"The Future of Cities. Not for Granted". Ausstellung über die Zukunft Leipzigs: Gehört die Zukunft der Stadt?

Angesichts rasant steigender Mietpreise in deutschen Städten fühlen sich viele Menschen hilflos. Da kommt eine Ausstellung zur Zukunft der Stadt in der Halle 14 auf dem Gelände der Baumwollspinnerei in Leipzig-Lindenau gerade recht. Im benachbarten Stadtteil Plagwitz siedelten sich Mitte der Nullerjahre Galerien und Künstler an und verhalfen der nach der Wende schrumpfenden Stadt zu ihrem Image als "Boomtown Hypezig". Doch wie wird die Zukunft aussehen? Damit beschäftigt sich die Ausstellung "The Future of Cities. Not for Granted".

Ausstellungshalle der HALLE 14
Ausstellungshalle der Halle 14 auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig. Bildrechte: Niels A. Petersen

Ist diese Schau eine, durch Kunst sublimierte, Drohung oder Warnung, nicht mehr nach Leipzig zu ziehen? Am Eingang der neuen Ausstellung gibt Martin zur Nedden, Leipzigs Baubürgermeister in den Anfangsjahren des Booms, von 2006 bis 2013, heute Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Urbanistik, per Video eine Grußbotschaft zur "Zukunft der (wachsenden) Städte" ab. Warum Leipzig seit vielen Jahren seinem Bedarf als "Boomtown" hinterherhinkt, was versäumt wurde, damit in der Stadt nicht nur Schulen und Sozialwohnungen nicht fehlen, für die wachsende Bevölkerung, sagt er nicht. Und so ist die Prognose bereits düster, wenn man die Ausstellung mit dem Titel "The Future of Cities. Not for Granted", nicht garantiert, betritt.

Falk Haberkorn, Fotoserie "Plateau"
Der Leipziger Fotograf Falk Haberkorn hält mit seiner Fotoserie "Plateau" das noch nicht gentrifizierte Leben auf dem "Jahrtausendfeld" in Plagwitz fest. Bildrechte: Falk Haberkorn/Courtesy: Klemm's Berlin, VG Bild-Kunst

Michael Arzt, Leiter der Halle 14, erklärt: "Hintergrund ist, dass die Halle 14, die sich immer mal wieder Gedanken zu ihrem urbanen Umfeld macht, entstanden ist zu einer Zeit, in der man von schrumpfenden Städten gesprochen hat. Jetzt leben wir in einer Zeit des Wachstums, in einem Wachstum, dass ja den Menschen eigentlich auch Sorge bereitet." Hier, auf dem Gelände der Leipziger Baumwollspinnerei in Leipzig-Lindenau und in dem benachbarten Stadtteil Plagwitz gab es Mitte der 2000er-Jahre jenen Schub, der die damals schrumpfende Stadt zur "Boomtown" machte. Das Wort von "Hypezig" meinte vor allem Plagwitz. Der junge Kreative – Wer immer das auch ist? – zog aus halb Deutschland hierher, Lofts entstanden, die Gründerzeithäuser strahlen in neuer Pracht, selbst die heruntergekommensten Arbeiterquartiere sind heute verkauft und vermietet.

"Hypezig": Kreative können sich die Mieten bald nicht mehr leisten

Die Gentrifizierung hat längst eingesetzt. Gerade in Plagwitz und Lindenau ist die Bevölkerung nahezu komplett ausgetauscht und auch die sogenannten Kreativen und Künstler, einst Motor der Bewegung, können vielerorts die Mieten nicht mehr zahlen, werden an den Stadtrand verdrängt. Insofern überrascht die düstere Kapitalismus-Vision dieser Ausstellung nicht, die in die entlegensten Winkel dieser Erde schaut, um zu demonstrieren, wie die Verstädterung unserer Erde, die entstandenen Mega-Cities Klima und soziale Ordnungen schädigen. "Die Ausstellung selbst ist vielleicht nicht dazu geeignet, Lösungen zu präsentieren aber soll neue Perspektiven öffnen. Wir haben Beispiele aus sehr vielen unterschiedlichen Ländern", so Michael Arzt.

HALLE 14, Leipziger Baumwollspinnerei (2004)
Die Ausstellung ist in Halle 14 auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei in Leipzig zu sehen. Bildrechte: Claus Bach

Eindrucksvoll künden in der Schau etwa Fotos und Videos des Niederländers Kadir van Lohuizen davon, wie Jakarta, die Hauptstadt Indonesiens 10,5 Millionen Einwohnern, in weiten Teilen immer wieder vom Meer geflutet wird. Und dann ist da noch die Initiative "Dipdii Textiles", die Frauen in Bangladesch, die gezwungen sind, in die Städte zu ziehen, weil es auf dem Land keine Arbeit gibt, dazu bringt, Textilien zu weben, die Kunst sind. Einige davon hängen in der Ausstellung. "Die Stoffe sind im wahrsten Sinne mehrschichtig. Sie bestehen aus übereinander gelegten alten Lumpen, die zusammengestickt sind und dann eben noch mit Stickereien verziert sind, in sehr schönen bunten Farben, die eine wunderbare mehrschichtige Patina ergeben."

Kadir van Lohuizen: Die neugebaute Ufermauer funktioniert nicht wirklich, Jakarta, Indonesien (24. Dezember 2018)
Kadir van Lohuizens Werk zeigt Jakarta vom Meer geflutet - sieht so die Zukunft aus? Bildrechte: Kadir van Lohuizen

Dass Stadt nicht zwangsläufig in der Katastrophe enden muss, beweisen jedoch auch, wenngleich zu wenige, Arbeiten und Dokumentationen in der Schau, etwa über das 2011 in Mailand gegründete "Isola Art Center", das einen ganzen Stadtbezirk vor Gentrifizierung schützte. Auch abgründiger Humor findet sich. So simuliert die Künstlergruppe "Studio Fourage" mit 100 bunt gefärbten Plastik-Tauben einen Weg, der planmäßigen Vergiftung ihrer lebenden Artgenossen zu entgehen. Denn natürlich ist in der Stadt der Zukunft neben Menschen, die ihre Miete nicht zahlen können, auch kein Platz für die so genannten "Ratten der Lüfte".

Der Leipziger Fotograf Falk Haberkorn wiederum hat mit der analogen Kamera das noch nicht gentrifizierte Leben auf dem Plagwitzer "Jahrtausendfeld" dokumentiert, jener riesigen Industriebrache des einstigen VEB Bodenbearbeitungsgeräte, auf der man zur Expo 2000 Roggen säte, um den städtischen Wandel zur "Boomtown" zu beschwören.

Falk Haberkorn, Fotoserie "Plateau"
Fotoserie "Plateau" des Leipziger Fotografen Falk Haberkorn. Bildrechte: Falk Haberkorn/Courtesy: Klemm's Berlin, VG Bild-Kunst

Informationen zur Ausstellung "The Future of Cities. Not For Granted"
über die Zukunft der Stadt, insbesondere von Leipzig
12. September 2021 bis 29. Januar 2022

Adresse:
HALLE 14
Zentrum für
zeitgenössische Kunst
Leipziger Baumwollspinnerei
Spinnereistr. 7
04179 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr
Barrierefreier Zugang

Mehr zum Thema Gentrifizierung und Strukturwandel

Mehr Kunst und Ausstellungen in Leipzig und Umgebung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. September 2021 | 08:40 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren

Kultur

Katrin Schumacher mit Audio
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei