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Die Dresdner Fotografin Ricarda Roggan zählt zu den renommiertesten ihrer Generation. In ihren Fotografien herrscht Menschenleere – ob im Wald, verlassenen Orten oder alten Fabrikgebäuden. Bildrechte: Ricarda Roggan/Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

"Der dunkle Wunsch der Dinge"Ausstellung in Leipzig: Fotografin Ricarda Roggan rettet die Dinge vorm Vergessen

von Andreas Höll, MDR Kultur-Kunstredakteur

Stand: 18. Februar 2022, 10:26 Uhr

Das Museum der bildenden Künste Leipzig (MdbK) zeigt eine Einzelausstellung von Ricarda Roggan – eine der wichtigsten deutschen Fotografinnen der jüngeren Generation. "Der dunkle Wunsch der Dinge" heißt die Solo-Schau mit ihren Arbeiten aus unterschiedlichen Werkphasen sowie noch nie gezeigten Bildern. Alle Fotografien der Dresdner Künstlerin haben eines gemeinsam: sie wollen Dinge und Orte vor dem Vergessen bewahren – ob Treppenhaus, verlassenes Waldstück oder alte Spielautomaten.

Ricarda Roggan ist eine Fotokünstlerin, die ein eigenwilliges Gespür für die Magie der Dinge hat. Das können zum Beispiel Tische und Stühle aus DDR-Zeiten sein – auf die sie zufällig gestoßen ist. Wie etwa bei einem Projekt in ihrer Heimatstadt Dresden.

Dort habe sich Roggan 2003 bei einer Ausstellung am Festspielhaus Hellerau nachts eingeschlossen, um Tische und Stühle, die ihr zuvor aufgefallen waren, zu fotografieren. "Es konnte nur nachts geschehen. Es konnte nicht tagsüber geschehen", erklärt die Fotografin.

Mit analoger Fotokunst auf Spurensuche

Das nächtliche Inszenieren von Tischen und Stühlen – es fand seinen Niederschlag in einem meisterhaften Triptychon, mit dem die junge Künstlerin damals für Aufsehen sorgte. Es ist eine strenge Komposition, die gleichsam aus der Zeit gefallen scheint. Und trotz aller Abstraktion weckt sie Assoziationen an eine biblische Abendmahls-Szene oder an eine Gerichtsverhandlung.

Roggan inszeniert auf ihren Fotografien häufig Fotos und Stühle in besonderen Kompositionen. Bildrechte: Ricarda Roggan/Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Wie eine Archäologin macht sich Ricarda Roggan auf die Suche, um den alten Dingen wieder Leben einzuhauchen. Und mit den Mitteln der analogen Fotokunst will sie die abgelegten Gegenstände vor dem Vergessen retten. "Dieses Wegwerfen, das ständige Wegwerfen und was Neues haben wollen – das war mir immer ganz unbehaglich gewesen", erklärt Roggan.

"Man kann sie schon wegwerfen. Aber man muss unbedingt vorher ein sehr gutes Bild davon gemacht haben. Dann kann man es auch wegwerfen. Und wenn in diesem Bild dann diese Spuren sichtbar sind und diese Aufladung des Gegenstands mit der menschlichen Geschichte, die ihm widerfahren ist, dann ist alles gut."

Roggan fotografiert keine Menschen

In den Bildern von Ricarda Roggan sucht man vergeblich nach Menschen. Aber man kann ihren Spuren begegnen und ihren Überresten – wie zum Beispiel bei einer Fotoserie mit dem Titel "Set/Reset." Da geht es um eine verlassene Spielhalle im zypriotischen Nikosia. Ricarda Roggan hat die alten Videospiel-Automaten in einem ausgebrannten Café fotografiert.

In der Bilderserie "Set/Reset" widmet sich Roggan einer verlassenen Spielhalle auf Zypern. Bildrechte: Ricarda Roggan/Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Die Automaten seien aus Japan über die USA nach Zypern gelangt, erzählt Roggan. "Diese merkwürdige Geschichte dieser Reise, dieser Geräte, und dass sie so ausgebrannt dastanden mit ihren blinden Bildschirmen. Das hat mich sehr berührt."

Für die ausrangierten Videospiel-Automaten hat Ricarda Roggan eine eigene Architektur geschaffen. Mit Sprühdosen hat sie dort zugleich farbige Akzente gesetzt. So kommt es zu einer radikalen Verfremdung – die kaum noch an die frühere Spielhölle erinnert.

Atelier in New York trifft auf Leipziger Baumwollspinnerei

Auch bei ihrer jüngsten Arbeit wird die Fotografin zugleich zur Bühnenbildnerin. Es geht dort um ein sagenumwobenes Atelier in New York, dass ihr früherer Professor im Jahr 1971 fotografiert hat. Es war das Atelier des berühmten Konzept-Künstlers Walter de Maria – abgelichtet von Timm Rautert.

Minimalismus ist für die Fotografien von Ricarda Roggan typisch – einer ihrer Vorbilder ist Walter de Maria. Bildrechte: Ricarda Roggan/Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Mehr als 50 Jahre später hat nun Ricarda Roggan diese Räume rekonstruiert – in ihrem Atelier in der Leipziger Baumwollspinnerei. Roggan erklärt: "Im Grunde ist so eine Art von doppelter Hommage entstanden. Einmal an Timm Rautert, bei dem ich studiert habe und an Walter de Maria, den ich auch immer sehr verehrt habe, diesen Minimalismus, diesen Konzeptualismus."

Unspektakuläre Motive bekommen ihren großen Auftritt

Ricarda Roggan zeigt unspektakuläre Motive – mit formaler Präzision und untergründiger Poesie, wie zum Beispiel eine Liege in einer Ecke oder ein aufgebrochenes Stück Mauerwerk. So entsteht aus dieser imaginären Spurensuche etwas ganz Eigenes. Vergangenheit und Gegenwart verschmelzen und manchmal glaubt man – paradoxerweise – es handelt sich irgendwie auch um Erinnerungen an die Zukunft.

Mit ihren Fotos zeigt Roggan die untergründige Poesie von vermeintlich unspektakulären Motiven. Bildrechte: Ricarda Roggan/Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin

Informationen zur Ausstellung"Ricarda Roggan. Der dunkle Wunsch der Dinge"
10. Februar bis 8. Mai 2022

Museum der bildenden Künste Leipzig
Katharinenstraße 10
04109 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag, Donnerstag bis Sonntag, Feiertage 10 bis 18 Uhr
Mittwoch 12 bis 20 Uhr

Führung in der Ausstellung:
20.02. um 11 Uhr

Aktuell gilt für den Besuch des MdbK die 2G-Regelung. Zusätzlich ist eine Kontaktnachverfolgung notwendig.

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 18. Februar 2022 | 08:10 Uhr