"Cultural Affairs. Kunst ohne Grenzen" Leipziger Grassi Museum will Kunst dekolonialisieren

Wie kann Kunst transkulturelle Begegnungen ermöglichen, ohne zu kolonialisieren? Die Ausstellung "Cultural Affairs. Kunst ohne Grenzen" im Leipziger Grassi Museum für Angewandte Kunst versucht Antworten zu geben, mit Arbeiten zeitgenössischer Künstlerinnen und Designer aus mehr als 40 Ländern, die durch Reisen oder eine globale Biografie geprägt sind.

Ausstellung "Cultural Affairs. Kunst ohne Grenzen" im GRASSI Museum für Angewandte Kunst 5 min
Bildrechte: GrassiMuseum für Angewandte Kunst

Wie kann Kunst transkulturelle Begegnungen ermöglichen, ohne zu kolonialisieren? Die Ausstellung "Cultural Affairs" im Leipziger Grassimuseum versucht mit zeitgenössischer, diverser Kunst Antworten zu geben

MDR KULTUR - Das Radio Do 10.06.2021 06:00Uhr 04:49 min

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"Cultural Affairs. Kunst ohne Grenzen", heißt die neue Ausstellung im ganzen Titel. Nun mögen sich einige fragen, ob Kunst nicht immer versucht, die Grenzen zu überschreiten, um sich entfalten zu können? Im Leipziger GRASSI Museum für Angewandte Kunst also nun die Schau, die im Titel – etwas anmaßend gegenüber allen anderen Kunst-Ausstellungen – reklamiert, "ohne Grenzen" zu agieren. "Cultural Affairs", zu Deutsch "kulturelle Angelegenheiten" weist darauf hin, dass es hier um den interkulturellen Dialog in der Kunst und im Design gehen soll.

60 Arbeiten von über 50 Künstlerinnen und Künstlern aus mehr als 40 Ländern

Museumsdirektor Olaf Thormann sieht sein Haus mit der Schau im Diskurs der Feuilletons angekommen, der dieser Tage oft von Schlagworten wie "transkulturelle Begegnung" geprägt wird. Das schließt auch den Transfer von Know How, Inspiration und Handwerk in Mode, Kunst und Design ein, der heute gern global unter unfairen Bedingungen abläuft. "Ich finde, dass es hier sehr gut gelungen ist, durch eine gewisse Leichtigkeit die Begeisterung für das Thema zu wecken", erzählt Thormann. Die dahinterstehende Thematik werde durch Begleittexte und Führungen deutlich.

Ausstellung "Cultural Affairs. Kunst ohne Grenzen" im GRASSI Museum für Angewandte Kunst
Ein Blick in die Ausstellung, die Kunst aus mehr als 40 Ländern zeigt. Bildrechte: GrassiMuseum für Angewandte Kunst

Kuratorin Silvia Gaetti hat ein Jahr gebraucht, um die rund 60 Arbeiten von über 50 Künstlerinnen und Künstlern aus mehr als 40 Ländern zu einer Ausstellung zu vereinen. Für sie ist Transkulturalität und die damit einhergehende globalere Perspektive auf Kunst das Thema schlechthin: "Während in den Museen für bildende Kunst auch diversere Positionen immer mehr gezeigt werden, ist dieser Prozess in den Museen für angewandte Kunst langsamer, weil die Sammlungen auch weniger divers sind," erklärt Gaetti. Die meisten Sammlungen in den deutschen Museen für angewandte Kunst hätten einen sehr starken europäischen Fokus, so die Kuratorin.

Kulturelle Aneignung oder Begegnung?

Und so kann das Publikum nun in Ausstellungsteilen, die Überschriften wie "Globale Verflechtungen" oder "Transkulturelle Begegnungen" tragen, nachvollziehen, wie etwa ein schwedisches Möbelhaus ein traditionelles, iranisches Teppichmuster "abkupfert", den Teppich in "100 Prozent Polypropylen" anbietet und damit beste Geschäfte macht. Eine Vorgehensweise, die journalistische Formate schon lange auch für global agierende Billig-Modeketten beklagen. Dass afrikanische Stammeskunst, vielfach in Europas Völkerkundemuseen zusammengetragen, die Künstler der Moderne inspirierte, ist ebenfalls keine Neuigkeit.

