Porträt Künstlerin Rosa Loy: "Gleichberechtigung heißt nicht, Männer zu diskriminieren"

Die Malerin Rosa Loy ist eine der bekanntesten Vertreterinnen der Neuen Leipziger Schule. Bei der ersten großen Präsentation "Sieben Mal Malerei" 2003 im Museum der bildenden Künste (MdbK) war jedoch nicht eine einzige Frau vertreten. Seitdem hat sich auch dank Rosa Loy Einiges in der Kunstwelt geändert. Sie holt das Weibliche auf die Leinwand und begründete ein Netzwerk mit, das Künstlerinnen zu mehr Sichtbarkeit verhelfen soll. Mit ihrem Mann, Neo Rauch, arbeitet sie Wand an Wand in der Spinnerei, heute wird sie nicht mehr gefragt: "Ach, Sie malen auch?"

Vieldeutig, märchenhaft, weiblich – so wird ihre Kunst oft beschrieben. Die Leipziger Malerin Rosa Loy bestätigt zumindest: Auf 99,9 Prozent ihrer figurativen Bilder fänden sich Frauen. Aber nicht, weil das ihre Art sei gegen Männer zu kämpfen, wie sie im Gespräch mit MDR KULTUR und im Blick auf ihre Biografie betont. Sie sei von Haus aus mit einer bestimmten Vorstellung von Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aufgewachsen. Mit der Wende hätte sich ihr ganzes Leben, auch ihre Einstellungen zur Welt geändert: "Und mir ist damals aufgefallen, dass bei solchen Veränderungen immer die Frauen, die Kinder und die Alten verlieren."

"Es wird durchgemalt!" - aktuelle Schau in der Leipziger Spinnerei

Gegen die "Ausläufer der patriarchalen Strukturen" heute setzt sie nicht auf Frontalangriff: "Die Rechnung geht nicht auf, wenn ich die Männer diskriminiere. Ich möchte ja eine Gleichberechtigung. Und meine Illusion ist, dass ich das auch anders hinkriege als mit Angriffen oder Gewalt oder Brutalität."

Gleichberechtigung heißt nicht, Männer zu diskriminieren.

Rosa Loy Malerin

Sie bringt selbstbewusste Frauenfiguren auf die Leinwand, so wie gerade zu besichtigen in ihrer aktuellen Ausstellung, die unter dem Titel "Es wird durchgemalt" noch bis zum 4. Juni 2022 in der Leipziger Galerie Kleindienst auf dem Spinnereigelände geöffnet ist. Zu sehen sind dort 14 großformatige Gemälde und rund 30 Arbeiten auf Papier.

"Malerei ist wie Erdarbeiten"

Den Titel entlehnte sie dem Buch eines Staudenzüchters namens Karl Foerster (1874–1970), den sie verehrt: "Es wird durchgeblüht", heiße es, verrät die studierte Gartenbau-Ingenieurin und sieht Parallelen zu ihrer heutigen Profession: Malerei sei wie Erdarbeiten und ihre Bilder vergleichbar einem Garten: inspiriert von den Jahreszeiten und den damit verbundenen Stimmungen.

Es gibt in der Natur über Jahrzehnte schlummernde Dinge und dann plötzlich explodieren sie. Und ich grabe ja auch in mir, schaue, was keimt, was will raus.

Rosa Loy Malerin

Davon einfangen lässt sich gern auch Rosa Loys Mann, der Maler Neo Rauch, mit dem sie in der Spinnerei Wand an Wand arbeitet und in den letzten zehn Jahren häufiger gemeinsam Ausstellungsprojekte bestritt. Gemeinsam entwarfen sie das Bühnenbild zur Oper "Lohengrin" bei den Bayreuther Festspielen 2018. Bilder von beiden waren jüngst im südkoreanischen Seoul in der Schau "Flowers on the Border" zu sehen.

Rauch, der wie Rosa Loy an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB) studierte, schwärmt, in ihren Bildern finde er Schönheit und Güte, Arglist und Niedertracht seien abwesend. Darauf angesprochen sagt Rosa Loy, das nehme sie als "tolles Kompliment". Für sie sind es zeitgemäße Bilder von Weiblichkeit, die manchmal zugleich harmonisch, geheimnisvoll und ein bisschen unheimlich wirken können.

