Bergbau und Kunst Kunstsammlung der Wismut: Kunst oder linientreuer DDR-Kitsch?

Die Wismut, der Uran-Förderbetrieb der DDR hatte auch eine gewaltige Kunstsammlung mit über 4.000 Werken. Die existiert noch heute. Wie ist sie künstlerisch einzuschätzen – Sozialismuskitsch oder Kunst? Und was erzählt sie über die Geschichte der Wismut?

Mitarbeiter der Neuen Sächsischen Galerie in Chemnitz (Sachsen) gehen vor dem Gemälde 'Bergparade' von Lutz Rudolph Ketscher vorüber.
"Bergparade" von Lutz Rudolph Ketscher aus der Kunstsammlung der Wismut Bildrechte: dpa

Ein "Staat im Staate" sei die Wismut gewesen, heißt es oft. Jene einmalige Firma, die als Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) Uran im Erzgebirge und Thüringen förderte – und doch viel mehr als ein Bergbauunternehmen war, mit eigenen Läden, Krankenhäusern, Ferienheimen. Und auch einer eigenen Kunstsammlung, der größten in der DDR außerhalb von Museen.

Kunst ermöglicht Perspektiven

Seit 30 Jahren gibt es die SDAG Wismut nicht mehr, doch die Sammlung existiert noch immer. Welches Geschichtsbild vermittelt sie heute und wie ist ihre künstlerische Bewertung heute zu bewerten? Einschätzen kann das zum Beispiel Mathias Lindner, Direktor der Neuen Sächsischen Galerie Chemnitz und Kurator der Ausstellung "Schicht im Schacht" von 2013. Es war seine erfolgreichste Ausstellung, sagt er.

Eine Frau steht vor dem Bild «Zwei Generationen» von Werner Petzold in der Domhof-Galerie in Zwickau (Sachsen).
"Zwei Generationen" von Werner Petzold Bildrechte: dpa

Es gab ein großes Interesse, das Thema der Wismut lebendig zu halten und auch nochmal zu reflektieren. Die Perspektiven seien dabei ganz unterschiedlich, so Lindner, "die einen brauchen es sentimental für das Familienidyllenbild, die anderen wollen es wirklich wissen, die dritten fragen nach den Umweltproblemen. Der Modus ist sehr unterschiedlich, aber die Kunst kann zu allem eine Tür öffnen."

Keine hochwertige Kunst

Das Wandbild 'Für die friedliche Nutzung der Kernenergie', das an einem Verwaltungsgebäude der Wismut GmbH in Paitzdorf bei Ronneburg angebracht ist,
Das Wandbild "Für die friedliche Nutzung der Kernenergie" an einem Verwaltungsgebäude der Wismut in Paitzdorf bei Ronneburg Bildrechte: dpa

Doch ist es wirklich Kunst, was da vierzig Jahre lang im Auftrag der Wismut geschaffen wurde? Lindner schüttelt den Kopf. Natürlich sei das Kunst, aber Hochwertiges findet sich unter den 4.000 Gemälden, Graphiken, Zeichnungen kaum, urteilt er. Es sind Auftragsarbeiten, die sich an die Vorgaben der sozialistischen Kunstdoktrin halten. Zu sehen sind arbeitende Menschen, "der stolze Bergmann, das Kollektiv als die eigentlichen Treibenden, die Helden der Arbeit gewissermaßen", meint Lindner, zudem eine Verbindung zur volkstümlichen Tradition. Weiter sagt er: "Wir haben es mit einem ganz klaren Realismus zu tun, der sich durchaus auch den Forderungen des Bitterfelder Weg dann Ende der 50er-Jahre unterwirft. Es ist in jedem Fall immer eine sehr realistische Malerei, immer figürliche Malerei. Es wird immer eine Geschichte erzählt, es wird zwingend der soziologische Kontext mitgeliefert."

Es wird immer eine Geschichte erzählt, es wird zwingend der soziologische Kontext mitgeliefert.

Mathias Lindner über die Bilder der Wismut-Sammlung

Die Gemälde zeigen Direktoren, Obersteiger und einfache Hauer, die klaustrophobische Enge im Förderkorb, Kipper im Sandsturm und immer wieder Brigaden.

