Ausstellung im Museum der bildenden Künste Andreas Gursky beeindruckt mit ikonischen Fotografien in Leipzig

Lange hat Leipzig coronabedingt auf diese Schau gewartet: Andreas Gursky, einer der berühmtesten Fotografen der Welt, präsentiert zum ersten Mal eine Einzelausstellung in seiner Geburtsstadt. Mit seinen großformatigen Foto-Collagen hinterfragt er unsere Gegenwart von Konsumverhalten bis Finanzsystem. Die gigantische Ausstellung im Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK) zeigt sowohl seine bekanntesten Werke als auch neue Arbeiten.

Andreas Gursky "Kreuzfahrt" 5 min
Bildrechte: Andreas Gursky/VG Bild-Kunst, Bonn 2020, Courtesy: Sprüth Magers

"Kreuzfahrt, 2020" heißt eines der neuen Monumental-Bilder von Andreas Gursky im Leipziger Museum der bildenden Künste (MdbK). Es ruft in Erinnerung, wie verheerend Corona das Geschäft mit den Ozeanriesen verdorben hat, die für Konsum und Umweltschäden stehen. Als Gursky – weltberühmter Kunstfotograf – mit der Arbeit begann, konnte niemand ahnen, dass der gigantische Stahlkoloss ein Symbol für die Angst und Verwirrung in der Corona-Krise werden könnte. Bereits 2017 lichtete er auf einer Werft an der Ems tagelang den Rohbau des Kreuzfahrtriesen ab: ein werdendes Schiff, das es in nächster Zeit schwer haben wird, auszulaufen. "Kreuzfahrt, 2020" ist ein typischer Andreas Gursky.

Jeannette Stoschek, stellvertretende Direktorin des Leipziger Bildermuseums, fühlt sich an sein bahnbrechendes Werk "Paris, Montparnasse" erinnert, das 1993 eines der größten Sozialwohnungsprojekte Frankreichs porträtierte – als gitterhaften Mikrokosmos. Auch "Paris, Montparnasse" hängt in der großen Gursky-Retrospektive. Man könne in jedes Zimmer hineingucken, Staffeleien erkennen, Menschen bei der Arbeit sehen, beschreibt Jeannette Stoschek das Bild: "Aber das Wunderbare ist: Wir sehen die Architektur neu, wir sehen auch die Menschen neu und wir erfahren auch eine Blickweise, die sich dann bei Gursky noch viel weiter entwickelt – von unterschiedlichen Standorten, Zeitebenen ein Werk zusammenzubauen."

Foto in einer Ausstellung, 2018
Die Foto-Collage "Paris, Montparnasse" von Andreas Gursky Bildrechte: IMAGO / ZUMA Press

Gigantisches Ausstellungsprojekt

1.500 Quadratmeter bespielt die neue Gursky-Schau im oberen Ausstellungsgeschoss – ein gigantisches Projekt, das noch Leipzigs geschiedener Museumsdirektor Alfred Weidinger angebahnt hatte. Andreas Gursky bekam freie Hand in der Gestaltung und ist dementsprechend begeistert: "Wir haben insgesamt 15 Räume hier und ich wollte, dass jeder Raum einen ganz eigenen Charakter bekommt – das ist hier ganz gut geglückt. Es gibt hier keinerlei Hierarchien, Chronologie sowieso schon nicht."

Andreas Gursky: Politik II
Das Werk "Politik II" ist eines von Andreas Gurskys neuesten Arbeiten. Bildrechte: Andreas Gursky, VG BILD-KUNST, Bonn

Auch kleinformatige Arbeiten, die deutlich machen wie der Künstler zwischen Fotografie und Malerei agiert, sind unter den 60 Werken zu sehen. Dazu weitere neue Bilder: ein Exkurs in die Apple-Zentrale, ein Norman-Forster-Bau aus Licht sowie ein Ausflug in die deutsche Politik. Natürlich zeigt die Schau auch Gurskys Hauptwerke: "99 Cent", "Amazon", "Beelitz", das die Spargelfelder in der Draufsicht zur Struktur werden lässt, oder auch Gurskys berühmten Einblick in die Frankfurter Börse.

