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Brosche, Margit Jäschke, Halle (Saale), 2019, Silber feinvergoldet, Kunststoff Bildrechte: Jakob Adolphi

GrassimuseumDoppelausstellung in Leipzig zeigt Schmuck zwischen Anmut und Provokation

von Ulrike Thielmann, MDR KULTUR

Stand: 05. Mai 2022, 04:00 Uhr

Gleich zwei Ausstellungen zur Vielfalt des Schmucks gibt es im Grassimuseum für angewandte Kunst Leipzig zu sehen. Bis zum 25. September zeigt es seine neue, große Schau "Schmuck + Image. Das Grassi schmückt". Außerdem eine Schau zu Schmuck, Objekten und Installationen der Halleschen Künstlerin Margit Jäschke mit dem Titel "Kairos", nach dem Gott des günstigen Augenblicks, in dem einem das Glück lacht.

Ausstellung Eins: "Schmuck + Image. Das Grassi schmückt"

In der Ausstellung "Schmuck + Image. Das Grassi schmückt" im Grassimuseum für angewandte Kunst Leipzig kommen nicht nur die Schmuckstücke, sondern auf die Träger in den Blick. So sieht man wasserhelle Augen inmitten ernstester Männer-Mimik. Bis man darauf kommt, dass es die Augen Michael Berningers sind, stadtbekanntes Leipziger Gesicht, die einen groß aufgezogen per Foto in der Ausstellung anstarren, braucht man schon eine Weile! Unter anderem verleihen sie einer kreisrunden Brosche namens "Robo", aus den Haaren schwarzer Industrie-Bürsten, das Flair von Irokesenkriegern oder eben von Punks der 80er.

Brosche, Monica Cecchi, Prato (Italien), 2018, Zinn, Blech aus alten Dosen, Erworben im Kunsthandel 2018 Bildrechte: Felix Bielmeier

Fotokünstler setzen Schmuck in Szene

Berninger, Stifter des Grassi-Nachwuchspreises, ist als umtriebiger Leipziger fest mit der Subkultur der Stadt verwurzelt, ebenso wie die Leipziger Fotografin Christiane Eisler. Insgesamt 10 Fotografen und Fotografinnen hat das Leipziger Grassimuseum für angewandte Kunst verpflichtet, um etliche der rund 300 zeitgenössischen Preziosen der neuen Schau zu inszenieren. Fotos, die, ins Wechselspiel mit den Vitrinen oder in den Katalog, Abwechslung bringen und die zeigen, dass zeitgenössischer Schmuck eine Herausforderung ist, die sich lohnt!

Der Gille-Meisterschüler Sebastian Gögel als Model mit Schmuck von Vilanova i la Geltrù, fotografiert von Arne Reimer Bildrechte: Arne Reimer

2016 von dem Hamburger Künstler Christoph Ziegler in der Ästhetik einer Zielscheibe geschaffen, sitzt "Robo" nun genau auf Berningers Solarplexus, in den jemand getroffen zu haben scheint, wie ein roter Nadelkopf bezeugt, und man fragt sich, welches Drama hinter dem Bild wohl steckt.

Halsschmuck, Blut, Schweiß und Tränen, Bernhard Schobinger, Richterswil (Schweiz / Switzerland), 1989, Sägeblätter, Brillanten, Silber, Email, Erworben vom Künstler 1991 Bildrechte: Felix Bielmeier

Eine Schmuck-Ausstellung kann ja auch ermüden, aber Olaf Thorman, Direktor des Leipziger Grassimuseums für angewandte Kunst, betont: "Es hat, einen Heidenspaß gemacht, die Aufnahmen hinzubekommen, weil Schmuck ja auch immer ein Stück Persönlichkeit akzentuiert, manchmal sogar ein kleines Stück verändert, auf jeden Fall auch hinterfragt." Das sehe man den Aufnahmen gut an, glaubt er und er sei dankbar sei, "dass sich die Fotografen richtig reingekniet haben", um Leipziger Gesichter mit zeitgenössischem Schmuck zusammenzubringen.

Schmuck: Annelies Gross, München, 1963/64, Silber, Anhänger 5.5 x 3.6 cm, Schenkung der Künstlerin 1964 Model: Winston Wendt Bildrechte: Agentur Blink (Margret Hoppe + Felix Adler)

Männer und Männerschmuck

Die Männer mit dem Männerschmuck ziehen die Aufmerksamkeit eindeutig auf sich, darunter Leipzigs OBM Burkhardt Jung oder auch der stark an den Händen tätowierte Maler Sebastian Gögel, an denen Ringe inszeniert werden.

