Ausstellung Hallescher Kunstverein zeigt Arbeiten in Schaufenstern

Der Verein "Raum für Kunst Halle" wurde vom zweiten Lockdown überrascht. Gerade hatte er seinen Open Call zur Ausstellung "I put a spelling on you" beendet, mit der junge Kunstschaffende gefördert werden sollten. Aus weltweit über 320 Bewerbungen wurden drei Künstlerinnen und Künstler ausgewählt. Ein paar kreative Tricks machen es möglich, dass die Kunst nun vor Ort gezeigt werden kann.

Fabian Reetz beim Zeichnen
Der Künstler Fabian Reetz gestaltet ein Schaufenster Bildrechte: Elisabeth Rändel/Raum für Kunst Halle e.V.

Durch zwei große Schaufenster blickt man vom Galerieraum Blech auf den Platz am Steintor in Halle. Doch seit dem 5. Dezember ist die Galerie selbst ein Blickfang. Denn in den hell erleuchteten Räumen ist Kunst zu sehen: Fotografien, Bücher, Text, aber auch eine raumgreifende vibrierende Netz-Installation aus violettem Latex und auf einem Fenster verästelt sich eine filigrane, technische Zeichnung.

Fabian Reetz - Schaufenster
Zeichnung von Fabian Reetz Bildrechte: Elisabeth Rändel/Raum für Kunst Halle e.V.

So war das ursprünglich nicht geplant, denn die Galerie hatte lange die Hoffnung, dass zumindest vereinzelt Besucher erlaubt wären. "Deswegen setzen wir jetzt darauf, die Arbeiten über das Schaufenster zugänglich zu machen. Da die Arbeiten so nicht konzipiert waren, stellt uns das vor neue Herausforderungen", sagt Elisabeth Rändel - eine der drei Kuratorinnen.

320 Bewerbungen aus aller Welt

Dabei war schon von Anfang an nichts normal an dem Verfahren für ihre neue Ausstellung. Der 2019 gegründete Verein "Raum für Kunst Halle" hatte wegen der pandemiebedingten Einschränkungen noch ungefähr 4.500 Euro an Fördermitteln von Stadt und Land offen, um eine Ausstellung zu organisieren. Also initiierten die drei jungen Kuratoren Christoph Liedtke, Emma Louise Meyer und Elisabeth Rändel im Frühjahr einen Open Call.

Hayato Mizutani - Schaufenster
Kunstprojekt von Hayato Mizutani Bildrechte: Elisabeth Rändel/Raum für Kunst Halle e.V.

Bis Ende September erhielt das Kuratorentrio über 320 Bewerbungen aus Deutschland und Europa, aber auch aus Costa Rica, Israel und Ägypten. Die ausgedruckte Namensliste ist insgesamt 28 Seiten lang. "So viele Ausschreibungen gibt es in diesem Jahr nicht. Aber auch das Thema 'Literatur, Sprache, Kunst' hat viele Leute aus ganz verschiedenen Bereichen angesprochen, weil es so ein großes Feld aufmacht", erklärt sich Elisabeth Rändel das rege Interesse. 

Nun trägt die Ausstellung den vieldeutigen Titel "I put a spelling on you" – ein abgewandeltes Wortspiel aus dem Englischen: Spell kann sowohl Zauberspruch als auch Buchstabieren heißen. Nach einem sehr komplexen Auswahlverfahren mit Top-20-Listen und vielen Diskussionen fiel die Wahl auf drei komplett unterschiedliche künstlerische Umsetzungen des Themas. Einzige Gemeinsamkeit sei eine sehr persönliche Herangehensweise, sagt Kuratorin Elisabeth Rändel.

Komplexe Schaufenster-Konstruktionen

Fabian Reetz - Schaltpult
Technische Konstruktion für das Werk von Fabian Reetz Bildrechte: Elisabeth Rändel/Raum für Kunst Halle e.V.

