Ausstellung zum 100. Geburtstag Kurt Streubel: späte Ehrung des zu Unrecht vergessenen Gothaer Künstlers

Der Maler Kurt Streubel verwirklichte sich künstlerisch eigenständig – auch gegen die DDR-Richtlinien. Dafür wurde ihm damals viel Ehre und Aufmerksamkeit verwehrt. Jetzt kann man sein Schaffen in Gotha neu entdecken. Anlässlich seines 100. Geburtstages zeigt das KunstForum Gotha die umfassende Schau "Entdeckungsreise ins Unbekannte".

Die Fotos dürfen mit Bezug zur Ausstellung kostenfrei verwendet werden.
Die Ausstellung in Gotha erstreckt sich über zwei Etagen Bildrechte: KulTourStadt Gotha GmbH/Maja Neumann

Der Künstler Kurt Streubel war ein Fan der abstrakten Malerei – und damit ein Problem für jene Auftraggeber, die ab den 50er-Jahren in der DDR den sozialistischen Realismus in Malerei und Grafik wünschten. Denn genau das lag ihm fern. Jetzt erinnert man mit einer großen Einzelausstellung an diesen vergessenen Künstler der Stadt Gotha, der am 14. Mai seinen 100.Geburtstag gefeiert hätte.

Doch die Ausstellungstüren zum Kunstforum der Stadt Gotha sind für Gäste momentan noch verschlossen – die Schau wartet auf die Corona-Freigabe. Auf zwei Etagen lenkt sie dann den Blick in das Leben eines Mannes, den heute kaum jemand kennt.

Weithin unbekannter Künstler

Kurt W. Streubel, Ausstellung, Gotha
Kurt W. Streubel: Selbstbildnis, 1951 Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Selbst der jungen Kuratorin Andrea Karle ging es so, sie bekennt "Ich kannte Kurt Streubel selbst auch nicht. Als Kunstgeschichte-Studentin in Jena hat man keine Berührungspunkte mit dieser Zeit, mit dieser Kunst. Aber was mich dann irgendwie fasziniert hat, ist diese Beharrlichkeit, die diese Bilder für mich ausstrahlen. Das heißt, Kurt Streubel fängt kurz nach dem Krieg an zu malen und wird immer wieder daran gehindert, es zu tun – und macht's trotzdem."

Stringent und eigenwillig ist Streubels Kunst, ihn interessieren die klaren Linien und die erdigen Töne. Meistens zumindest. Seine Mutter malt er – vom Leben der Flucht aus Böhmen gezeichnet – in kontrastreichem rot, gelb und blau. Die Kuratorin setzt Alltagszeichnungen aus den späten 40er-Jahren daneben und beschreibt "Das sind Figuren, die gezeichnet sind von ihrer Zeit. Der Eremit – eine einsame Figur auf einem kleinformatigen Blatt."

Einer, der aneckte

Wer war dieser Mensch, der mit vollständigem Namen Kurt Joseph Maria Waldfried Streubel hieß und im tschechischen Starkstadt 1921 geboren wurde? Vermutlich war er kein einfacher Mensch, sondern einer, der immer aneckte und sich selbst doch treu blieb.

Schon zu seinem 60.Geburtstag gab es einen Künstlerkatalog – den die Regierenden damals jedoch gleich wieder konfiszierten. Streubel wird als eigenwillig, trotzig und auch stur beschrieben. Einer, der sich nur ungern anpassen wollte:

Streubel war Agitationsmaler, arbeitet auch figürlich sozialistisch-realistisch – auch um Geld zu verdienen – er bleibt aber immer abstrakt.

Andrea Karle, Kuratorin der Streubel-Ausstellung in Gotha

Karle hat sich in Streubels Kunst eingegraben, Zeitzeugen gesucht, sogar seine beiden Töchter gefunden und gesprochen. Die Familie habe ihre Schatzkammer geöffnet, sagt sie, und heute sind – in dieser Dimension – Streubels Bilder erstmals so zu sehen. Viele seiner Bilder erinnern an Georg Muche, manche auch ein wenig an Kandisky: grafische Elemente, geometrische Figuren. Erst in den 70er-Jahren malt er pastelliger und mit blassen Farben.

Kurt W. Streubel, Ausstellung, Gotha
Kurt W. Streubel: Verdrängte Form, 1975 Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Heimat durch Nachkriegswirren gefunden

Kurt W. Streubel, Ausstellung, Gotha
Kurt W. Streubel: Rot grün Blau, 1947 Bildrechte: VG Bild-Kunst, Bonn 2021

Eigentlich kam Streubel nur per Zufall nach Gotha, denn die Familie flüchtete 1945 aus Böhmen, der Vater überlebt die Strapazen nicht. Und Streubel dient im Krieg. Zuerst kommt seine Mutter nach Gotha, wo er sie nach dem Ende seiner Kriegsgefangenschaft über das Deutsche Rote Kreuz findet, erläutert Karle.

Auch Streubel beschließt damals, in Gotha zu leben, pendelt zwar nach Düsseldorf und Krefeld, arbeitet mit Georg Muche – und kehrt doch wieder nach Thüringen zurück. Zuvor hatte er in Weimar an der Hochschule für Kunst studiert und im Sinne des Bauhauses und der Europäischen Moderne seinen Stil entwickelt.

Was sagt er uns heute, dieser Mann, dessen Kunst zu Lebzeiten doch von manchen als "Irrweg" gescholten wurde und der sich im Großen und Ganzen dem sozialistischen Realismus verweigerte?

Es ist wahrscheinlich gar nicht so, dass er super-innovativ war, aber er hat halt gemacht – der war nach außen wie nach innen.

Andrea Karle über Streubel

Karle zufolge hat Streubel auch gebrauchsgrafische Arbeiten für Institutionen wie das Sinfonieorchester in Suhl gemacht – aber auch dort ist er angeeckt, wurden Grafiken nicht bewilligt, nicht gedruckt.

Er war sich treu. Das war keiner, der nach außen so getan hat, als sei das System in Ordnung. Und dann ist er in sein Atelier am Gothaer Hauptmarkt gegangen und hat da abstrakt gearbeitet. Er war auch nach außen abstrakt.

Andrea Karle

Viele Museen in Thüringen, darunter Mühlhausen und auch Weimar, haben Werke von ihm. Jetzt ist im Kunstforum Gotha auf 400 qm erstmals diese große Schau zu sehen. Es ist der Blick auf einen Unbequemen, dessen Kunst sich nicht sofort erschließt – doch ein wertvolles Zeitzeugnis ist, sagt die Kuratorin Andrea Karle, und betont: "Das Potenzial ist groß, zu groß, um jetzt wieder in den Depots zu verschwinden."

Die Ausstellung "Entdeckungsreise ins Unbekannte. Kurt W. Streubel zum 100."

6. Mai 2021 bis 26. September 2021
im KunstForum Gotha

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10-17 Uhr, Montag geschlossen

Aufgrund der aktuellen Thüringer Corona-Verordnung bleibt das KunstForum Gotha bis auf Weiteres geschlossen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Mai 2021 | 18:10 Uhr

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