Retrospektive von Andreas Gursky in der Hayward Gallery in London, 2018, Eine Frau steht vor dem Bild "99 Cent"
Das Werk "99 Cent" gehört zu Andreas Gurskys berühmtesten Bildern. Bildrechte: imago/DeFodi

Erste Einzelausstellung in der Geburtsstadt Leipzig

Das ist natürlich eine sehr emotionale Geschichte, jetzt hier in Leipzig das erste Mal auszustellen.

Andreas Gursky, Fotograf

Der Grund für die Ausstellung liegt darin, dass Gursky – im Rheinland in Düsseldorf verwurzelter Fotograf – 1955 in Leipzig geboren wurde. Seine Eltern flohen in den Westen, bis 1955 betrieb sein Vater Willy ein Fotoatelier am Dittrichring in Leipzig. Diesen relativ unbekannten Aspekt in Andreas Gurskys Vita arbeitet die Leipziger Schau natürlich auf, in Vitrinen. Der Fotograf ist ergriffen: "Das ist natürlich eine sehr emotionale Geschichte, jetzt hier in Leipzig das erste Mal auszustellen."

Andreas Gursky betont gern, dass er von seinem Vater Willy die Arbeit mit dem Licht gelernt hat. Seine farbigen Fotocollagen sehen indessen immer nach so etwas wie objektiver Wahrheit aus, sind aber eine digitale Komposition aus vielen Einzelaufnahmen. Wochenlang sitzt Andreas Gursky, um jedes Detail einer Revision zu unterziehen, um Fotos in das werdende Werk "hineinzuschießen", wie er das nennt. Die vielen Bilder verschmelzen am Ende zu einem einzigen Kunstwerk. Gurskys detailreiche Großformate bürdet dem menschlichen Auge gern zu viel auf. Und so bemüht sich unser Blick, etwas zu erfassen, das auch im Leben unüberschaubar ist. Stefan Weppelmann, neuer Direktor des Museums der bildenden Künste, erklärt: "So ist ja auch unsere Wahrnehmung. Wir konstruieren das, was wir sehen. Und das zeigt uns Andreas Gursky auf ganz eindrückliche Art und Weise."

Andreas Gursky ist ein großartiger Erzähler und Farbkompositeur.

Stefan Weppelmann, Direktor des Museums der bildenden Künste

Es ist Andreas Gurskys erste Soloschau in einem ostdeutschen Museum; das Leipziger Bildermuseum agiert mit Furor. Über das Scharnier seiner Leipziger Geburt untersucht die Ausstellung, verhalten natürlich, auch eine mentale Verwandtschaft des eingefleischten Düsseldorfers zur hiesigen Leipziger Kunstschule. Nun, eine gewisse Vorliebe für Metaphern und Metaphysik ist beiden zu Eigen.

Der Fotograf Andreas Gursky sitzt vor seinen Werken l-r Bauhaus 2020, Ohne Titel III 1996 und Rhein III 2018 im Museum der bildenden Künste MdbK in Leipzig.
Der Fotograf Andreas Gursky sitzt vor seinen Werken l-r Bauhaus 2020, Ohne Titel III 1996 und Rhein III 2018 im Museum der bildenden Künste MdbK in Leipzig. Bildrechte: imago images/Peter Endig

Mehr Informationen Ausstellung: "Andreas Gursky"
vom 25. März bis 22. August 2021 (bzw. bis aufgrund steigender Infektionszahlen das Museum wieder geschlossen werden muss)

Museum der bildenden Künste
Katharinenstraße 10
04109 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag, Donnerstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr
Mittwoch: 12 bis 20 Uhr

Zusätzliche Sonderöffnungszeiten für die Ausstellung:
25. bis 28. März und 30. März 2021: 18 bis 20:30 Uhr
29. März 2021: 10 bis 20:30 Uhr

Derzeit ist der Besuch des MdbK nur mit Voranmeldung möglich. Die Zeitfenster-Reservierungen sind unter www.mdbk.de/zeitfensterbuchung oder über die Telefonnummer 0341 216 999 54 möglich.

Bitte bringen Sie bei Ihrem Besuch Ihr Zeitfenster-Ticket und einen medizinischen Mund-Nasenschutz mit.

Mehr aus Leipzigs Kulturszene

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25. März 2021 | 07:10 Uhr