In einem Exkurs der Schmuck-Gestaltung hierzulande ab 1945 wähnt man sich schließlich, wenn man denn die Aufmerksamkeit den Vitrinen schenkt, der Entwicklung vom klassischen, hochwertigen Schmuck hin zur zeitgenössischen Schmuckkunst mit ihren Statements und "Autorenschaften", teils ironischer, teils konzeptioneller Art, die teure Materialien nicht ihrer selbst willen einsetzt, sondern wenn es die künstlerische Aussage erfordert.

Stücke aus der hauseigenen Sammlung

Schmuckkunst als zeitgenössische Kunst, die jedoch immer eine angewandte, körperbezogene bleibt, sowie das damit verbundenen Lebensgefühl, präsentiert die Ausstellung anschaulich, die sich aus der hauseigenen Sammlung speist. Man gibt Ausblicke auf internationale Entwicklungen mit großen und unbekannten Namen wie auf einem Fokus der ostdeutschen Schmuckgestaltung, auf ihr Zentrum in Halle, an der Burg Giebichenstein.

Ohrschmuck, Dorothea Prühl, Halle (Saale), 1988, Gold, Erworben von der Künstlerin 1991 Bildrechte: Felix Bielmeier

Halle - Mekka der ostdeutschen Schmuckgestaltung

Die Entwürfe von Schmuckgestalterinnen wie Dorothea Prühl oder Renate Heinze spielen eine besondere Rolle. Kuratorin Sabine Epple schaut in der Ausstellung auf frühe Entwürfe in Gold und führt aus: "Sie haben Ende der 60er-Jahre die erste unabhängige Schmuck-Klasse gegründet. Unabhängig in dem Sinne, dass nur in Schmuck ausgebildet wurde, zuvor war die Ausbildung immer gekoppelt an die Metall-Klasse, an die Email-Klasse. Sie haben so dem Schmuck zu einer Emanzipation verholfen." Deshalb seien für ihn Prühl und Heinze ganz wichtige Pionierinnen des ostdeutschen Schmucks, so Epple.

Brosche, Margit Jäschke, Halle (Saale), 2012, Silber, Wellpappe, Kunststoff, Bein Bildrechte: Uwe Köhn

Ausstellung zwei: " KAIROS. Margit Jäschke. Schmuck Objekt Installation"

Dass Schmuckgestaltung raumdurchdringend und magisch wirken kann, führt die Hallesche Schmuck-Künstlerin Margit Jäschke in der von Tageslicht durchfluteten Orangerie schließlich eindringlich vor Augen. Vor hellvioletter Wand präsentiert der Raum auch Schimmerndes, Silber-Arbeiten, die die Künstlerin feinvergolden lässt, dazu echte Steine in altrosa oder aquamarin, wobei Jäschke auch mit Epoxidharz arbeitet, um passende Farbtöne zu erzielen.

Halsschmuck, Margit Jäschke, Halle (Saale), 2015, Silber, Gold, Aluminium, Messing, Kunststoff, Bein Bildrechte: Uwe Köhn

"Ich arbeite wirklich viel mit dem Kunststoff, weil ich damit die Farbe simulieren kann", sagt die Künstlerin, früher habe sie sehr viel mit Papier gearbeitet. Und natürlich viel mit Silber, das sie sehr oft feinvergolden lasse, es seien immer Kontraste miteinander und man müsse es "zum Klingen" bringen.

Am Ende muss es ganz selbstverständlich wirken, ganz leicht – das ist mir sehr wichtig.

Margit Jäschke, Schmuck-Künstlerin aus Halle

Arbeit mit "ärmlichen" Materialien

Zudem arbeitet Jäschke mit eher ärmliche Materialien wie Pappmaché, Gestein oder Bein, die sie mit einer Aura auflädt. Auch Gemälde zeigt der Raum.

Und da Schmuck bekanntlich ohne Präsentation nichts ist, gestaltet Jäschke gar die Displays ihrer Schmuckstücke selbst, die sie, in ihrem eigenen Stil, malt, textet – und manchmal auch dichtet. Sogar Haikus aus Schmuckstücken finden sich dann darunter.

Brosche, Margit Jäschke, Halle (Saale), 2018, Silber, Kunststoff Bildrechte: Jakob Adolphi

Die AusstellungenSchmuck + Image. Das Grassi schmückt
5. Mai bis 25. September 2022

Kairos. Margit Jäschke. Schmuck Objekt Installation
5. Mai bis 25. September 2022

Grassi Museum für Angewandte Kunst
Johannisplatz 5-11, 04103 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, Feiertage, 10 bis 18 Uhr

Ausstellungen in Leipzig

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 05. Mai 2022 | 08:40 Uhr