Tag der Provenienzforschung Enteignet in Sachsen-Anhalt: 1.133 Tonnen Kunst

Woher kommt die Kunst in den Depots unserer Museen? Mit dieser Frage beschäftigten sich Provenienzforschende lange leise im Hintergrund. Nach der NS-Raubkunst richtet sich das öffentliche Interesse heute vor allem auf die Debatte um Objekte aus kolonialen Kontexten. Ruhig geworden ist es um die Enteignungen nach Kriegsende im Osten Deutschlands. Dabei gibt es noch viel zu klären, sagt Jan Scheunemann von der Kulturstiftung Sachsen-Anhalt zum Tag der Provenienzforschung am 14. April. Wir haben ihn vor der Online-Konferenz des Museumsverbandes zum Thema befragt.

Das Kunstmuseum Moritzburg in Halle. 8 min
Bildrechte: imago images / Steffen Schellhorn

MDR KULTUR: Wenn wir über Provinienzforschung reden, geht es oft um die NS-Raubkunst. Jetzt steht der koloniale Kontext von Kulturgütern ganz oben auf der Agenda. Stichwort Benin-Bronzen. Die Enteignungen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) sind in den Hintergrund gerutscht. Warum spielen Sie aus Ihrer Sicht heute eine so geringe Rolle?

Jan Scheunemann: Die Forschung zur Kunst, die man jüdischen Eigentümern raubte, hat in den letzten zehn Jahren einen großen Aufschwung erlebt. Seit der Verabschiedung der Washingtoner Erklärung von 1998, nach der sich auch Deutschland verpflichtete, NS-Raubkunst in den Sammlungen der Museen zu identifizieren, deren Vorkriegseigentümer oder Erben ausfindig zu machen und eine gerechte Lösung zu finden. Damit waren auch neue Möglichkeiten zur Forschung verbunden.

Mit dem Humboldt-Forum und seit der Initiative des französischen Präsidenten Macron richtet sich die öffentliche Wahrnehmung nun stark auf die Rückgabe von Raubkunst aus kolonialen Kontexten. Auch damit sind neue Fördermöglichkeiten verbunden, durch die Mittel, die Kulturstaatsministerin Grütters jetzt zur Verfügung gestellt hat.

Ich glaube, für die Zeit der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR besteht ein Defizit in der öffentlichen Wahrnehmung. Es gab 1994 das sogenannte Ausgleichsleistungsgesetz, wonach Museen enteignete Objekte zu großen Teilen zurückgegeben haben. Allerdings fehlt es an Grundlagenforschung zu diesem Thema. Wir wissen oft überhaupt nichts über die historischen Vorgänge, über die Strukturen oder auch über die Methoden und die Personen, die an diesen Entzügen in der SBZ und der DDR beteiligt waren. Wir haben auch kaum einen Überblick über die Quellenlage. All das war ja Anlass für die Initiative vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg 2017, die Grundlagenforschung mit einem Projekt anzuschieben.

Um konkret zu werden: Da gibt es beispielsweise die Geschichte vom Zentraldepot für Kunst in Halle, in dem Objekte landeten, die man aus Schlössern abtransportiert hatte. Wie ist das gelaufen?

Es beginnt mit der Verordnung über die Bodenreform 1945. Danach wurden sowohl Kriegsverbrecher als auch Großgrundbesitzer, die mehr als hundert Hektar Land besaßen, entschädigungslos enteignet. In der Rhetorik der KPD hieß das, die Macht der Kriegsschuldigen und Junker brechen. In Sachsen-Anhalt sind damals über 3.000 Güter enteignet worden.

Die Enteignung betraf Grund und Boden, damit aber auch die Burgen, Schlösser, Herrenhäuser darauf. Wir sprechen in Sachsen-Anhalt von mehr als 2.500 Gebäuden inklusive ihres Inventars, mit Kunstgegenständen, Möbeln, Geschirr, ganzen Bibliotheken und Archiven. Dafür hat man dann damals in der Moritzburg in Halle tatsächlich ein Zentraldepot eingerichtet, hauptsächlich für Münzen, kunsthandwerkliche Gegenstände und vor allem für Gemälde.

Die Schlossbergungen, wie man das Ausräumen damals nannte, die waren insofern notwendig, als diese enteigneten Gebäude in hohem Maße gefährdet waren. Die Besitzer waren geflohen, die Häuser standen leer oder wurden übernommen von den sowjetischen Besatzungstruppen. Dort wurden Flüchtlinge und Vertriebene einquartiert. Es kam auch zu Plünderungen durch die einheimische Bevölkerung. So war es ganz wichtig, diese Objekte zu bergen, sie an einen Ort zu bringen und zentral zu verwalten.

Sie haben nun geforscht, wie man mit diesen Objekten umgegangen ist ...

Um es kurz in Zahlen darzulegen für Sachsen-Anhalt beziehungsweise die damalige Provinz Sachsen: Laut einer Meldung von 1950 wurden 1.133 Tonnen Kunst und Kulturgut enteignet.

Man fragt sich, wer das alles gewogen hat, um auf diese gewaltige Zahl zu kommen?

Ja, dazu zählen unter anderem 300.000 Bücher, 1.500 Handschriften, 24 Zentner Noten, 2.700 Möbelstücke, 7.800 Bilder oder 700 Rüstungen und Waffen. Das kam nicht alles in die Moritzburg. Aber ein Teil davon.

Das Gespräch führte Moderator Thomas Bille für MDR KULTUR.

Forschungsprojekt in Sachsen-Anhalt: SBZ/DDR zwischen 1945 und 1989

Dr. Jan Scheunemann erforscht seit 2018 die Rolle der Moritzburg als zentrale Sammelstelle für unmittelbar nach Kriegsende in Sachsen-Anhalt beschlagnahmte Objekte. Das Projekt wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste mit Sitz in Magdeburg finanziert.

Stand der Forschung ist, dass im Zusammenhang mit der Bodenreform 1945 rund 3.000 Güter in Sachsen-Anhalt enteignet wurden. Unter dem geborgenen Inventar befand sich Archivgut. Es kam ins Landesarchiv nach Magdeburg, später nach Wernigerode. Bücher übernahm Scheunemann zufolge die Landes- und Universitätsbibliothek Halle.

Gemälde oder Münzen wurde in das 1948 in der Moritzburg eingerichtete Zentrallager gebracht.

1950 begann man dort, die Kunstwerke geordnet nach Herkunftsorten systematisch zu erforschen. Anhand der sogenannten Ortslisten lässt sich Scheunemann zufolge nachvollziehen, woher und wieviele Objekte in die Moritzburg kamen. Für die Gemälde nennen sie demnach 68 Provenienzen.

Provenienzforschung aktuell

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. April 2021 | 08:10 Uhr

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