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Der britische Aktionskünstler Tino Sehgal macht erlebte Situationen zu Kunst. Daher gibt es von seiner Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig kein Bildmaterial. Bildrechte: imago/Christian Kielmann

Museum der bildenden KünsteMdbK Leipzig zeigt Ausstellung von Tino Seghal – ohne Kunstwerke

von Wolfgang Schilling, MDR KULTUR

Stand: 21. April 2022, 04:00 Uhr

Das Museum der bildenden Künste Leipzig zeigt eine Ausstellung des britischen Aktionskünstlers Tino Sehgal. Keine Bilder, keine Fotos, keine Aufzeichnung werden präsentiert – bei Sehgals Werken zählen der Moment und die verkörperte Erfahrung.

Wenn man den 1976 in London geborenen Künstler Tino Sehgal zu einer Ausstellung seiner Werke einlädt, muss man davon ausgehen, dass er rein materiell nichts mitbringt, was man an die Wände hängen oder in die Räume stellen kann. Ihm geht es darum, bereits vorhandene Kunst in, wie er es nennt, "konstruierten Situationen" als ein persönliches Erlebnis für die Besucher zu gestalten.

So entstehen Kunstwerke, die nur im Moment der individuellen Begegnung existieren. Das war schon auf der documenta in Kassel zu erleben oder bei der Biennale in Venedig und sorgt nun am Leipziger Museum der bildenden Künste für Überraschung, Verunsicherung und jede Menge Krach.

Die neue Ausstellung im Museum der bildenden Künste Leipzig präsentiert Kunst von Tino Sehgal. Bildrechte: MDR/Bertram Kober

Schulklassen werden im MdbK Leipzig kreativ

Zum Beispiel bei der speziell auf Schulkinder zugeschnittenen Arbeit "This Success/This Failure", bei der eine Schulklasse in einem völlig leeren Raum, einer der großen Innenraum-Terrassen des Museums, das Haus zu ihrer Spielwiese machen darf. Hier ist alles erlaubt, ohne dabei etwas in den Händen zu haben. Spielzeug oder Kuscheltiere sind genauso verboten wie Bücher, Stifte oder Smartphones.

Da wird Kreativität und soziales Miteinander aus sich selbst herausgeschöpft. Ohne Tabus – will heißen, es darf nach Herzenslust gespielt, gelacht, gesungen und auch Krach gemacht werden. Bei meinem Besuch hängen die Jungen und Mädchen mit großer Freude über der Brüstung der Terrasse und fordern andere Besucher auf, mit ihnen Hasche zu spielen. Der Geräuschpegel in den hellhörigen heiligen Hallen ist ein ganz besonderer.

Ausstellung von Tino Sehgal irritiert – im positiven Sinn

Kurz interessieren sich die Kinder auch mal für die zwei jungen Frauen, die sich eine Etage weiter unten, wild und innig küssend, in einem von Tino Sehgal aus Museumsbeständen zusammengestellten Plastik-Parcours auf dem Boden wälzen. Ein älteres Paar schleicht sich irritiert vorbei. Andere nehmen in sicherer Entfernung auf den Emporen die Voyeurs-Position ein. Diese Arbeit nennt sich "Kiss" und ist von klassischen Kuss-Darstellungen der Kunstgeschichte inspiriert.

Doch während diese Vorbilder sich dem Betrachter in der Regel bewegungslos präsentieren, geht bei diesem Paar die Post ab. Über 45 Minuten und in immer wieder wechselnden geschlechtlichen Konstellationen ist das aber keine zufällige Knutscherei, sondern ein exakt durchchoreografiertes Frühwerk von Tino Sehgal, der als junger Mann selbst einmal Tanz studiert hat.

Wie Sehgal den Alltag im Leipziger Museum verändert

Wem das zu intim ist, der kann andernorts einem Denkenden beim Denken zuschauen oder sich von einer eigenwillig gestikulierenden jungen Frau in ein intensives Gespräch über Gesprächskultur verwickeln lassen oder einer von Beethoven inspirierten Gesangs-Komposition des Künstlers lauschen. Oder auch nicht. Schließlich gibt es ja auch noch die Kunst, die unberührt von diesem Budenzauber wie immer präsentiert wird.

Wobei unberührt eigentlich das falsche Wort ist. "Für unser Aufsichtspersonal, für mein Team, für mich hat das auf jeden Fall sehr viel verändert. Hier findet eine Aktivierung der Museumsräume statt, in jedem Raum passiert jetzt erstmal etwas. Das ist eine künstlerische Geste, und darüber zu reflektieren, lädt unser Museum jetzt ein", fasst Direktor Stefan Weppelmann die bisherigen Erfahrungen mit dieser außerordentlichen Situation in seinem Haus zusammen.

Angaben zur Ausstellung

  • Tino Sehgal
  • Laufzeit: 7. April bis 24. Juli 2022
  • Ausstellungsort: Museum der bildenden Künste Leipzig I Katharinenstraße 10, 04109 Leipzig
  • Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag bis Sonntag: 10 bis 18 Uhr, Mittwoch: 12 bis 20 Uhr, Feiertage: 10 bis 18 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | 21. April 2022 | 12:40 Uhr