Mehr als Himmelsscheibe Halle: Was die neue Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte bietet

Berühmt ist das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle wegen der Himmelsscheibe von Nebra. Nun freut sich Landesarchäologe Harald Meller, endlich weitere potenzielle Kult-Objekte präsentieren zu können. Am 5. November eröffnet die überarbeitete Dauerausstellung, die um 1.200 Funde vom Mittelalter bis zur Neuzeit ergänzt wurde. 3,7 Millionen Euro flossen in Umbau und Erweiterung.

Der Spangenhelm von Stößen, 1. Hälfte 6. Jh n. Chr. 4 min
Bildrechte: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Foto: Juraj Lipták

Ein vergoldeter Helm, ein magischer Ring oder Teile aus dem Hausstand Martin Luthers: Rund 1.200 Funde vom Mittelalter bis zur Neuzeit sind jetzt neu im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle zu sehen. Mit der Erweiterung um vier Räume und 400 Quadratmeter ist die Dauerausstellung nun komplett, wie Landesarchäologe Harald Meller am Donnerstag erklärte.

Vom Königreich der Thüringer in der Völkerwanderungszeit über mittelalterliche und frühneuzeitliche Glaubenswelten bis zum Beginn des modernen Denkens im 16. Jahrhundert schlagen wir in den kompletten Dauerausstellung nun den Bogen.

Harald Meller, Landesarchäologe

Kultur

Weißer Saal mit Kronleuchtern - so sieht der Spiegelsaal in Schloss Köthen aus
Im Spiegelsaal von Schloss Köthen Sie die Geschichte Sachsen-Anhalts entdecken, genauso wie beispielsweise im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Halle an der Saale. Bildrechte: Michael Moser

Haseloff: Touristischer Leuchtturm noch attraktiver

Ab Freitag öffnet die gesamte Dauerausstellung fürs Publikum. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident würdigte das Landesmuseum vorab als "Filetstück mit Funden von besonderer Qualität und großer Bedeutung für das Welterbe, die es zu bewahren gilt". Mit der jüngsten Modernisierung sei das Haus als touristischer Leuchtturm in Sachsen-Anhalt "noch attraktiver".

Der Leiter der Öffentlichkeitsarbeit, Alfred Reichenberger, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und Landesarchäologe Harald Meller vor dem Reiterstein im Raum "Kulturenstreit" der neuen Dauerausstellung; Foto Andrea HörentrupReiner Haseloff neben zwei Männern
Ministerpräsident Haseloff (M.) mit Harald Meller (r.) und Alfred Reichenberger in der neuen Schau Bildrechte: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Foto: Andrea Hörentrup

Neu zu bestaunen: Goldhelm, Zauberring, Alchemistenwerkstatt

Der Spangenhelm von Stößen, 1. Hälfte 6. Jh n. Chr.
Spangenhelm von Stößen, 1. Hälfte 6. Jh n. Chr. Bildrechte: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Foto: Juraj Lipták

Erstmals präsentiert wird Meller zufolge beispielsweise ein vergoldeter Spangenhelm aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts. Gefunden wurde er im Grab eines Mannes, der mit einem goldbestickten Gewand bekleidet und bewaffnet in einer hölzernen Grabkammer bei Stößen im Burgenlandkreis bestattet wurde.

Ausgestellt wird ebenso der Zauberring von Paußnitz in Sachsen von 1150. Der etwa 5,1 Gramm schwere Silberring habe mit großer Wahrscheinlichkeit einem Kreuzfahrer gehört, so Meller. Die Inschrift "NAINE MI XPS" bedeute so viel wie "Verneine mich Christus", erst 2004 sei sie entziffert worden, interpretieren lasse sie sich als Ausdruck inniger religiöser Hingabe zur Erlangung des Seelenheils.

Weltbilder: Magie, Religion, Anfänge der Wissenschaft

Über dem Eingang des Landesmuseums für Vorgeschichte weist ein großes Banner auf eine Ausstellung zur Himmelsscheibe von Nebra hin.
400.000 Jahre Menschheitsgeschichte sind im halleschen Landemuseum zu besichtigen. Bildrechte: MDR/Michael Rosebrock

Der Bogen spannt sich im Landesmuseum nun bis hin zur Herausbildung der heutigen Naturwissenschaften in der Neuzeit. Zu sehen ist beispielsweise das Inventar einer frühneuzeitlichen Alchemistenwerkstatt aus dem 16. Jahrhundert, entdeckt in Wittenberg:

"Wir wollen zeigen, wie die Menschen sich aus religiösen Fesseln befreit und nun selber die Natur erforscht haben, ohne irgendwelche Vorgaben", erklärt Kurator Arnold Muhl im Gespräch mit MDR KULTUR. Dazu war die Restaurierungswerkstatt zwei Jahre lang auch damit beschäftigt, einen Scherbenhaufen aus Gläsern, Retorten und sogenannten Destinationsapparaten wieder zusammenzufügen. Laboriert wurde dort einst auch an einem Mittel zur Heilung der Syphilis.

