Provenienzforschung Warum das Museum Waldenburg seine koloniale Kunst erforscht

Das Naturalienkabinett in Waldenburg ist eine besondere Schatzkiste. In Holzvitrinen werden dicht an dicht tausende Objekte präsentiert: Gesteine, Tierpräparate wie Käfer und Schmetterlinge neben Kunst oder einer barocken Holzsammlung. Und mittendrin: Ethnografika aus aller Welt, aus China und Indien, Südamerika und Ostafrika. Ein "indianischer Götze", Schmuck von einem "Massai-Krieger", indische Schnitzereien – wie sie ins kleine sächsische Waldenburg kamen, wird nun erforscht. Eine Mammutaufgabe, die sich als dringlich erwies.

"Dann gehen wir mal ins historische Kabinett", mit diesen Worten lädt Fanny Stoye, die Leiterin des Naturalienkabinetts in Waldenburg, zur Zeitreise. Sie führt durch einen Raum, der vor 180 Jahren gestaltet wurde, vorbei an den Holvitrinen, dicht an dicht, vollgepackt mit allerlei Schätzen:

Das ist unsere sogenannte ethnografische Abteilung, die bis vor wenigen Jahren eigentlich gar nicht als solche verstanden oder wahrgenommen wurde, sondern einfach als kurioser Teil.

Fanny Stoye Museum Naturalienkabinett Waldenburg

Klischees hinter Glas

Eine Statuette aus China, die um 1900 nach Deutschland gebracht wurde. Vor einigen Jahrzehnten hat man ihr eine  völlig falsche Beschriftung verpasst, die noch auf dem Foto sehen ist.
Eine Statuette aus China, die um 1900 nach Deutschland gebracht wurde. Aus dieser Zeit stammt auch die falsche Beschriftung vom "indianischen Götzen", die noch im Sockel zu lesen ist. Bildrechte: Naturalienkabinett Waldenburg / Foto: Marion Wenzel

Hinter Glas sind Schalen, Schnitzereien, Figuren, Schmuck, Waffen aus aller Welt zu sehen.

Auf kleinen Tafeln werden die Exponate auf antiquierte Art und Weise bezeichnet: Eine Holzfigur wird als "indianischer Götze" beschrieben. Schmuck stammt von einem "Massai-Krieger". Auch das ein kolonialer Begriff, wie Stoye erläutert. Denn die Massai würden damit als aggressives Volk abgestempelt, begründet sie.

Nicht nur das einzelne Exponat, sondern die ganze Präsentation der Sammlung als fürstliches Amüsement aus dem 19. Jahrhundert sei problematisch:

Man läuft an den Vitrinen vorbei und denkt sich: 'Nein, wie wundervoll und exotisch.' Bedient wird so aber einfach nur ein Klischee, das fremde Kulturen als etwas Merkwürdiges, Seltsames, Andersartiges bezeichnet und bewertet.

Fanny Stoye Museum Naturalienkabinett Waldenburg

"Es muss etwas passieren"

Ohrschmuck Massai-Frau
Die Aufnahme zeigt den Schmuck einer Massai-Frau. Die Bezeichnung "Schmuck der Massai-Krieger" ist historisch und so heute noch auf dem alten Objektschild zu lesen. Bildrechte: Naturalienkabinett Waldenburg

Grundlegend ändern kann Fanny Stoye das bislang nicht. Das gesamte Arrangement des Naturalienkabinetts steht seit 2009 unter Denkmalschutz. Der Raum konserviert damit auch die Perspektive der damaligen Zeit, mit allen Vorurteilen. Vor drei Jahren plante die rechtsradikale Partei "Der dritte Weg" einen Ortsgruppenausflug ins Waldenburger Museum, wie Stoye erzählt: "Sie sahen hier einen Raum für ihr verzerrtes Geschichtsbild", kommentiert sie. Spätestens da sei klar geworden, dass etwas passieren müsse.

Wir müssen uns hier in Sachsen klar positionieren und auf die kolonialen Wurzeln verweisen. Wir müssen Strategien finden, um darüber zu sprechen, um uns richtig einzuordnen und auch um uns abzugrenzen.