Erwartungen lagen in der Luft

Der Berliner Maler Werner Petzold restauriert das von ihm vor 40 Jahren geschaffene Gemälde «Brigade Rose» im Kunstarchiv der Wismut GmbH in Chemnitz.
Der Maler Werner Petzold restauriert 2010 das von ihm geschaffene Gemälde "Brigade Rose" Bildrechte: dpa

Über 4.000 Kunstwerke entstehen in den 40 Wismutjahren als Auftrag oder werden angekauft. In den Anfangsjahren nach dem persönlichen Kunstgeschmack der Direktoren und Parteisekretäre. In den 70er-Jahren sinkt zwar die politische Einflussnahme, eine grundsätzlich andere, freiere Kunst sei bei den Auftragsarbeiten aber nicht entstanden, urteilt Lindner. "Daran kann man schon erkennen, dass entweder die Künstler nicht so doll waren – beziehungsweise sich einem Erwartungsdruck ergeben haben, der da war." In diesem Erfüllen der in der Luft liegenden Erwartungshaltung sieht Lindner "sehr implizite Vorgänge, die in den Habitus gedrückt sind über Jahrzehnte der Übung in so einem System". Auch das Geld spielte eine Rolle, denn die Auftragsarbeiten wurden gut bezahlt.

Wenn ich dann von solchen Aufträgen leben musste – die Wismut bezahlte ja super, sie bezahlte ja besser als jeder andere, das heißt, es lohnte sich richtig, so einen Auftrag zu bekommen – da war die innere Freiheit, glaube ich, an vielen Stellen ganz schnell weg.

Mathias Lindner

Damit erzählen die Bilder vom Leben in der DDR, zwischen Anpassung, vorauseilendem Gehorsam und widerspenstigem Verhalten.

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Unterschwellige DDR-Kritik?

Und Lindner sagt auch, dass in den Bildern mehr kritisches Potenzial stecke, als auf den ersten Blick erscheinen mag, insbesondere zum Thema Umwelt. Diese entstanden häufig im Zusammenhang mit Symposien, die seit Mitte der 70er-Jahre veranstaltet wurden. Wieviel Kritik enthalten ist, will Lindner aktuell in einem Forschungsprojekt herausfinden.

Wer die Geschichte der Wismut erforschen will, muss ihre künstlerischen Aktivitäten im Blick haben, sagt Lisa Ellmers von der Arbeitsgruppe "Wismut-Erbe" der Sächsischen Akademie der Wissenschaften:

Die Kunstsammlung gibt Hinweise darauf, wie Landschaften gesehen wurden, wie Arbeit gesehen wurde, Untertage wie Übertage. Und dort haben Kunsthistoriker, Kunsthistorikerinnen genauso wie Soziologen einen Ansatzpunkt, wie weiter zu forschen und idealerweise gemeinsam zu forschen ist.

Lisa Ellmers, Arbeitsgruppe "Wismut-Erbe"

Die Bilder 'BB Veteran Adolf Nestler' (Jürgen Szajny, l) und 'Hauer Albrecht' (Alexej Sidorow) hängen in der Domhof-Galerie in Zwickau (Sachsen).
"BB Veteran Adolf Nestler" von Jürgen Szajny (links) und "Hauer Albrecht" von Alexej Sidorow. Bildrechte: dpa

Zukunft der Sammlung ungewiss

Doch die Zukunft der Wismutkunstkollektion ist ungewiss. Die wenigen öffentlichen Präsentationen, wie 2013 in Chemnitz oder 2014 in Gera stießen auf großes Interesse. Dennoch scheiterten Bestrebungen, ein eigenes Museum für die Kunstsammlung der Wismut zu schaffen oder sie dauerhaft an ein Haus in der Region anzugliedern.

Das hat auch was mit Wertschätzung zu tun. Wenn meine eigene Arbeit bildwürdig wird, und dann noch gemalt, dann ist sie nicht wertlos.

Mathias Lindner

Wertlos ist auch die Sammlung der Wismutkunst nicht. Künstlerisch mag sie umstritten sein, wobei sich solche Urteile im Laufe der Jahrzehnte ändern. Als Zeitzeugin für die Geschichte der Wismut ist sie auf jeden Fall unverzichtbar.

Mitarbeiter der Neuen Sächsischen Galerie hängen das Gemälde 'Kumpel aus Paitzdorf' von Werner Petzold in Chemnitz (Sachsen).
Was soll mit Bildern wie "Kumpel aus Paitzdorf" von Werner Petzold künftig geschehen? Bildrechte: dpa

Stichwort Wismut

Kunst der DDR

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Juli 2021 | 07:10 Uhr

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