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Blick in die Ausstellung "Win/Win" 2022 in der Halle 14 auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei Bildrechte: HALLE 14/Büro für Fotografie

Halle 14Leipziger Ausstellung "Win/Win" zeigt spannende sächsische Gegenwartskunst

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Stand: 30. Juni 2022, 16:06 Uhr

Malerei, Installationen, Videokunst: Jahr für Jahr kauft die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen zeitgenössische Kunst an, um regionale Künstler*innen zu fördern. Wie schon in den Vorjahren zeigt die Halle 14 auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei auch die Ankäufe des Jahrgangs 2022. Darunter sind hauptsächlich Werke von Nachwuchskünstlern – Malerei, Grafik, Installationen oder Videokunst.

Ein Kiewer Chor singt 2019 ein Lied. Ein neu komponiertes, mit einem Text, der auf ukrainischen und russischen Schimpfwörtern basiert. Der Ton ist sakral, die Sänger professionell, die Schimpfworte originell und ziemlich unter der Gürtellinie, wenn etwa die deutsche Übersetzung im Untertitel des Films für "Fotzerich" stimmt.

Die Spannung, die daraus entsteht – aus den ernsten Gesichtern der singenden Bildungsbürger und dem, was sie singen – nutzt die in Litauen geborene, jetzt in Sachsen lebende Künstlerin Andrėja Šaltytė, um auf den Krieg der Sprachen hinzuweisen, der schon viele Jahre in der Ukraine tobt: zwischen Russisch, der alten Amtssprache, und dem lange verdrängten Ukrainisch, der neuen Amtssprache. Nicht nur Michael Arzt, Leiter der Halle 14, die nun schon zum 12. Mal die Kunstankäufe des Freistaates Sachsen präsentiert, freut sich über diese heitere Annäherung an ein ernstes Thema.

Die Installation mit dem Titel "was guckst du" von Layla Nabi ist in der Ausstellung "Win/Win" 2022 in der Leipziger Halle 14 zu sehen. Bildrechte: Layla Nabi

Videokunst zeigt Schimpfworte als Katalysator

Sänger und Sängerinnen, von denen wir Kultur gewöhnt sind, präsentieren uns hier eine sehr spezielle Kultur, die der Schimpfworte, von der man auf den Bühnen und Konzerthäusern Europas weniger hört. Und sie bekommen eben auch Anweisung, dass sie die Schimpfworte nicht zu künstlerisch singen sollen, sondern einfach mal so laut wie man eben ein Schimpfwort ausspricht.

Segmente aus Beton von dem Künstlerduo Philipp Putzer & Mischa Sanders aus Dresden Bildrechte: HALLE 14/Büro für Fotografie

Etwas über 150.000 Euro nimmt der Freistaat Sachsen dieses Jahr in die Hand, um Werke von 30 Künstlerinnen und Künstlern auszustellen, Werke, die er für ebenjene Summe angekauft hat. Danach sollen sie nicht etwa im Depot lagern, sondern die Institutionen des Freistaates bereichern. So betonte Sachsens Kulturministerin Barbara Klepsch bei der Vernissage, auch sie denke, angesichts der erworbenen Werke, über einen Kunst-Wechsel in ihrem Amtszimmer nach. Welches Werk sie im Auge hatte, verriet die Ministerin nicht. Hat sie vielleicht ein Faible für zeitgenössische Plastik und dreidimensionale Objekte? 

Die Schau in Halle 14 zeigt viel zeitgenössische Plastik und Videoinstallationen

Immerhin acht hat der Freistaat 2022 erworben. Darunter ein wunderbar haptischer Wandteppich der Leipziger Künstlerin Maja Behrmann aus Strick oder zwei kreisrunde Segmente aus Beton des Künstlerduos Putzer & Sanders aus Dresden, die wie Bauteile für dorische Säulen daherkommen – zugegeben gerade etwas aus der Mode. Aufgestellt etwa im Foyer eines Bauamtes würde sie jedoch ihre eigene, irritierende Dynamik entfalten.

