Halle 9 Architektur-Ausstellung in Leipzig zeigt beeindruckende Bauten von Ludwig Leo

Der Architekt Ludwig Leo (1924–2012) hat spektakuläre Bauwerke der Nachkriegsmoderne geschaffen. Eine Ausstellung in der Halle 9 auf dem Gelände der Kirow-Werke in Leipzig-Plagwitz zeigt Zeichnungen und beeindruckende Fotos seiner Arbeiten, die teils an Pop-Art erinnern. In einer weiteren Ausstellung sind experimentelle Fotogramme der irischen Künstlerin Roseanne Lynch zu sehen.

Will man in Leipzig interessante Kunst erleben, ist das Kirow-Werk in Plagwitz eine gute Adresse. Als Landmarke für die Besucher dient die weiße Niemeyer-Kugel, die man hier einer der alten Produktionshallen aufgesetzt hat. Der Inhaber des Geländes, Ludwig Koehne, der hier als Weltmarktführer Eisenbahndrehkräne produziert, hat aber nicht nur ein Faible für innovative Architektur, sondern auch für Kunst.

Betritt man die Produktionshalle mit der Nummer 9, befindet man sich in einer Art Zwischenreich. Hoch an der Decke läuft ein noch funktionierender Portalkran unter verdreckten Glasscheiben. Zur Rechten des Besuchers findet sich ein Regal mit gelben Arbeitsschutzhelmen. Keine Deko, denn der zentrale weiße Kubus mitten in der Halle dient bei Stoßzeiten in der Produktion als, zugegeben, sehr elegante Umkleide, in deren Untergeschoss die Belegschaft auch duschen kann.

Roseanne Lynch fotografiert ohne Kamera

Momentan zeigt hier die irische Künstlerin Roseanne Lynch eine Serie mit Fotogrammen. Das sind schwarz-weiße Abbildungen von realen Gegenständen, die sie aber auf geheimnisvolle Weise so komponiert, dass man eher glaubt, Grafiken vor sich an der Wand zu haben. Diese Werke, die den Betrachter zum Entschlüsseln einladen, könnte man als Fotos bezeichnen, die ohne Kamera entstanden sind, durch die direkte Belichtung der Objekte auf lichtempfindliches Fotopapier.

Eine Technik, die schon László Moholy-Nagy am historischen Bauhaus nutzte. Roseanne Lynch hat sie für sich entdeckt und präsentiert sie nun hier in der zum White Cube umgewidmeten Umkleide.

Ludwig Leo stand für "Architektur als Experiment"

Ein Ort, der auch den Architekten Ludwig Leo begeistert hätte. Dem 2012 verstorbenen (West)-Berliner Baumeister der Nachkriegsmoderne ist der zweite Teil der aktuellen Ausstellung gewidmet. Der Besucher erfährt etwas von dessen Bemühungen um die optimale und auch duale Nutzung von Räumen.

So hat Leo in den 1960er-Jahren die elfstöckige, in der Kubatur an eine Skisprungschanze erinnernde Zentrale der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft gebaut. In der sich neben den normalen Büroräumen solche befanden, in denen im Winter die Rettungsboote eingelagert wurden. Waren die im Sommer draußen, konnten die Räume als Aufenthalts-, Büro- und Schlafräume genutzt werden.

Technik trifft Pop-Art

Der optische Höhepunkt von Leos Schaffen ist zugleich der der Ausstellung: der sogenannte Umlauftank im Berliner Tiergarten. Eine riesige Testanlage für Strömungsversuche mit Schiffsmodellen. Durch einen kubischen Industriebau im klassischen Blaumann-Blau schlängelt sich eine riesige Rohrkonstruktion in Pink. Das 1975 eingeweihte Gebäude wurde 2017 aufwändig saniert und erhebt sich am Landwehrkanal als Ikone der Moderne aus dem umgebenden Grün des Tiergartens.

Technizistischer Bombast, der in seiner Formensprache von der Pop-Art gestreichelt worden zu sein scheint. Präsentiert werden beeindruckende Fotos und viele originale Architekturzeichnungen auch anderer Bauten auf einer Ebene über dem White-Cube. Zum großen Teil auf konventionelle Art, will heißen an die Wand gepinnt.

Architektur als Kino

Doch dann gibt es auch noch ein Kino in der Halle 9. Und hier treiben die Kuratoren der Ausstellung ein animiert-bewegtes Spiel mit den alten Plänen, Zeichnungen und Fotos von Ludwig Leo, an dem der Architekt bestimmt seine Freude gehabt hätte. Verlässt man nach dieser Begegnung der besonderen Art die Halle 9 im Kirow-Werk und blickt direkt auf die Niemeyer-Kugel gegenüber, denkt man unwillkürlich: das passt.

Angaben zu den Ausstellungen "Roseanne Lynch. Grammar"

"Architektur als Experiment. Ludwig Leo"

Dauer jeweils:
25.06. bis 16.10.2021

Techne Sphere Leipzig, Weißer Kubus bzw. Halle 9
Niemeyerstraße 2-5, 04179 Leipzig

geöffnet jeweils freitags und samstags, 15 bis 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juli 2021 | 06:15 Uhr

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