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PorträtStarke Frauen von der Leipziger Malerin Kristina Schuldt

von Andreas Höll, MDR KULTUR-Kunstredakteur

Stand: 06. August 2022, 04:00 Uhr

Die Leipziger Künstlerin Kristina Schuldt gehört zu den interessantesten Malerinnen ihrer Generation in Deutschland. 1982 in Moskau geboren, studierte sie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst und war Meisterschülerin von Neo Rauch. Dabei fand sie längst zu einer ganz eigenen dynamischen Bildsprache mit subversivem Witz, wie ihre kraftvoll-kämpferischen Frauenfiguren zeigen. Nach einer Solo-Schau in den Niederlanden und in der renommierten Galerie Eigen+Art in Leipzig sind ihre Werke derzeit in Goslar zu sehen. Auf der Baumwollspinnerei hat die 40-Jährige indessen ein neues Atelier bezogen. Dort haben wir sie besucht.

Das neue Atelier von Kristina Schuldt ist ein lichtdurchfluteter Raum auf der Leipziger Baumwollspinnerei. Es sind noch keine neuen Bilder zu sehen, nur ein kleines winziges Gemälde, es zeigt ein aufgeschlagenes Buch.

Kristina Schuldt im Atelier

Und so ähnlich wie ein Schriftsteller vor einem weißen Blatt Papier sitzt und sich sammelt, so beginnen auch jedes Mal die Suchbewegungen der Malerin, wenn sie ihre Werkstatt betritt:

"Meinen Tag im Atelier muss man sich so vorstellen, dass ich stundenlang herumsitze, meistens irgendwas suche. Es ist ein bisschen so, als würde ich noch warten, dass die Seele auch im Atelier ankommt, um dann irgendwann anzufangen", erzählt Schuldt. Sie arbeite bis spät abends und brauche die Nacht, um Ruhe zu haben.

Ich habe manchmal das Gefühl, ich kann erst anfangen, wenn alle anderen schlafen.

Kristina Schuldt | Leipziger Malerin

Grafik von Neo Rauch

Kraftvolle weibliche Figuren und "Affinität zu 3D"

In der Nacht entstehen die Gemälde von Kristina Schuldt – und im Mittelpunkt stehen da oftmals kraftvolle weibliche Figuren. Sie strahlen ein großes Selbstbewusstsein aus, sind auffallend wohlgenährt und rund – also das ganze Gegenteil des aktuellen Schönheitsideals im Zeichen der Mager-Models. So erklärt die Malerin, was sie an diesen Figuren reizt: "Mein Großvater war Bildhauer und ich habe natürlich eine Affinität zu 3D-Formen."

Das aktuelle Schönheitsideal verstehe sie nicht: "Wenn man lebt, will man sich ja im Raum ausdehnen und präsent sein. Man will nicht verschwinden – deswegen finde ich es immer gut, wenn sich eine Figur im Raum ausdehnt."

Wenn man lebt, will man ja präsent sein.

Kristina Schuldt | Leipziger Malerin

Tubismus, Kubismus, Neue Leipziger Schule – mit Witz

Die propperen Figuren, die sich im Raum ausdehnen – das sind indes keine Frauen aus Fleisch und Blut. Sie erinnern vielmehr an Maschinen. Denn sie sind konstruiert aus Schläuchen, Schrauben, Kuben und Röhren. Sofort kommt einem da der französische Maler Fernand Léger (1881-1955) in den Sinn, der sein Personal aus stilisierten Röhren zusammensetzte. Schnell war damals dafür der Begriff des Tubismus geboren. Abgeleitet vom lateinischen Begriff Tubus, zu Deutsch: Röhre. Geprägt hat diesen Begriff der Kunsthistoriker Louis Vauxcelles.

Und der sei eigentlich abfällig gemeint gewesen, betont Schuldt, beschreibe er die Arbeit von Fernand Léger doch so, als ob sie nur aus Röhren bestehe: "Diesen Witz mache ich auch manchmal: Dass ich einfach nur ein paar Röhren male und dann Schuhe oder einen angedeuteten Kopf hinzufüge", sagt Kristina Schuldt. Der Tubismus lebt weiter bei der Künstlerin – und mit subversivem Witz setzt sie sich zugleich mit der Kunst der klassischen Moderne auseinander.

Inspiriert von Duchamps: "Einkaufswagen, eine Treppe hinabsteigend"

Marcel Duchamps "Akt, eine Treppe herabsteigend" interpretiert Kristina Schuldt mit einem Einkaufswagen neu. Bildrechte: Privatsammlung, Zürich, courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin Foto: Uwe Walter, Berlin

Ein Geniestreich gelang ihr da 2017 mit einem Gemälde, das einen seltsamen Titel trägt: "Einkaufswagen, eine Treppe hinabsteigend". Dieses Bild wiederum wurde von einer Ikone der Kunstgeschichte inspiriert – und stammt von Marcel Duchamps aus dem Jahr 1912: Es heißt "Akt, eine Treppe herabsteigend", im Geist des Kubismus hatte der Künstler den Körper einer nackten Frau zerlegt. Bei Kristina Schuldt dagegen ist es ein schnöder Einkaufswagen, der in filmartige Sequenzen zerlegt wird. Auf die Frage, ob das eine malerische Herausforderung für sie war, sagt Schuldt: "Das war wirklich sehr schwierig, dieses starre Objekt zu bewegen und eigentlich hat das Duchamp ganz gut gemacht, der war sozusagen das Vorbild." Und:

Ich hoffe natürlich, dass mein Bild auch in die Kunstgeschichte eingeht, aber Duchamp hat es schon am besten hingekriegt.

Kristina Schuldt | Leipziger Malerin

Trotz aller Bescheidenheit ist Kristina Schuldt ein hinreißendes Bild gelungen. Und darüber hinaus wird hier der Einkaufswagen auch zu einem ironischen Symbol in Zeiten des Online-Shoppings.

Neues Atelier in der Leipziger Baumwollspinnerei

Nach all der Arbeit für die großen Ausstellungen in diesem Jahr freut sich Kristina Schuldt nun auf das neue Atelier. Dieses Jahr wird sie 40 Jahre alt – und in dem zweistöckigen Raum will sie ein neues Kapitel aufschlagen: "Ich habe jetzt dieses große Atelier gemietet. Das ist so ein bisschen der Versuch, die Midlife-Crisis zu bekämpfen und ich hoffe natürlich, dass es nochmal richtig losgeht und verspreche mir jetzt sehr, sehr viel von diesem Neuanfang mit 40", erzählt die Künstlerin nicht ganz ohne Ironie.

Diskurs

Angaben zur Ausstellung

"Unverwüstlich. Werke von Kristina Schuldt 2012 – 2022"
Ausstellung vom 24. Juli bis 18. September

Mönchehaus Museum Goslar
Verein zur Förderung moderner Kunst e.V.
Mönchestraße 1
38640 Goslar

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag: 11 bis 17 Uhr

(Redaktionelle Bearbeitung: Katrin Schlenstedt)

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 05. August 2022 | 08:40 Uhr