Doch die Schau bringt es noch einmal in Erinnerung – gleich im ersten Raum, mit einem anschaulich durchexerzierten Beispiel zu afrikanischen Masken. Die niederländische Keramikerin Johnny Rolf hat Fantasiemasken geschaffen, in denen das Afrikanische nachschwingt. Christiane Haase greift in ihrem Steinzeug ostasiatische Dämonenmasken auf. Und der Künstler Felix Martin Furtwängler hat afrikanische Masken selbst gesammelt und farbig interpretiert. Für Museumsdirektor Thormann seien das gute Beispiele, wie sich kulturelle Erfahrungen durchdringen.

Ausstellung "Cultural Affairs. Kunst ohne Grenzen" im GRASSI Museum für Angewandte Kunst
Ein Blick auf die künstlerische Auseinandersetzung mit afrikanischen Masken in der Ausstellung. Bildrechte: GrassiMuseum für Angewandte Kunst

"Zeitgenössischen Schmuck dekolonialisieren"

Etwas origineller noch "ploppt" da im Katalog die Forderung auf: "Zeitgenössischen Schmuck dekolonialisieren". Im Design und Kunsthandwerk bedient(e) man sich bei Fetischen und Schmuck gern außereuropäischer Ethnien. Wie diese "Dekolonialisierung" jedoch aussehen soll, ob zeitgenössischem Schmuck etwa eine Provenienz-Recherche seiner Inspirationsquellen künftig beiliegen sollte, solche Fragen beantwortet die Ausstellung nicht.

Gugelhupf Metamorphosis ll. Halskette
Insbesondere im Schmuckhandwerk wird sich oft außereuropäischer Inspirationen bedient. Bildrechte: Lisa Gort

Die Marienkrönung einer Schwarzen Madonna

Bereits zu schon länger bekannten Fragen, im Bereich des Copyrights von Kunst und Design, erzeugt die Schau mit ihrem pädagogischen Impetus durchaus auch Widerwillen. Interessierte haben sich beispielsweise schon mit den Schwarzen Madonnen in den Kirchen Europas beschäftigt. So ist etwa die Schwarze Madonna von Tschenstochau gar Nationalheiligtum in Polen. Oft werden diese dunkelhäutigen Heiligenbildnisse besonders verehrt und sind in den Augen der Gläubigen mit besonderen Kräften aufgeladen, die aus vor- aber mindestens urchristlicher Zeit stammen könnten.

Seit vielen Jahrzehnten schon vermutet die Kunst- und Religionswissenschaft, dass die dunkelhäutigen Madonnen in einer Traditionslinie etwa mit den alten Göttinnen in Mesopotamien stehen. Da fühlt man sich einfach nur ärgerlich belehrt, wenn man in der Ausstellung ein Seidentuch des nigerianischen Designers Ikiré Jones betrachtet, das reißerisch mit dem vermeintlich neuen Gedankengut aufwartet, im Stil von Pop-Art und Renaissance-Gemälden die Marienkrönung einer Schwarzen Madonna zeigen zu müssen. Die soll nun auch noch laut Katalog für den aktuellen Migrationsdiskurs herhalten – was einer Überfrachtung gleichkommt. Schade, dass der erhobene Zeigefinger den Genuss dieser oft auch gut gestalteten Schau verhindert.

Tag der offenen Tür im Grassi Museum
Die Sammlungen des GRASSI Museums für Angewandte Kunst in Leipzig gehören zu den bedeutendsten Europas. Bildrechte: MDR/Lily Meyer

Mehr Informationen "Cultural Affairs. Kunst ohne Grenzen"
10. Juni bis 3. Oktober 2021

GRASSI Museum für Angewandte Kunst
Johannisplatz 5-11, 04103 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr

Eintritt:
8 Euro, ermäßigt 5,50 Euro

Hinweise zu Hygienemaßnahmen:
Zutritt nur mit vorheriger Terminanmeldung. Für Personen ab 6 Jahre ist das Tragen eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes (OP-/FFP2-Maske) verpflichtend. Zur Kontaktverfolgung werden persönliche Angaben erfasst.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. Juni 2021 | 07:10 Uhr

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