Rosa Loy und Neo Rauch
Rosa Loy und Neo Rauch bei der ersten gemeinsamen Ausstellung 2012 in den Chemnitzer Kunstsammlungen Bildrechte: imago/epd

Frauen in Präsenz: MalerinnenNetzWerk Berlin-Leipzig

Damit das Werk von Malerinnen sichtbarer wird, initiierte Rosa Loy das MalerinnenNetzWerk Berlin-Leipzig (MNW) mit, eine Vereinigung, die als eine Art Produzentengalerie agiert. Es entstand 2015 in Folge der Ausstellung "Die bessere Hälfte – Malerinnen aus Leipzig" in der Kunsthalle der Sparkasse. Thematisiert wurde damals auch, dass fähige Malerinnen deutlich weniger verdienten als ihre männlichen Kollegen, weniger bekannt seien oder als "Malersgattin" auf der Strecke blieben. Das MNW steht jeder Künstlerin in Leipzig offen. Inzwischen sind um 80 Namen auf der Homepage gelistet, darunter neben Rosa Loy auch die der Mitgründerinnen Gudrun Petersdorff, Corinne von Lebusa oder Miriam Vlaming.

Rosa Loy: Gartenbau-Ingenieurin und Malerin

Ausstellungsbesucher betrachten das Gemälde "Gravitation" von Rosa Loy
Das Gemälde "Gravitation" von Rosa Loy Bildrechte: imago/epd

Zur Malerei ist Rosa Loy auf einem kleinen Umweg übers Gärtnern gekommen. 1958 in Zwickau geboren, wuchs sie mit zwei Geschwistern in einer Gärtnerfamilie auf: "Am Wochenende mussten immer alle mit ran". Sie wollte die Familientradition fortsetzen, aber auch raus aus der Provinz und studierte so Gartenbau an der Humboldt-Universität Berlin. Wichtig war ihr, einen Beruf zu haben, mit dem sie ihren Lebensunterhalt würde verdienen können, wie sie erklärt. Mit dem Abschluss in der Tasche kam sie mit Anfang 20 nach Altenburg "in die Gurkenproduktion". Dort wollte sie nicht für den Rest ihres Lebens bleiben.

Nach einigen Berufsjahren durfte sie an der Leipziger HGB nochmal Kunst studieren, bei Felix Müller und als Meisterschülerin bei Rolf Münzner. Interesse und Leidenschaft für die Kunst habe ihre Mutter geweckt: "Sie war eine begeisterte Malerin, ich habe früh mit dem Zeichnen begonnen."

Eins mit sich, ein bisschen autonom und bald dreidimensional

Man könnte sagen, Rosa Loy ist bodenständig geblieben. Auf die Frage, ob wir nun angesichts von Krieg und Krisen das Ende einer Wohlstandsperiode erleben, antwortet sie: "Ich habe mir um mein tägliches Leben schon immer Gedanken gemacht: Wie ich früh aufstehe, wie ich auf Arbeit komme, wie ich lebe. Ich habe immer versucht, ein bisschen Autonomie zu haben." Da sie aus einer Gärtnerfamilie komme, wisse sie, was ein Stromausfall oder kein Wasser bedeute. So besitzen die Rauchs heute u.a. auch ein Notstromaggregat, einen Brunnen und eine Notfallpumpe. Wirklich preppen aber würde sie nicht. Aus Achtung vor den Mühen des Gärtnerns und Kultivierens macht sie das derartige Horten von Lebensmitteln fassungslos: "Neulich gab es in der Kaufhalle keine Gräupchen", wundert sie sich und kommt vom Alltag wieder auf die Kunst und ihre Bewunderung fürs Handwerk zu sprechen. Demnächst wird sie mit der Keramik noch ein ein neues, dreidimensionales kennenlernen: "Das ist gut für meinen Kopf und für meinen Körper."

Spannende Ausstellungen in Leipzig

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR-Café | 22. Mai 2022 | 12:00 Uhr

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