50 Jahre Kustodie Ausstellung "Blütenlese" zeigt Kunstschätze der Universität Leipzig

Seit 50 Jahren gibt es die Kustodie an der Universität Leipzig, die Sammlung von Kunstwerken, die durch Ankauf, Auftrag, Schenkung oder als Dauerleihgabe in die Sammlung kamen. Ausgewählte Neuerwerbungen der letzten zwei Jahrzehnte werden nun in der Sonderschau "Blütenlese" gezeigt. Darunter befindet sich auch ein kleiner Erlöser-Marmorkopf, der nach der Sprengung der Universitätskirche St. Pauli durch die DDR-Führung 1968 als verschollen galt – und den Weg nach Leipzig zurückgefunden hat.

Blütenlese, Ausstellung Leipzig 4 min
Bildrechte: Kustodie Universität Leipzig
4 min

Seit 50 Jahren gibt es die Sammlung von Kunstwerken an der Universität Leipzig, die Kustodie. Ausgewählte Neuerwerbungen werden nun in der Sonderschau "Blütenlese" gezeigt. Ein Beitrag von Wolfgang Schilling.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 15.04.2022 11:00Uhr 04:19 min

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Die Kustodie der Universität Leipzig feiert ihr 50-jähriges Jubiläum. Coronabedingt mit einem Jahr Verspätung – aber was bedeutet das schon bei einer über 600-jährigen Universitätsgeschichte.

Apropos, Bedeutung: was ist eigentlich eine Kustodie? Da ist der Lateiner gefragt: "Custodia" bezeichnet die Wache oder einen bewachten Bereich. Den gibt es mit der Kustodie an der Universität seit 1971. Was wiederum die Frage aufwirft, warum erst seit so kurzer Zeit? Ist die Alma Mater doch schon vor weit über 600 Jahren gegründet worden.

Trümmerberg nach der Sprengung der Universitätskirche 1968
Am 30. Mai 1968 wurde die Leiziger Universitätskirche auf Geheiß der SED-Führung gesprengt, dabei gingen auch Kunstgegenstände verloren. Bildrechte: dpa

Sprengung der Leipziger Uni-Kirche 1968

Schauen wir zurück ins Jahr 1968. Damals wurden auf Geheiß von Walter Ulbricht die völlig intakte Leipziger Universitätskirche St. Pauli und das zwar kriegszerstörte, aber durchaus wieder aufbaubare Paulinum, das Hauptgebäude der alten Universität, gesprengt. Um Platz zu schaffen für einen Neubau im Sinne der damaligen Machthaber.

Die traditionsreichen Gebäude verschwanden aus dem Stadtbild und sollten auch aus dem Gedächtnis der Leipziger verschwinden. Übrig blieben Kunstwerke, die man vor der Sprengung noch gesichert hatte. Und die nun, ohne sicheren Ort, für die Zukunft bewahrt werden sollten. Soviel zur Ironie des brachialen Sozialismus, der den Bewahrer erst einsetzte, nachdem schon mal tabula rasa gemacht wurde.

Das markante Hochhaus im Zentrum von Leipzig, daneben die Universitätskirche
An der Stelle der alten Universitätskirche St. Pauli steht jetzt ein Neubau, der architektonisch Anleihen an der alten Kirche nimmt. Daneben ist das Augusteum. Bildrechte: Imago-Stock

Sammlung zeigt neue und alte Kunstschätze der Universität

Heute sind sowohl die Universitätskirche St. Pauli als auch das Augusteum in moderner Architektur wiederauferstanden. Mittendrin, im Foyer des Augusteums, empfängt den Besucher ein großer Ausstellungsraum, in dem die Kustodie zweimal jährlich wechselnde Ausstellungen präsentiert. Aktuell unter dem Motto "Blütenlese".

Ein alter Stich, zu sehen ist eine Frau mit Blumen in den Haaren und einem Blumenkranz in der Hand
Sophie Dorothea Kurprinzessin von Hannover als Flora Bildrechte: Kustodie Universität Leipzig

Auf dem Ausstellungsplakat wirbt eine freundlich lächelnde junge Dame im fast schon freizügig-klassizistischen Outfit mit Blumen in Hand und Haar für diese Blütenlese. Dieses grafische Blatt ist die aktuellste Neuerwerbung für die Sammlung. Es stammt aus dem 19. Jahrhundert und nimmt Bezug auf ein in Öl gemaltes "Vor-Bild" aus dem 18. Jahrhundert, das sich im Besitz der Universität befindet. Man könnte sagen, hier wächst zusammen, was zusammengehört.

Skulpturen in einer Ausstellung
Ein Blick in die Ausstellung mit ehrwürdigen alten, weißen Männern – aus Marmor Bildrechte: Kustodie Universität Leipzig

Nach 600 Jahren die erste Frau als Rektorin

Doch gleich neben der Blütenlese hängt das Kontrastprogramm: Eine Galerie von eher distanziert dreinblickenden Herren in den besten Jahren – es ist die Rektorengalerie. Motto: Ein alter, weißer Mann mit Bart kommt selten allein.

Doch das wird sich ändern. 2011 kam mit der Medizinerin Beate Schücking die erste Frau in dieses Amt, aus dem sie nun gerade ausgeschieden ist. Was die Rektorengalerie um das erste Rektorinnen-Porträt bereichern wird. Dass das mit Anke Doberauer eine Professorin aus München malt, passt allerdings zur Fremdbestimmtheit, mit der die Leipziger Alma Mater seit den 1990er-Jahren konfrontiert ist.

Verschollener Schatz ist zurückgekehrt

Eins der schönsten Stücke der aktuellen Ausstellung ist ein kleiner Marmorkopf, der den zum Himmel aufsteigende Erlöser zeigt und seit vielen Jahren als vermisst galt. Ursprünglich gehörte er zu einem der Epitaphe aus der alten Universitätskirche St. Pauli, die nun auch wieder in der neuen gezeigt werden.

Dieser kleine Kopf kam nach der Sprengung auf bislang ungeklärten Wegen in den Kunsthandel und wurde von seinem Besitzer nun wieder der Universität zurückgegeben. Nach der Ausstellung wird er wieder das Epitaph ergänzen, aus dem dereinst gewaltsam herausgebrochen wurde.

Gemälde von Gerald Müller-Simon vom Augustusplatz in Leipzig
Auch dieses Gemälde von Gerald Müller-Simon vom Augustusplatz in Leipzig gehört zur Sammlung der Universität Bildrechte: Kustodie Universität Leipzig, Marion Wenzel

Halten wir fest: Nicht nur die Zeit, auch die Kustodie der Leipziger Universität kann manche Wunde heilen.

Die Ausstellung Blütenlese – Ausgewählte Neuerwerbungen 2002–2022
Ausstellung zum 50-jährigen Jubiläum der Kustodie in der Galerie im Neuen Augusteum

8. April bis 2. Juli 2022

Galerie im Neuen Augusteum
Augustusplatz 10, 04109 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag, 11 bis 14:30 Uhr und 15 bis 18 Uhr, Samstag 11 bis 14 Uhr
Die Ausstellung ist am 15.4. (Karfreitag) und 16.4. geschlossen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. April 2022 | 07:10 Uhr

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