Ausstellung und Katalog Kunstsammlungen Chemnitz zeigen kostbare frühitalienische Malerei

Eine Weltklasse-Sammlung früher italienischer Malerei besitzt das Lindenau-Museum in Altenburg, dessen Umbau in einen modernen Museumskomplex noch einige Jahre dauern wird. Jahre, in denen seine Schätze auf Reisen gehen, zum Beispiel in die Kunstsammlungen Chemnitz. Dort warten dieser Tage rund 40 Werke italienischer Renaissance-Meister auf erste Besucher nach dem Lockdown. Einen Vorgeschmack zur Schau gibt der gleichnamige Katalog "... Lorenzetti, Perugino, Botticelli ... Italienische Meister aus dem Lindenau-Museum Altenburg".

Cover Ausstellungskatalog
Bildrechte: Kunstsammlungen Chemnitz

Eine junge Dame mit kunstvollen, blonden Locken steht am Fenster. Vor lieblicher italienischer Landschaft weist sie vom Plakat den Weg in die Kunstsammlungen Chemnitz, die Teile der bedeutenden Sammlung des Altenburger Lindenau-Museums zur italienischen Malerei vom Trecento bis zur Renaissance präsentieren. Im Haus am Theaterplatz ist die schöne Unbekannte denn auch zentral gehängt, auf liturgischem Violett. Auf dass jenes Frühwerk von Botticelli die Besucher in die Ausstellung ziehe – wenn letztere dann mal geöffnet ist.

Sandro Botticellis berühmtes "Bildnis einer Dame"

Sandro Botticelli, Bildnis einer Dame, 1475 Lindenau-Museum, Altenburg
Sandro Botticelli, Bildnis einer Dame, 1475 Bildrechte: Bernd Sinterhaupt

Als das Besondere an dem Bild gilt seine Übermalung aus moralisierenden Motiven. Ein anonymer Zeitgenosse hüllte die zu selbstbewusste Renaissance-Dame in einen grünen Mantel, versah sie mit Heiligenschein, Märtyrerpalme und dem Folterrad der heiligen Katharina.

Röntgenaufnahmen zeigten, dass sie zuvor ein figurbetontes Kleid und ein Medaillon trug, erläutert Kerstin Drechsel von den Kunstsammlungen Chemnitz: "Das, was wir hier sehen, dieser weiße, feine Stoff, der hier aus dem Gewand hervorschaut, der war also ursprünglich vorhanden. Man weiß allerdings nicht genau, wer sich hinter diesem Porträt verbirgt. Ganz deutlich sieht man hier aber schon die Andeutung der Landschaft und der Stadt – man kann davon ausgehen, dass es sich dabei um Florenz handelt."

Filippo Lippi, Fra Angelico, Ghirlandaio, Sandro Botticelli sind nur einige berühmte Namen im neuen Ausstellungskatalog

"... Lorenzetti, Perugino, Botticelli ..." heißt die Ausstellung in den Kunstsammlungen Chemnitz – und so heißt auch der reich bebilderte Katalog, der mit Aufsätzen zur italienischen Malerei, zur Altenburger Sammlung und zur Kulturgeschichte im Florenz der Renaissance aufwartet. In Saarbrücken verkaufte er sich gut, wo die Schau mit großem Anklang vor Chemnitz präsentierte wurde.

Sano di Pietro, Heimkehr Mariens aus dem Tempel
Sano di Pietro, Heimkehr Mariens aus dem Tempel Bildrechte: Lindenau-Museum Altenburg

Die in Chemnitz gezeigten 40 Bilder entstammen jener Sammlung, die Bernhard August von Lindenau im frühen 19. Jahrhundert anlegte. Sie umfasst italienische Gemälde von hohem kunsthistorischen Wert, stilistische Vorboten der Renaissance, die die starren Schemen der Ikonenmalerei zugunsten einer neuen "Erzählfreude" ablösten.

Filippo Lippi, Fra Angelico, Ghirlandaio, Sandro Botticelli sind nur einige berühmte Namen, deren Werke in Katalog und Ausstellung durchaus auch als Lehrbuch der Entwicklung der italienischen Renaissance-Malerei gelesen werden können – etwa mit figurbetonter Körperlichkeit und ausgebildeter Zentralperspektive wie auf dem Bild Sano die Pietros, der "Heimkehr Mariens aus dem Tempel" von ca. 1448, vom Maler streng-mathematisch konstruiert.

Alle Linien hier im Bild laufen auf diesen imaginären Fluchtpunkt zu, der mit dieser Kuppel das Bild in genau zwei Hälften teilt, in dem natürlich sehr gut die Tiefe der Architektur angedeutet wird. Das war neu.

Kerstin Drechsel, Kunstsammlungen Chemnitz

Plötzlich tauchen reale Landschaften als Hintergründe auf

Neri di Bicci, Geburt Christi
Geburt Christi, gemalt von Neri di Bicci Bildrechte: Lindenau-Museum Altenburg

Madonnen im aufkommenden Stil der Renaissance, die mit ihrem Christuskind vertraut und gelöst umgehen, lassen sich exemplarisch mit ihren Vorgängerinnen aus der Ikonenmalerei vergleichen, die bewusst statisch und nicht irdisch erscheinen, einer göttlichen Sphäre entstammend, versinnbildlicht auch durch strahlende, goldene Hintergründe, die die Renaissance schließlich mit realen Landschaften ablöste. Das Gold verbannte man in die Bilderrahmen. So auch in jenem zu einer "Geburt Christi" von Neri di Bicci von ungefähr 1470.

Man geht hier in der Ausstellung durch die Jahrhunderte und man merkt: Diese Distanz wird aufgehoben! Die Figuren fangen an, sich zu bewegen, die Akteure äußern Emotionen, haben eine Mimik, eine Gestik –  und geben diese Distanz einfach auf.

Kerstin Drechsel, Kunstsammlungen Chemnitz

Dass jedoch auch die Werke der ikonografisch geprägten Malerei ihre Qualitäten haben, merkt man beim Betrachten, wenn man die Bildauffassung der Renaissance für einen Augenblick zu vergessen bereit ist und sich auf erstere einlässt. Dann führen die Bilder auf den Holztafeln aus Altenburg direkt in die Kontemplation.

Sandro Botticelli, Madonna mit Kind und Engeln, um 1480-90 Lindenau-Museum Altenburg
Sandro Botticelli, Madonna mit Kind und Engeln, um 1480-90 Bildrechte: Bernd Sinterhaupt

Angaben zur Ausstellung und zum Katalog Katalog "... Lorenzetti, Perugino, Botticelli ... - Italienische Meister aus dem Lindenau-Museum Altenburg"
Preis: 19,90

Die gleichnamige Schau der Kunstsammlungen Chemnitz wurde bis zum 13. Juni 2021verlängert und kann hoffentlich bald besucht werden.

Aktuelle Ausstellungen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Februar 2021 | 16:10 Uhr

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei