Kunst Neue Ausstellung im MdbK zeigt über 100 Jahre Leipziger Kunstentwicklung

Ein gesamtes Stockwerk widmet das Leipziger Bildermuseum jetzt der Kunst aus Leipzig: Die Ausstellung "Bilderkosmos Leipzig – 1905-2022" zeigt vor allem Kunst aus der DDR bis hin zur Neuen Leipziger Schule und gibt spannende Einblicke in die Entwicklung des Stadtlebens. Aus den Depots wurden auch bisher wenig gewürdigte Werke von Malerinnen geholt. Diese Ausstellung war längst überfällig, findet unser Kunstredakteur Andreas Höll.

MDR KULTUR: Die Ausstellung heißt "Bilderkosmos Leipzig – 1905-2022". Welche Welten werden hier aufgeboten?

Andreas Höll: Auf rund 1.500 Quadratmetern und verteilt auf 14 Galerieräume und die zentrale Halle werden die Bilderschätze des Museums gezeigt. In einem eigenen Raum begegnet man da den großartigen Werken von Max Beckmann, der ja 1884 in Leipzig geboren wurde.

Des Weiteren kommt der Expressionismus und die Neue Sachlichkeit in den Blick bis hin zu jener finsteren Zeit des Nationalsozialismus – als viele der besten deutschen Künstlerinnen und Künstler ja bekanntlich als "entartet" diffamiert wurden. Das ganze Ausmaß dieser Verwüstungen zeigt sich dann auch in dem ikonischen Bild von Hans Grundig aus dem Jahr 1946 – es heißt "Opfer des Faschismus" und es verdichtet das Schicksal der KZ-Insassen auf sehr beklemmende Weise.

Wenige Jahre später – im Jahr 1949 wurde dann die DDR gegründet – und die verstand sich ja von Beginn an als ein Staat, der sich den Antifaschismus auf die Fahnen geschrieben hat. Die Kulturpolitik war da ein wichtiges Instrument. Wie spiegelt sich denn die Gründung der DDR in der Sammlung des Leipziger Kunstmuseums wider?

Von Anfang an hat das Leipziger Museum viele Arbeiten gesammelt und so hat sich die Kunst aus der DDR zum wichtigsten Schwerpunkt entwickelt. Von den insgesamt 4.000 Gemälden wurden knapp 1.000 Werke zwischen 1949 und 1989 angekauft – und das lag vor allem auch an der engen Verbindung zur legendären Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst.

Diese enge Symbiose zwischen dem Museum und der Kunstakademie sei ein Alleinstellungsmerkmal, sagt Kurator Marcus Hurttig. Und dieses Alleinstellungsmerkmal wird nun ins Zentrum gerückt. Und um die Fülle der Arbeiten zu ordnen, gibt es Galerieräume mit einzelnen Themenschwerpunkten, wie zum Beispiel den Darstellungen von Werktätigen, wie das ja so schön hieß in der DDR.

Hans-Hendrik Grimmlings Bild "Ich in Leipzig" zeigt einen Mann, der in einem weißen Stoff eingewickelt ist.
Hans-Hendrik Grimmlings Bild "Ich in Leipzig" (1978) ist Teil der Bilderkosmos-Ausstellung im MdbK Leipzig. Bildrechte: VG Bild- Kunst Bonn, 2022

Die Darstellung von tatkräftigen Arbeiterinnen und Arbeitern im Sozialismus war ja eine zentrale Forderung der DDR-Kulturpolitik. Wie sind denn die Künstler mit dieser Forderung umgegangen?

Da gibt es zum einen die Vorzeigeproletarier, wie den kraftstrotzenden Brigadier von Bernhard Heisig von 1968 oder auch den streberhaften "Aktivist Steinecke" von Hans Mayer-Foreyt, der raumgreifend und energiegeladen an seinem Schreibtisch sitzt.

Auf der anderen Seite gibt es aber immer wieder Bilder, die gar nichts Heroisches an sich haben und auch die schmerzlichen Seiten des Arbeitslebens zeigen, wie zum Beispiel das melancholische Bild mit dem Titel "Erster Rentnertag" von Ulrich Hachulla: Da sieht man eine ältere Frau im Dederon-Kittel in ihrer Plattenbauwohnung sitzen, umgeben von Erinnerungen und einer Atmosphäre der Einsamkeit. Solche Bilder sind auch heute noch berührend.

Spielt im "Bilderkosmos Leipzig" neben den Menschen auch die Stadt selbst eine besondere Rolle?

Die Ansichten der Stadt Leipzig werden in einem eigenen Galerieraum gezeigt und da entfaltet sich eine Stadtgeschichte über zwei Jahrhunderte. Man sieht beispielsweise Leipzigs Industriearchitektur wie sie sich seit dem 19. Jahrhundert im Stadtteil Plagwitz entwickelt hat. Da gibt es unter anderem ein wunderbar reduziertes Gemälde von Günter Thiele.

Oder es kommen die nagelneuen Plattenbauten in den Fokus mit ihren strengen Rastern aus Fenstern und Balkonen – die hat etwa von Wolfram Ebersbach 1974 mit feinem Sinn für Poesie und Ironie ins Bild gesetzt wurden. Das Gegenbild dazu hat der Leipziger Maler Gerald-Müller Simon geschaffen. Bei ihm geht es um den dramatischen Verfall von Leipzig in den 80er-Jahren – und da sieht man dann die brutalen "Abbrucharbeiten im Leipziger Osten".

Wolfgang Mattheuers Bild "Hinter den sieben Bergen" zeigt eine befahrene Straße mit einer Luftballon-haltenden Statue am Horizont.
Wolfgang Mattheuers Gemälde "Hinter den sieben Bergen / Behind the Seven Hills" aus dem Jahr 1973 ist im Leipziger Bildermuseum zu sehen. Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2022

Welche anderen Aspekte, neben der Wandlung des Stadtbilds, kommen bei dieser Schau noch zum Tragen?

Die versteckten politischen Botschaften und die Welt der antiken Mythologie spielen noch eine wichtige Rolle – und die tauchen zum Beispiel auf im berühmten Mythos von Ikarus, wie ihn Wolfgang Mattheuer gemalt hat: Als Allegorie der Freiheit inmitten der eingeschränkten Reisefreiheit der DDR. Zum anderen geht es um expressive Ausbruchsversuche aus einer klaustrophobischen Welt, wie die Hartwig Ebersbach in den 70er-Jahren mit seinem fulminanten "Kaspar-Zyklus" gemalt hat.

Und nicht zuletzt kann man in dieser Schau auch noch richtige Entdeckungen machen, wie etliche Gemälde von Malerinnen aus Leipzig, die bislang kaum oder gar nicht bekannt sind und die Kurator Marcus Hurttig bei seiner Recherche im Depot aufgespürt hat. Er stieß dabei unter anderem auf ein faszinierendes Bild eines Modells im roten Kleid von Monika Scholz oder auf eine dystopische Bushaltestellenszenerie von Irene Kiele oder Doris Zieglers Arbeiterdarstellungen von der Spinnerei.

Monika Geilsdorfs "Bildnis Frieda G." zeigt eine ältere Dame im Putzkittel mit Staubsauger im Hintergrund.
Monika Geilsdorfs "Bildnis Frieda G." (1977) wird in der Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig gezeigt. Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2022

"Bilderkosmos Leipzig. 1905-2022" – wie lautet Ihr Fazit?

Diese Ausstellung zur Malerei aus Leipzig war in der Tat überfällig. Rund 200 Werke versuchen hier, die gesamte Bandbreite der Leipziger Kunstentwicklung zu zeigen. Und bei diesem hochkomplexen Thema kann man sicherlich auch trefflich streiten, welche Bilder fehlen oder welche anderen Aspekte zu kurz kommen.

Wichtig ist, dass man jetzt erstmals seit dem Museumsneubau im Jahr 2004 einen facettenreichen Einblick über dieses reiche Kunstschaffen in Leipzig bekommt, vor allem während der DDR-Zeit. Und das Ganze führt dann weiter zu den Arbeiten von Neo Rauch und der Neuen Leipziger Schule bis hin zu jüngeren Positionen. Und die gute Nachricht ist, dass diese Schau dann auch Bestandteil der neu eingerichteten Dauerausstellung sein wird.

Franziska Holsteins Bild "Ohne Titel" zeigt poppig leuchtende runde Formen.
Franziska Holsteins Werk "Ohne Titel (M3-12)" aus dem Jahr 2012 ist in der neuen Schau im Leipziger Bildermuseum zu sehen. Bildrechte: VG Bild-Kunst Bonn, 2022

Das Gespräch führte MDR KULTUR-Moderatorin Julia Hemmerling.

Informationen zur Ausstellung

"Bilderkosmos Leipzig"
10. Februar bis 6. Juni 2022

Museum der bildenden Künste
Katharinenstraße 10
04109 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag, Donnerstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr
Mittwoch, 12 bis 20 Uhr
Montags geschlossen

Bitte beachten Sie die aktuellen Corona-Regeln.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Februar 2022 | 07:10 Uhr

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