Fanny Stoye Museum Naturalienkabinett Waldenburg
Silvia Dolz entnimmt aus einer Schublade eines Rollregals ein Elfenbeinblashorn. 5 min
Bildrechte: dpa

Silvia Dolz, Kuratorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen untersucht Ankäufe zwischen 1899 und 1939 am Beispiel der Togo-Sammlung im Völkerkundemuseum Dresden. Beitrag von Ulrike Thielmann.

MDR KULTUR - Das Radio Di 18.05.2021 18:00Uhr 04:48 min

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Forschungsprojekt gestartet

Frau steht vor Exponaten an einer Wand
Erste Versuche, auf die Herkunft der Exponate aufmerksam zu machen Bildrechte: Museum Naturalienkabinett Waldeburg / Barbara_Proschak

Um auf die kolonialen Wurzeln zu verweisen, muss man sie kennen, also fragen, wie zahlreiche Objekte in die Sammlung nach Waldenburg gelangt sind.

Ein Blick 180 Jahre zurück in die Vergangenheit, als dort die Fürsten von Schönburg Waldenburg herrschten.

Die investierten viel Geld in evangelische Missionsarbeit in aller Welt. Die Missionare wiederum brachten Schätze aus kolonialen Gebieten zurück nach Sachsen, vielleicht als Geschenke, vielleicht als Beweisstücke für den Erfolg der Mission.

Wenn man wühlt, dann wird man auch fündig.

Fanny Stoye Museum Naturalienkabinett Waldenburg
Mit einer Pinzette wird eine 'Anatomiepuppe' aus Elfenbein 2017 geöffnet.
Eine "Anatomiepuppe" aus Elfenbein Bildrechte: dpa

"Und das ist dann der Punkt, wo wir dann unsere Quellen auch konsultiert haben. Wenn man wühlt, dann wird man auch fündig", sagt Fanny Stoye und blättert durch dünnes Durchschlagpapier auf der Suche nach Notizen zu einer indischen Schnitzerei: "Hier wird davon berichtet, woher diese indische Pagode kommt. Und dann steht dann da zum Beispiel: 'In Tririnopoli in Indien. Von heidnischen Tamulen bearbeitet. Geschenk des Kirchenrates und Missionars Gehring, 1890 an Frau Fürstin Pamela Fürstin von Schönburg Waldenburg und 1894 dem Museum überwiesen'."

In besonderer Mission

Doch um die gesamte Geschichte allein dieses indischen Schmuckstückes darzustellen, reichen die eigenen Quellen bei weitem nicht aus. Seit Mai hat das Museum einen Mitarbeiter angestellt, der sich nun unter anderem durch Missionarsarchive lesen wird. Auch um der Frage nachzugehen, wie die Bekehrung zum evangelischen Glauben eigentlich ablief:

Da gibt es seit Jahrzehnten Forscher und Wissenschaftler aus den verschiedensten Fachbereichen, die darauf hinweisen, dass missionarische Tätigkeit durchaus mit Gewalt, mit Unterdrückung zu tun hat und dass in diesem Zusammenhang nicht nur private Sammlungen in die Museen nach Europa gekommen sind.

Fanny Stoye Museum Naturalienkabinett Waldenburg
Exponate und Erklärtafeln im Naturalienkabinett Waldenburg
Exponate aus aller Welt im Naturalienkabinett Waldenburg Bildrechte: Bertram Haude

Trotz dieses Wissens konstatiert die Museumsleiterin ein "Vakuum, ein nicht Gewahrwerden" mit was für einem hochspannenden und spannungsgeladenem Thema man es da tatsächlich zu tun habe.  

Ein Jahr Forschung wird dafür kaum ausreichen. Auf diese Dauer ist das erste Projekt erstmal angelegt. Es soll ein Anfang sein, wie Stoye betont. Ein Anfang, um der ethnografischen Sammlung in Waldenburg mit all ihren Objekten und den Geschichten dahinter gerechter zu werden.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Mai 2021 | 18:05 Uhr

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