Ausstellungsimpression: Inventar eines Alchemistenlabors des Wittenberger Franziskanerklosters im Abschnitt "Verstandessieg"
Inventar eines Alchemistenlabors des Wittenberger Franziskanerklosters im Raum "Verstandessieg" Bildrechte: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Foto: Andrea Hörentrup

Die gerade komplettierte Dauerausstellung sieht Meller weiter wachsen. Funde, etwa aus Grabungen der Königspfalz Helfta und der Kreisgrabenanlage Pömmelte könnten künftig teilweise integriert werden. Bereits zu sehen seien "die exzellenten mittelalterlichen Skulpturen vom Magdeburger Gouvernementsberg oder Schwert und Siegel des sächsischen Kurfürsten Rudolf II. von Wettin aus dem ehemaligen Franziskanerkloster in Wittenberg".

Aquamanile in Pferdeform: Prunkstück beim Spaziergang entdeckt

Das pferdegestaltige Aquamanile von Großdemsin, 2. Hälfte 12./1.Hälfte 13. Jh n. Chr.
Ein pferdegestaltiges Gefäß zur Handwaschung Bildrechte: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt/ Foto: Juraj Liptak

An den Vitrinen geschraubt wurde bis zum letzten Moment, wie Pressesprecher Alfred Reichenberger im Gespräch mit MDR KULTUR erklärte. Im letzten Moment sei ein sogenanntes Aquamanile, ein Gefäß zum Händewaschen in Pferdeform aus dem 12. oder 13. Jahrhundert ergänzt worden: "Weltweit gibt es gerade mal rund 400 solcher Stücke in Museen. Und dieses hier hat ein aufmerksamer Bürger beim Spazierengehen zufällig entdeckt und es gleich zu uns gebracht. Das ist jetzt eines der Prunkstücke unserer Dauerausstellung."

Ausstellunsgimpression: Reiterstein von Hornhausen und weitere merowinger-zeitliche Bildsteine im Zentrum des Raumes "Kulturenstreik"
Blick in die Schau und den Reiterstein von Hornhausen Bildrechte: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt / Foto: Andrea Hörentrup

Das berühmteste Objekt bleibt vorerst die Himmelsscheibe von Nebra, die derzeit in einer Sonderausstellung zu sehen ist, bevor sie im Februar nach London geht. Das soll sie noch bekannter machen. Ein kleiner Coup ist dem Team um den Landesarchäologen Harald Meller außerdem gelungen, eine Kopie der Himmelsscheibe wird sich in den kommenden Tagen auf dem Weg zur ISS machen: "Selbstverständlich mit unseren Fingerabdrücken darauf", so Reichenberger.

Millionenschweres Projekt: Daten, Fakten, Kosten

In die bauliche Sanierung, in Konzeption und Aufbau der neuen Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle flossen Meller zufolge seit 2019 rund 3,7 Millionen Euro.

Der größte Teil von rund drei Millionen Euro kam aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Die komplette Dauerpräsentation bietet auf 2.300 Quadratmetern rund 8.000 Funde.

Am Beginn steht eine Nachbildung eines rund 400.000 Jahre alten steinzeitlichen Lagerplatzes mit Schädelknochen und Gerätschaften des "Homo erectus von Bilzingsleben" aus Thüringen.

Höhepunkt der Präsentation ist die über 3.600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra, der gerade eine Sonderausstellung gewidmet ist.

Angaben zum Museum Landesmuseum für Vorgeschichte
Richard-Wagner-Straße 9
06114 Halle

Sonderausstellung:
"Die Welt der Himmelsscheibe von Nebra – Neue Horizonte"

Landesausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle
Bis 9. Januar 2022

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 9 bis 17 Uhr
Samstag, Sonntag und Feiertage: 10 bis 18 Uhr
Montag: nur nach Voranmeldung (Gruppen, Führungen)

Es gilt Maskenpflicht sowie die Einhaltung von Sicherheitsabständen. Ein Anwesenheitsnachweis muss ausgefüllt werden.

Mehr über das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle und die Himmelscheibe

Museumsschätze in Sachsen, Sachsen-Anhalt uns Thüringen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. November 2021 | 17:10 Uhr

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