Textile Kunst aus Strick und Schaumstoff der Leipziger Künstlerin Maja Behrmann Bildrechte: Maja Behrmann

Gleich am Eingang zur Ausstellung steht in der Halle 14 ebenfalls eine Plastik, eine neu interpretierte Laokoon-Gruppe des Leipziger Künstlers Christian Holze, erklärt Michael Arzt: "Wir haben hier einen Bestseller der antiken Kulturen, die Laokoon-Gruppe, allerdings entstellt. 'Laokoon Reverse' heißt diese Arbeit von Christian Holze. Er hat die Plastik verdoppelt, sie wächst irgendwie aus sich selber wieder nach oben hinaus. Und er nimmt darauf Bezug, wie in den Medien, aber auch im Ausstellungsbetrieb die Kunstwerke immer mehr zu Ware werden. Und deshalb ist hier die Skulptur so platziert, als hätten wir sie in einer dieser typischen Transport-Kisten am Eingang vergessen."

"Laokoon Reverse" von Christian Holze Bildrechte: HALLE 14/Büro für Fotografie

Besonders augenfällig sind im Win/Win-Jahrgang 2022 jedoch die vier Videoarbeiten, neben dem überwiegenden Teil der grafischen Arbeiten und Gemälde. Sebastian Jung mit seinen 25 gezeichneten und karikierenden Porträts von Menschen mit Corona-Masken im öffentlichen Raum fällt hier besonders auf. Furore machte indessen im Jahr 2020 die in Leipzig lebende Künstlerin Deborah Jeromin mit ihrem Film über Maulbeerbäume nahe der Baumwollspinnerei, die einst angepflanzt wurden, um Seidenraupen für Fallschirme zu gewinnen, mit deren Hilfe wiederum die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg Kreta besetzte. Ein Film, den der Freistaat Sachsen 2022 nun angekauft hat.

Einige der karikierenden Porträts von Sebastian Jung mit dem Titel "Straßenbahnfahrt" Bildrechte: HALLE 14/Büro für Fotografie

Eine Videoinstallation über die Sowjet-Flagge auf dem Reichstag 1945

Am stärksten unter den Videoarbeiten polarisiert wohl jedoch eine Installation von Juliane Jaschnow aus dem Jahr 2019, die, neben der Plastik einer grauen Fahne aus Beton, Filmschnipsel aneinandergefügt hat, mit denen sie die Frage zu beantworten versucht, wie das berühmte Foto der am 8. Mai 1945 in Berlin gehissten roten Fahne als Ikone des Sieges über Nazideutschland denn nun entstanden sein mag.

Belegt ist, dass das Foto inszeniert wurde. Verschwörungsmythen flackern auf in der Installation und werden noch durch Fernsehbilder befeuert, die belegen, dass es in Russland mindestens einen Freizeitpark gibt, in dem russische Paramilitaria-Fans mit Panzern und einem nachgebauten Reichstag die Eroberung Berlins nachspielen – was in Zeiten des Ukrainekriegs eine besondere Dimension bekommt.

Die Fans von "Win/Win" (sie gibt es!) würden sich vielleicht künftig über eine Möglichkeit freuen, um nachschauen zu können, wo nun, in welchen sächsischen Institutionen, die angekaufte Kunst ausgestellt wird.

Die graue Fahne aus Beton gehört zu einer Installation von Juliane Jaschnow und soll an die Flagge erinnern, die russische Soldaten am 8. Mai 1945 auf dem Berliner Reichstag hissten. Bildrechte: Juliane Jaschnow

Angaben zur Ausstellung"Win/Win. Die Kunstankäufe der Kulturstiftung des Freistaates Sachsen 2022"

Halle 14 – Zentrum für zeitgenössische Kunst
Leipziger Baumwollspinnerei
Spinnereistraße 7
04179 Leipzig

25. Juni bis 28. August 2022

Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags, 11 bis 18 Uhr
mit barrierefreiem Zugang

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 30. Juni 2022 | 06:15 Uhr