"Es gibt Objekte, die werden aufgeblasen, es gibt Objekte, die bewegen sich durch Spannungsveränderungen, machen Geräusche und werden dadurch wieder zu etwas ganz eigenem", erklärt Fabian Reetz. Der 23-Jährige studiert Freie Kunst an der Bauhaus-Universität Weimar. Die über zwei Meter hohe, raumgreifende Netz-Installation aus violettem Latex stammt von ihm. Mit Luftschläuchen und einem technischen Pult verbunden vibriert sie in unterschiedlichen Rhythmen.

Diese basieren laut Reetz auf Sprache: Notizen, Sätze oder Tagebucheinträge, die dann mittels mathematischer Formeln in Impulse für die Luftstöße verwandelt werden. Wie ein Schaltplan sieht deshalb die filigrane Zeichnung aus, die Fabian Reetz per schwarzem Acrylic-Marker auf die große Fensterscheibe des Galerieraums gezeichnet hat. Es ist das erste Mal, dass er eine seiner Zeichnungen ausstellt, sagt er.

Kuratorisch komplett Umdenken musste auch Hayato Mizutani. Der 35-jährige japanische Künstler lebt in München. In seiner Kunst arbeitet er vor allem mit Systemen. In der Ausstellung in Halle präsentiert er zwölf grau gebundene Buchbände. Ein Tagebuch mit der Idee, täglich ein neu gelerntes oder recherchiertes Wort mit einem Satz dazu aufzuschreiben.

Hayato Mizutani - QR
Zugang zur Arbeit von Hayato Mizutani Bildrechte: Elisabeth Rändel/Raum für Kunst Halle e.V.

Was für Deutsche oft poetisch wirkt, ist für den Japaner eher Sprache als System und Kunst. Wegen der Pandemieauflagen hat er die Präsentation seiner Kunst komplett angepasst: "Einige Texte sind auf Klebefolie ausgedruckt, somit kann man auch von draußen einige Texte lesen. Und ich habe auch den gesamten Text online vorbereitet, deswegen kann man auch alle Texte online lesen", erklärt Mizutani. Möglich wird das durch einen einfachen QR-Code an der Fensterscheibe.

Wertschätzung und Sichtbarkeit

Auf dem breiten weißen Fensterbrett daneben liegt das Künstlerinbuch von Jenny Schäfer aus, an der Wand dahinter hängen vier ihrer Foto-Text-Bilder. Die 35-jährige Hamburgerin arbeitet oft mit dem Verhältnis von Wort und Bild und den Leerräumen dazwischen. Dabei spielt sie mit Alltagsphänomenen und Gegenständen, wie einer Südseemuschel mit grellem Neon-Glibber darin.

Jenny Schäfer - Maracuja Breakdown II
"Maracuja Breakdown II" von Jenny Schäfer Bildrechte: Elisabeth Rändel/Raum für Kunst Halle e.V.

Für die Ausstellung erhalten alle drei Künstler ein Honorar von 1.000 Euro - das sei nicht selbstverständlich. "Ich habe ein Kind, ich habe einen Job. Ich verdiene mit der Kunst relativ wenig Geld. Das hilft mir meine Arbeit wertzuschätzen und auch als Arbeit zu sehen und nicht nur irgendwas, was ich nicht nur nebenbei schaffen muss. Und das ist schon eine tolle Wertschätzung", sagt Jenny Schäfer. Noch etwas anderes ist für die drei Kunstschaffenden wichtig: Sie können ihre Arbeiten ausstellen – mitten im Kulturlockdown.

Weitere Informationen Die Ausstellung "I put a spelling on you" ist bis zum 27. Dezember bei der Galerie Blech zu sehen.
Begleitende Angebote gibt es im Internet.

Am Steintor 19
06112 Halle Saale

Kunst in Sachsen-Anhalt

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Dezember 2020 | 06:15 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei