", so Bauer-Friedrich, "aber über das Thema als solches wird nicht gesprochen, vor allen Dingen nicht mit denjenigen, die es betrifft, die etwas bewirken können."

Es ist ein Anschlag, ein Stich ins Herz unserer bürgerlich wohlsituierten Gesellschaft, der Kultur dieser Gesellschaft.

Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle

Museen wie das Kunstmuseum Moritzburg stünden hinter den Klimazielen und würden sich bemühen, einen geringen CO2-Ausstoß zu verursachen. "Wir sind die falschen Adressaten", erklärte Bauer-Friedrich. Die Kritik müsse sich an Wirtschaftsunternehmen, große Konzerne und letztendlich die Politik richten. Museen könnten helfen, zu vermitteln und zu einer sachlichen Debatte beizutragen.

Thomas Bauer-Friedrich, 2015
Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg in Halle, sagt: "Wir sind die falschen Adressaten", die Kritik der Aktivisten müsse sich an die Politik und Wirtschaft richten. Bildrechte: dpa

Bauer-Friedrich sieht in den Protesten vor allem eine große Hilflosigkeit der jungen Generation, für die er Verständis zeigt. Er biete sein Haus gerne für vernünftige Debatten an. "Nur wenn jetzt die Folge ist, dass wir als Museen reagieren und alles noch stärker reglementieren, die Zugänge wieder reduzieren und alles noch schärfer kontrollieren, das kann es nicht sein."

Angriffe auf Gemälde wie die "Sixtinische Madonna" in Dresden

In den vergangenen Wochen hat es zahlreiche Attacken von Klimaaktivisten der Gruppe "Letzte Generation" gegeben. Dabei bewarfen die Aktivisten die Kunstwerke meist mit Farbe, Tomatensuppe oder Kartoffelbrei und kleben sich anschließend am Rahmen fest. Die Gemälde selbst wurden dabei bislang nicht beschädigt, allerdings entstanden Kosten durch die Beschädigungen der Rahmen und entgangene Ticketverkäufe.

Betroffen waren bislang u.a. Van Goghs "Sonnenblumen" in London, ein Gemälde von Monet in Potsdam und die "Sixtinische Madonna" in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Deren Generaldirektorin, Marion Ackermann, verurteilt die "Letzte Generation". Für sie sei das Vorgehen der Klimaaktivisten eine Bedrohung für Museen und Kulturgüter. Es bedeute, dass über die komplette Verglasung von Kunstwerken nachgedacht werden müsse oder dass Werke überhaupt nicht mehr gezeigt werden könnten, erklärte sie laut Pressemitteilung.

Die Interviews führten die Moderator*innen Carsten Tesch und Anett Mautner für MDR KULTUR.
Quelle: MDR KULTUR, epd / Redaktionelle Bearbeitung: Ina Namislo, Valentina Prljic

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. November 2022 | 08:10 Uhr

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